10.08.2021 - 16:08 Uhr
AmbergOberpfalz

Schlackenhalde der Luitpoldhütte wird zum Amberger Energieberg

Hier hat die Amberger Luitpoldhütte über viele Jahrzehnte hinweg Schlacke und andere Abfälle abgeladen. Hier haben die Fußballer des SV Luitpoldhöhe mehr als zehn Jahre lang gekickt. Jetzt wird auf dem Hügel ein neues Kapitel aufgeschlagen.

Auf der ehemaligen Schlackenhalde der Luitpoldhütte entsteht eine große Freiflächen-Photovoltaikanlage. Ein Spezialfahrzeug fräßt derzeit Gräben für die Kabelverbindung der Module in den Boden.
von Andreas Ascherl Kontakt Profil

Es ist ein Eintritt in eine andere Welt. Hier oben auf der ehemaligen Schlackenhalde der Luitpoldhütte an der Sulzbacher Straße ist es karg und trocken. Der Boden staubt, die Sonne brennt hier trotz relativ niedriger August-Temperaturen gnadenlos. Diese Sonne ist der Grund, warum hier ein seltsam anmutendes Kettenfahrzeug Gräben in den Boden fräßt und den unverkennbaren Geruch der Luitpoldhütte freilegt. Denn hier, auf den Hinterlassenschaften von mehr als einem Jahrhundert Industrieproduktion, wo zwischen 1946 und 1958 die ruhmreichen Kicker des SV Luitpoldhöhe dem Ball hinterherjagten, entsteht eine große Freiflächen-Photovoltaikanlage.

Noch ist von den Modulen nichts zu sehen, die später einmal die Sonne in elektrische Energie umwandeln werden. Augenblicklich laufen nur die Vorbereitungen für diese. Arbeiter der Firma ZPV aus dem oberfränkischen Trebgast, der beauftragte Generalunternehmer, verlegen die Leitungen, die diese Module später einmal mit den Wechselrichtern verbinden werden. Eine andere Firma baut gerade einen Zaun um die künftige Photovoltaikanlage, die für die nächsten 25 bis 30 Jahre hier stehen wird. Volker Zehender, der Junior-Chef von ZPV, sitzt derweil in einem umgenutzten Campingbus und jagt Daten durch den Computer.

Zehn Megawatt-Peak Leistung

Fast zehn Hektar groß wird die Photovoltaikanlage auf dem Schlackenberg am Ende sein, gut zehn Megawatt-Peak an Energie wird sie ins öffentliche Stromnetz einspeisen. Hinter der Anlage stecken der Ur-Luitpoldhöher Herbert Schmidt und der Gebenbacher Architekt Markus Rösch, die seit einigen Jahren schon gemeinsame Sache bei der Produktion von alternativen Energien machen. So erzeugen sie unter anderem mit ihrem Partner Dragan Stefanovic in Sulzbach-Rosenberg aus Biomasse Wasserstoff. Gut 6,7 Millionen Euro, so sagt Markus Rösch, investieren er und Schmidt in den Aufbau der Photovoltaik-Anlage auf dem Schlackenberg. Kein Invest übrigens, das sich schnell amortisiere. Eher etwas sehr Solides mit einer stabilen Verzinsung über die Jahre hinweg. "Das war vor zehn Jahren noch anders", erinnert sich Markus Rösch an die Zeiten, als für Solarstrom noch richtig Geld bezahlt wurde. "Da war es schon eine ziemliche Goldgräberstimmung."

Goldgräber sind die beiden Energie-Unternehmer eigentlich keine. Und dass sie jetzt eine Photovoltaikanlage auf den Schlackenberg bauen, ist auch eher einem Zufall geschuldet. Als nämlich Herbert Schmidt vor Jahren große Teile des Erzbergs aus der Konkursmasse der Luitpoldhütte gekauft hat, wurde ihm vom Insolvenzverwalter zusätzlich die Schlackenhalde der LH entlang der Sulzbacher Straße angeboten. Schon damals gab es für das Areal die Genehmigung für den Bau einer vier Hektar großen Freiflächen-Photovoltaikanlage. "Wir haben gedacht, ja dann machen wir halt diese vier Hektar", erinnert sich Herbert Schmidt. Aus den vier Hektar sind inzwischen knapp zehn geworden. Nicht zuletzt, weil der Amberger Stadtrat das so wollte. Weil er im Zeichen der Energiewende dafür geeignete Flächen möglichst vollständig für die Erzeugung von regenerativer Energie nutzen wollte.

