21.09.2018 - 12:00 Uhr
AmbergOberpfalz

Offener Brief zum Bürgerspital-Projekt

Er sorgt sich um den Schutz des „einzigartigen Altstadt-Ensembles“ und hat seine Sicht der Dinge noch einmal in einem offenen Brief kundgetan: Professor Rolf Monheim hat die Amberger Stadträte angeschrieben.

Professor Rolf Monheim kann sich mit den Plänen für das Bürgerspital-Areal in Amberg nicht anfreunden.
von Uli Piehler Kontakt Profil

Monheim warnt davor, den vorhabenbezogenen Bebauungsplan für das Bürgerspitalgelände am Montag, 24. September, in seiner vorliegenden Form zu verabschieden. Mohnheim kritisiert insbesondere die in der Bahnhofstraße vorgesehene Tiefgarageneinfahrt und die Größe des unterirdischen Parkhauses.

„Das jetzige Konzept ... entspricht Vorstellungen der 1960er-Jahre“, schreibt er. Auch zur Gestaltung des Gebäudekomplexes findet der Professor kritische Anmerkungen. Die Sitzung des Stadtrates am Montag beginnt um 17 Uhr.

Die Tagesordnung der Stadtratssitzung

Offener Brief im Wortlaut:

Im Hinblick auf die weitreichenden Folgen, die eine Verabschiedung des vorhabenbezogenen Bebauungsplans Nr. 134 „Bürgerspitalareal“ in der vorliegenden Form hätte, möchte ich mich als ein für die Zukunftsfähigkeit historischer Innenstädte seit 45 Jahren eintretender Wissenschaftler und Stadtplaner auf diesem Weg direkt an Sie wenden, um Sie über meine Bedenken zu informieren.

Vorab möchte ich betonen, dass ich bei meinem erneuten Besuch in Amberg sehr beeindruckt über das hervorragende Erscheinungsbild der Amberger Altstadt und ihre Lebendigkeit war. Sicher haben auch Sie zu dieser gedeihlichen Entwicklung beigetragen. Umso mehr befürchte ich, dass die vorliegenden Planungen zum Bürgerspitalprojekt zur unwiderruflichen Schädigung der Altstadt führen werden.

Dies betrifft insbesondere die Anlage einer Tiefgaragenzufahrt mitten in der als Zugang vom Bahnhof und der dortigen Tiefgarage wichtigen Fußgängerzone Bahnhofstraße, zumal deren für die die angestrebte Wiederbelebung des historischen Ensembles der Gewehrfabrik wichtige Standortqualität erheblich beeinträchtigt würde.

Diese Planung folgt aus den Bestrebungen des Investors, eine deutlich überdimensionierte Tiefgarage zu errichten. Ein Vergleich mit dem wesentlich größeren Bauvorhaben des Bamberger Quartiers an den Stadtmauern, das derzeit durch die Sparkasse errichtet wird, zeigt die zeitgemäße Alternative. Nach 15 Jahren unangepasster Planungen wurde dort ein dem Standort angemessenen Konzept gefunden. Dabei wurden überdimensionierte Vorstellungen für Einzelhandelsflächen und eine Tiefgarage aufgegeben. Obwohl REWE als Ankermieter einziehen wird, soll die Tiefgarage nur für die Mieter und Gäste des im Projekt angesiedelten Hotels zugänglich sein (bei 50 Wohnungen und 130 Hotelzimmern 100 Stellplätze). Es ist also sehr wohl möglich, einen Nahversorger zu gewinnen, ohne diesem im eigenen Haus Stellplätze anzubieten.

Die in der Podiumsdiskussion vom CSU-Fraktionsvorsitzenden Mußemann aufgestellte Behauptung, man benötige diese Tiefgarage, da die Kunden unbedingt vor dem Geschäft parken wollten, trifft also nicht zu und wird auch von den zahlreichen attraktiven Einzelhändlern in der Amberger Fußgängerzone widerlegt. Die Stellplätze im Bürgerspitalprojekt sollten nur nach der Zahl der Wohnungen und Gewerbetreibenden (als Dauermieter) bemessen werden. Dabei böte u.U. die Einführung von Car Sharing zusätzliche Einsparmöglichkeiten (ein Car Sharing Auto ersetzt 10 individuelle Pkw). Es wäre bei dieser Größenordnung zu prüfen, ob eine automatische Tiefgarage weitere Einsparmöglichkeiten bieten könnte, auch mit dem Effekt, die Einzelhandelsfläche in das Untergeschoss auszuweiten, was die Attraktivität des Ankermieters und die Wirtschaftlichkeit des Projektes erhöhen würde.

