21.09.2020 - 13:56 Uhr
AmbergOberpfalz

Neubau in Amberg: Stadtrat sieht historisches Arbeiterviertel gefährdet

Ein Neubau in der Katharinenfriedhofstraße erzürnt SPD-Stadtrat Dieter Amann. Der sieht das historische Arbeiterviertel mit seinen Doppelhäusern dadurch erheblich gestört. Die Diskussion zeigt: Alles ist legal, wenn auch nicht gelungen.

Über diesen Neubau an der Katharinenfriedhofstraße regt sich SPD-Stadtrat Dieter Amann auf. Er findet, das neue Gebäude zerstöre den Charakter dieser Siedlung aus den 1930er Jahren.
von Andreas Ascherl Kontakt Profil

Gängige Praxis in der Stadt Amberg ist es im Gegensatz zu vielen Landkreisgemeinden, dass der Bauausschuss nur in Ausnahmefällen zur Genehmigung von Bauanträgen herangezogen wird. Im Zuge der Entbürokratisierungen entscheidet hier das Baureferat anhand der vorliegenden Vorschriften, Gesetze oder Bebauungspläne. Deshalb verwundert es nicht, dass Stadtrat Dieter Amann (SPD) von einem Neubauprojekt in der Katharinenfriedhofstraße im Vorfeld nichts wusste und vom Ausmaß dieses Objekts völlig überrascht ist. Oder vielmehr ihn dieses böse erzürnte.

Die Katharinensiedler beklagen schon länger den Ausverkauf ihres Viertels

Amberg

Dort, in der Katharinenfriedhofstraße, wurde eines der alten Doppelhäuser aus den 30er Jahren abgerissen und wird derzeit durch einen Neubau ersetzt. Durch einen ziemlich großen Neubau sogar, wie sich Amann in der Sitzung des Bauausschusses echauffierte. Anstelle des kleinen Häuschens mit seinen rund 83 Quadratmetern reiner Wohnfläche entsteht laut Amann ein Ersatzbau in Holzbauweise mit künftig fünf Wohneinheiten und vier Stellflächen auf dem Grundstück. Der Charakter des Viertels sei praktisch zerstört, so etwas könne doch nicht angehen, machte Amann deutlich.

Doch tatsächlich ist es so, wie sich in der Diskussion sehr schnell herausstellte, dass der Neubau völlig legal und gesetzeskonform ist. "Alle Kennzahlen werden eingehalten", so der Kommentar des Baureferenten. Da es für die alte Katharinensiedlung keinen Bebauungsplan gibt, müsse hier nämlich der Paragraf 34 des Baugesetzes angewendet werden, welcher einen solchen Ersatzbau unter Einhaltung der erforderlichen Vorschriften möglich mache. Und die seien im konkreten Fall alle erfüllt.

Dieter Amann sieht das nicht nur ein bisschen anders. Abgesehen davon, dass ihm beschieden worden ist, das Gebäude füge sich gemäß § 34 in die Eigenart der näheren Umgebung ein, erinnerte er sich als altgedienter Stadtrat eines Rahmenplans, der im Jahr 2001 für das Katharinenviertel gemacht worden sei mit dem Ziel, den typischen Charakter der Siedlung zu erhalten. Sanierungen und Erweiterungen sollten dadurch durchaus möglich gemacht werden – allerdings ohne das Gesamtbild zu stören. "Wenn man schon einen solchen Rahmenplan hat, muss man ihn auch einhalten", argumentierte Dieter Amann.

So ist es eben nicht, musste er sich von Baureferenten Markus Kühne korrigieren lassen. "Ein Rahmenplan ist nicht mehr als eine nette Absichtserklärung", erläuterte der und gab den Hinweis, nur durch einen Bebauungsplan lasse sich die gewünschte Art der Bebauung exakt festlegen. Einen solchen, so erinnerte sich Josef Witt (ÖDP) habe man im Stadtrat um 2009 herum tatsächlich für das Katharinenviertel in Angriff genommen. "Warum dann nichts gemacht worden ist, ist mir aber nicht bekannt." Wahrscheinlich, weil man keinen Bedarf sah, da sich die Bewohner an die Vorgaben des Rahmenplans hielten, so der Ausfluss der Diskussion.