100 Prozent Ausgleichsflächen

Die Umsetzung dieses Wunsches war aber dann doch nicht so einfach, wie Herbert Schmidt erzählt. Denn der Schlackenberg war als Biotop kartiert, obwohl er eigentlich keines war. Damit müssen die beiden Energie-Unternehmer nicht die üblichen 20 Prozent der Anlage als Ausgleichsflächen an anderer Stelle nachweisen. Für sie gilt eine Kompensation von 100 Prozent. "Ungefähr acht Hektar an Ausgleichsflächen können wir auf dem Erzberg schaffen", so erzählt Markus Rösch. Dazu kommen zwei Hektar Wald bei Mimbach, die für diesen Zweck in einen Mischwald aus Eichen, Hainbuchen und Winterlinden umgebaut werden müssen. "Das sind schon gewaltige Hürden", kommentiert Rösch das.

Doch die Ausgleichsflächen waren nicht die einzigen Probleme, die es vor Baubeginn zu meistern gab. Seit dem Start des Bebauungsplanverfahrens im März 2019 mussten beispielsweise Blend- und Sichtbarkeitsgutachten beigebracht werden. Schließlich hat die Anlage einen erhöhten Standpunkt. "Unsichtbar wird sie natürlich nicht sein", sagt Markus Rösch, verweist aber darauf, dass die Module so angeordnet werden müssen, dass sie die Belästigung für die Menschen in Luitpoldhöhe, Neuricht oder Ammersricht möglichst gering halten. Die Module selbst sind blendarm, wie Volker Zehender vom Generalunternehmer ZPV bestätigt. Zudem sind sie "bi-facial" aufgebaut. Das heißt, dass die Rückseite statt mit Kunststoff ebenfalls mit Glas bezogen ist. Das erleichtert das spätere Recycling der Module und erhöht die Leistung um rund drei Prozent, wie Markus Rösch weiß.

Strom ab Februar 2022

Noch laufen die Vorarbeiten, Ende August geht es an die Aufstellung der Module. Ende November ist die Anlage dann theoretisch fertig, das Kabel zum nahen Umspannwerk der Stadtwerke kann gelegt werden. Was dann noch noch fehlt, ist die vorgeschriebene Zertifizierung der Anlage. Herbert Schmidt und Markus Rösch rechnen daher mit einer realistischen Inbetriebnahme nicht vor Februar 2022. Dann leistet diese Anlage einen kleinen Teil dessen an erneuerbarer Energie, deren zunehmende Produktion der immer schneller fortschreitende Klimawandel von uns verlangt.

Mehr über die Energieunternehmer aus Stadt und Landkreis

Sulzbach-Rosenberg
Hintergrund:

Wissenswertes rund um die Photovoltaikanlage

  • Start des Bebauungsplanverfahrens: März 2019
  • Baubeginn: Juli 2021
  • Fläche der Schlackenhalde: circa 16 Hektar
  • Davon für Photovoltaik genutzt: circa 10 Hektar
  • Leistung der Anlage: 10 Megawatt-Peak
  • Kosten: 6,7 Millionen Euro brutto
  • Laufzeit: 25 plus optional fünf Jahre
  • Fertigstellung: Voraussichtlich November 2021
  • Inbetriebnahme: Februar 2022
Kommentar:

Der richtige Ort für eine PV-Anlage

Den idealen Ort für eine große Freiflächen-Photovoltaikanlage gibt es bei uns wohl nicht. Vielleicht irgendwo in der algerischen Wüste, doch dann müsste der Strom über weite Distanzen transportiert werden – der Ärger wegen der dafür benötigten Leitungstrassen wäre vorprogrammiert. Unter den zweibesten Lösungen verdient der ehemalige Schlackenberg der Luitpoldhütte aber einen absoluten Pluspunkt. Hier wird im Prinzip niemand gestört durch die Module. Die natürlich vom Erzberg aus oder von ganz oben am Wagrain zu sehen sein werden. Aber der Strom kommt halt nicht aus der Steckdose. Er muss produziert werden, bevor er verbraucht werden kann. Und egal, ob das durch Freiflächen-Photovoltaik oder ein Atomkraftwerk geschieht – es wird immer jemand geben, dem gerade das nicht passt. Dabei stehen wir erst am Anfang einer Entwicklung, die unsere Gesellschaft und unser Land grundlegend verändern wird. Denn beispielsweise mehr E-Mobilität bedeutet auch mehr Stromverbrauch. Die Energie dafür soll aber regenerativ erzeugt werden. Das wird nicht ohne große PV-Anlagen und nicht ohne zusätzliche Windräder gehen – auch in Bayern.

"Wir haben gedacht, ja dann machen wir halt diese vier Hektar."

Herbert Schmidt zu den Anfängen der Freiflächen-Photovoltaikanlage auf dem Schlackenberg

 

 

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