Sehr geehrte Mitglieder des Stadtrates, das jetzige Konzept umfangreicher Stellplätze und einer Tiefgaragenzufahrt inmitten der Fußgängerzone entspricht Vorstellungen der 1960er Jahre. Nach meinen Erfahrungen mit Besucherbefragungen in verschiedenen Städten lehnen mindestens doppelt so viele Innenstadtbesucher dieses ab als es befürworten. Sie würden sich damit ein „Denkmal der Stadtbeschädigung“ schaffen, welches Ihre Amtszeit überdauern und die Erinnerung daran trüben würde. Wem ist damit gedient? In Bamberg ist zwar die Einsicht der städtischen Sparkasse in ihre gesellschaftliche Verpflichtung nur langsam (und nicht ganz freiwillig) gereift, ein derartiger Diskussionsprozess unter kräftiger Mitwirkung konstruktiver Kritik aus Stadtrat und Bürgerschaft hat aber zu einem für die Stadtentwicklung nachhaltigen Ergebnis geführt.

Dieses Umdenken erscheint mit umso wichtiger, als der Erfolg von Innenstädten heute entscheidend von ihrer Verweilqualität abhängt, da die Menschen sich dort nicht einfach nur „versorgen“ möchten, sondern ein Wohlfühlerlebnis suchen, zu dem die gute Qualität öffentlicher Räume und deren Belebung durch entspannte Besucher entscheidend beitragen. Hier bietet Amberg hervorragende Voraussetzungen. Diese zu pflegen und weiter zu entwickeln, ist gerade im Wettbewerb mit den attraktiven historischen Nachbarstädten Nürnberg und Regensburg von erheblicher Bedeutung! Die vorgesehene Tiefgarageneinfahrt schädigt Ambergs Stellung als Ziel für Einkäufer und touristische Besucher!!!

Ein weiterer kritischer Gesichtspunkt des Bürgerspitalprojektes betrifft dessen Gestaltung. Diese wiederspricht den von der Stadt für das Altstadtensemble festgelegten Prinzipien. Das Problem ist meines Erachtens weniger die Länge der Straßenfront, als deren Gliederung (warum sollen z.B. querliegende Fensterbänder zulässig sein, während die Fenster überall sonst Hochformat haben?). Angesichts zahlreicher Neubauprojekte in der Altstadt, die sich gut in das Ensemble einfügen, sollte es möglich sein, an diesem historisch bedeutsamen Standort eine passende Lösung zu entwickeln, auch wenn der Investor und sein Architekt hier bisher an einer Gestaltung hängen, wie sie überall in Geschäftsbereichen passen würde – aber eben nicht zu Ihrem wunderbaren Amberg. Auch hier stehen Sie in der Verpflichtung zum Schutz des einzigartigen (!) Altstadtensembles, statt einen externen Investor zufrieden zu stellen. Das Bamberger Beispiel zeigt: es lohnt sich, um die beste Lösung zu ringen – und es braucht ja auch nicht gleich 15 Jahre zu dauern. Aber einmal falsch in einem städtebaulich sensiblen Bereich Betoniertes können Sie nicht mehr ungeschehen machen.

Ich hoffe auf Ihr Verständnis für mein Engagement und wünsche Ihnen eine mutige und gute Entscheidung. Es geht nicht nur um Fragen des Stadtbildes, sondern um die Stärkung Ambergs im Wettbewerb mit seinen erfolgreichen, historisch geprägten Nachbarn Nürnberg und Regensburg angesichts der zunehmenden Orientierung der Bürger an „weichen“ Qualitäten. Und es geht nicht zuletzt um die Bewahrung von Heimat! Das bedeutet „konservativ“ im besten Sinn! Umfragen zeigen, dass Städte, die sich dafür in der Vergangenheit eingesetzt haben, heute von ihren Bürgern und Besuchern am besten bewertet werden.

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