24.09.2021 - 12:02 Uhr
AmbergOberpfalz

Romantischer Premieren-Zauber im Stadttheater Amberg

Dieter Müller ist ein gefragter Dirigent und ein ebenso versierter Komponist. Beim Konzert im Stadttheater Amberg zeigt er sich mit Erst- und Uraufführungen von der romantischen Seite. Wie aus Gedichten Musik wird, erzählt er im Interview

Dirigent und Komponist Dieter Müller
von Anke SchäferProfil

ONETZ: Herr Müller, „Mondbeglänzte Zaubernacht“ – das klingt nach Romantik pur. Welche Komponisten haben Sie für dieses verheißungsvolle Konzert ausgewählt?

Dieter Müller: Was die Romantiker, also die Komponisten des 19. Jahrhunderts angeht, so haben wir Robert Schumanns „Im Schatten des Waldes“ op. 29/3 und Felix Mendelssohn-Bartholdys „Sechs Chorlieder“ op. 41 mit in das Programm genommen. Beide Werke werden übrigens erstmals in einer Fassung für Chor, Soli und Kammerorchester zu hören sein. Die Instrumentierung beider Werke besorgte ich selbst. Die Instrumentalfassung der „Sechs Chorlieder“ von Mendelssohn schuf ich komplett neu und bei der Komposition von Schumann griff ich auf eine bereits vorhandene Instrumentation zurück und richtete sie für unsere Zwecke entsprechend neu ein. Als instrumentales romantisches Werk wird im Übrigen das Stück „Chanson De Nuit“ op. 15/1 für kleines Orchester des englischen Romantikers Edward Elgar zu hören sein.

ONETZ: Man verrät aber wohl auch nicht zu viel, wenn man auf die vorgesehenen Ur- und Erstaufführungen Ihrer eigenen Werke hinweist. Was genau haben Sie da geplant?

Dieter Müller: Der zweite Teil des Programmes wird ganz von meiner kompositorischen Handschrift geprägt sein. Zum einen haben wir das Orchesterwerk „Pictures From The Past“ ausgewählt und zum anderen den im vergangenen Jahr entstandenen Chorzyklus „Mondbeglänzte Zaubernacht“ für Chor und kleines Orchester. Das Orchesterwerk ist in der ursprünglichen Kammerensemblefassung bereits 2011 entstanden. Die zu einem Kammerorchester erweiterte Version schrieb ich ebenfalls im vergangenen Jahr, als die Theater und Konzertsäle geschlossen waren.

ONETZ: Worauf beziehen sich die "Bilder aus der Vergangenheit"?

Dieter Müller: In dem Werk werden musikalische Bilder, die aus der Zeit um 1970 herum entstanden sind, aufgegriffen und in ein neues musikalisches Gewandt gekleidet. Die vier Sätze dieser Orchestersuite beziehen sich also auf ganz konkrete Lebenssituationen oder -gefühle aus der Zeit der späten 1968er, wobei das Werk, im Rückblick auf diese Zeit, einen durchaus romantischen Kontext verkörpert. Bilder und Erinnerungen aus früheren Zeiten werden ja gerne verklärt und romantisierend betrachtet.

ONETZ: Verraten Sie auch mehr zum tatsächlich noch ungehörten Werk ?

Dieter Müller: Die eigentliche Uraufführung ist der Chorzyklus „Mondbeglänzte Zaubernacht“: Hier reihen sich drei Chorkompositionen mit sehr stimmungsvollen Inhalten und auch Klängen aneinander. Der Zyklus entstand in drei Arbeitsprozessen. Zuerst dachte ich an eine reine Chorfassung. Sobald diese abgeschlossen war, geisterte das Klavier als zusätzliche „Farbe“ in meinem Kopf herum und mit dem nachträglich hinzugefügtem Klavierpart arbeitete ich gleichzeitig die dritte und die im Konzert zu hörende Fassung aus.

ONETZ: Wie darf man sich überhaupt das Entstehen einer Komposition vorstellen: „Schwirrt“ zunächst eine Melodie durch den Kopf oder nähert man sich von der theoretisch-thematischen Seite?

Dieter Müller: Johannes Brahms schwärmte einmal, anlässlich eines Sommerurlaubs am Wörthersee, „…dass hier so viele Melodien herum schwebten, dass man darauf achten müsse auf keine zu treten“. Er schöpfte immer aus dem Vollen. Von anderen Komponisten, ich denke hier z.B. an Beethoven, wissen wir, dass er aus einem einzelnen Kernmotiv – denken wir an die vier „bam, bam, bam, baa’s“ zu Beginn seiner 5. Sinfonie – große sinfonische Gebäude errichten konnte.

ONETZ: Und wie halten Sie es?

Dieter Müller: Ich gehe ich meiner Schaffensweise so vor, dass als erstes die Idee als Ganzes entsteht. Dann, wie in dem Fall des Chorliederzyklus, suche ich die passenden Texte aus. Das ist ein sehr zeitaufwändiger Arbeitsprozess, bei dem ich eine Vielzahl von Lyrik lese, bevor eine endgültige Auswahl getroffen wird. Als nächstes untersuche ich Versmaß und -metrik der Texte, deren Aussage und Stimmungsgehalt. So entstehen nach und nach die ersten Klangskizzen, die ich mir auf meinem immer mitgeführten Skizzenheft notiere und weiterentwickle. Ist eine erste Melodie entstanden, dann untersuche ich sie nach all den vielen Möglichkeiten, die sich in ihr verbergen. In dem Chorlied „Mondbeglänzte Zaubernacht“ z.B. verwende ich die Melodie in ihrer Grundform, als Krebs und in der Umkehrung. Allerdings nicht im strengen Stil, sondern in einer „freieren“ Schreibweise; auch werden Melodieelemente in Begleitstrukturen wiederverwendet.