Der Oberbürgermeister führte noch einen anderen Aspekt in die Diskussion ein. Nachverdichtung sei ja durchaus gewollt und gefordert vom Integrierten Städtebaulichen Entwicklungskonzept (ISEK). Mit der Absicht, dadurch Flächen zu sparen und im Außenbereich weniger davon zu verbrauchen. "Wenn wir aber dichter bauen lassen, dann sind die Nachbarn nicht einverstanden", sagte Michael Cerny. Aber warum nicht im Nachgang einen Bebauungsplan aufstellen, um künftig solche Dinge zu vermeiden? Damit, so die einhellige Meinung, macht man sich nur unglaubwürdig angesichts des nun schon vorhandenen Präzedenzfalls. "Unsere Rahmenplanung ist damit jedenfalls Makulatur", stellte Dieter Amann fest und ergänzte: "Damit kann hier jetzt jeder bauen, wie er will." Die Siedlung, so ergänzte Rudolf Maier (CSU), sei auf jeden Fall durch den Neubau "gestört".

Kommentar:

Was erlaubt ist, ist nicht immer schön

Nicht immer ist das, was erlaubt ist, auch schön. Stadtrat Dieter Amann von der SPD hat sich darüber aufgeregt, dass der Neubau entlang der Katharinenfriedhofstraße dort einfach nicht hinpasst und den Charakter des fast 100 Jahre alten Viertels zerstört. Ästhetisch gesehen mag Amann durchaus recht haben, rechtlich betrachtet hat sich der Bauherr an alle Vorgaben des Baugesetzes gehalten. Und weil es für die Katharinensiedlung keinen Bebauungsplan gibt, der konkrete Gebäudegrößen, Abstände und Gestaltungselemente vorschreibt, ist dieser gesetzliche Rahmen eben sehr weit zu ziehen. Dem städtischen Bauamt ist also kein Fehler unterlaufen, als dort der Abriss und Neubau in der jetzigen Form erlaubt worden sind. Trotzdem ärgert sich Amann fürchterlich. 2001 haben die Katharinensiedler und die damaligen Stadtplaner gemeinsam einen Rahmenplan für das Viertel ausgehandelt, in dem festgehalten wurde, dass so umgebaut und erneuert werden soll, dass der typische Siedlungscharakter nicht gestört wird. Aber ein Rahmenplan ist halt nur eine Empfehlung, Rechtsverbindlichkeit besitzt er nicht. Trotzdem sind im nachhinein diejenigen die Angeschmierten, die sich in den vergangenen fast 20 Jahren daran gehalten haben.

Andreas Ascherl

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Kommentare

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Martin Hoffmann

Lieber Herr Dieter Amann,

genau aus diesem Grund gibt es so viel Unmut bei vielen Bauherren in Amberg, unter denen auch ich gerade zähle.
Da redet man im Stadtrat immer davon, wir müssen moderner werden und innovativ. Aber leider lässt es der Bebauungsplan oft gar nicht zu. Und ich rede jetzt nicht von einem zehnstöckigen Haus mitten neben einem Kindergarten, von denen wir ja auch zu wenig haben. Nein, sondern einfach nur davon sein Haus um 3° drehen zu wollen, eine andere Dachziegelfarbe zu haben und nicht gleich auszusehen wie die 800 Häuser nebenan.
Denn genau dieses Bild, alles wie aus dem gleichen Ei gepellt, ist ziemlich langweilig und alles andere wie modern und innovativ.
Geschichtlich sollte man die 30er Jahre nicht vergessen, aber die Baufälligen Häuser von damals, die eventuell ersetzbar sind und kein Kulturgutdarstellen, darf man auch modern machen.

Im Endeffekt sollte man froh sein, das Leute in Amberg bleiben wollen und Geld in die Hand nehmen.

Hochachtungsvoll
Martin H.

23.09.2020