ONETZ: Komponieren Sie bevorzugt zu konkreten Anlässen?

Dieter Müller: Ja, denn ohne einen bestimmten Anlass entstünden nur „Schubladenkompositionen“. Auch wenn die letzten Werke in Zeiten der langen Lockdowns entstanden sind, so war immer die klangliche Umsetzung – wann auch immer – der eigentliche Motor.

ONETZ: Nutzen Sie ausschließlich das Klavier oder kommt auch digitale Technik zum Einsatz?

Dieter Müller: Zum einen arbeite ich bestimmte Bereiche erst einmal im Kopf aus. Natürlich probiere ich die eine oder andere Idee am Klavier oder spiele mit Skizzen, die sich dann weiterentwickeln, festigen oder auch wieder ad acta gelegt werden. Als digitale Technik verwende ich nur ein hervorragendes Notenschreibprogramm, mit dem ich auch – bedingt durch die klangliche Kontrolle – die ersten Korrekturen vornehmen kann.

ONETZ: Wie lange dauert es dann durchschnittlich vom ersten Notenkopf auf dem Papier bis zur fertig ausgearbeiteten Partitur? Verwerfen Sie dabei auch Fassungen?

Dieter Müller: Die Zeitspanne ist oft von der gegebenen Vorlaufzeit abhängig und natürlich von dem Umstand, dass die Arbeit nicht unterbrochen wird. Wenn die Ideen fließen, dann kann es schnell gehen, wenn jedoch – aus welchen Gründen auch immer – unterbrochen werden muss, die Arbeit einige Zeit zum Stillstand kommt, dann braucht es natürlich, bis man wieder drin ist, länger. Ideen oder auch zum Teil fertig ausgearbeitete Fassungen können natürlich auch im Papierkorb landen. Jedoch hebe ich mir in den meisten Fällen die verworfene Fassung auf, um die Idee eventuell später wieder zu verwenden.

ONETZ: Und wenn das Werk dann fertiggestellt und von den Ausführenden einstudiert wird – welche Gefühle begleiten Sie durch so ein erstes Hören der eigenen Schöpfung?

Dieter Müller: Das ist immer ein spannungsvoller Moment. Zum einen sind die emotionalen Gefühle hier sehr stark und zum anderen bemerke ich dann immer wieder Stellen, die – aus welchen Gründen auch immer – geändert werden müssen. Das ist letztendlich der Prozess, in dem die eigene Klangvorstellung den Ausführenden vermittelt werden muss. Das Emotionale muss hierbei mit dem Rationalen in Einklang gebracht werden.

ONETZ: Werden Sie die Ur- und die Erstaufführung diesmal vielleicht noch einmal anders erleben nach der schier endlosen Stille des Lockdowns?

Dieter Müller: Das Erlebnis einer Ur- oder Erstaufführung ist für mich immer unabhängig vom Konzertanlass. Natürlich macht es etwas aus, wenn ich nach der Größe von Musik, Ensemble, Raum und Publikum schaue, aber ein Konzerterlebnis als solches ist und bleibt immer etwas Einzigartiges. Tatsächlich ist jede Aufführung so etwas wie eine Uraufführung, denn jedes Mal erklingen die Noten anders. Es gibt nicht – um wiederum ein Beispiel zu nennen – die „5. Sinfonie“ von Beethoven, nein, sie entsteht bei jeder Aufführung neu. Selbst ein neu komponiertes Werk ist letztendlich eine weitere Variante aus dem unendlichen Kosmos von Tönen und Klängen, und welche Vielzahl anderer Werke steht hinter diesem einen Werk, welches als ein „Neues“ im Programm ausgewiesen ist.

Ausblick auf Klaviermusik in Vilseck

Vilseck

Interview mit Hans-Jürgen Buchner

Deutschland & Welt
Dirigent und Komponist Dieter Müller (rechts) gestaltet mit der Amberger Chorgemeinschaft (hier nach einem Konzert 2019) und Gästen eine "Mondbeglänzte Zaubernacht" im Stadttheater Amberg.
Hintergrund:

Zu Person und Konzert

  • Dieter Müller ist studierter Dirigent und Flötist.
  • Von 1989 bis 2020 unterrichtete der gefragte Chor- und Orchesterdirigent die Fächer Musikpraxis und Theorie an der Berufsfachschule für Musik des Bezirks Oberpfalz in Sulzbach-Rosenberg.
  • Müller leitet seit 2007 die Amberger Chorgemeinschaft
  • Als Uraufführung wird die erste öffentliche Aufführung überhaupt bezeichnet, eine Erstaufführung ist die erste Aufführung an einem bestimmten Ort, beispielsweise einer Stadt.
  • Am Sonntag, 14. November, 19 Uhr leitet er im Stadttheater Amberg das Konzert "Mondbeglänzte Zaubernacht – ein lyrisch-musikalischer Abend" mit der Amberger Chorgemeinschaft, dem Vokalensemble Freund & friends und dem arton ensemble.
  • Tickets 25 Euro, ermäßigt 20 Euro, Vorverkauf ab Anfang Oktober bei der Tourist Information Amberg, Tel. 09621/101233

 

 

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