02.12.2019 - 08:54 Uhr
AmbergOberpfalz

Seite an Seite im Klassenzimmer: Ein starkes Team

Vorsichtig beugt sich Gabi Heindl über den Jungen auf dem Rücksitz des Taxis. Ein falscher Griff könnte verheerende Folgen haben. Knochenbrüche. Schmerzen. Lange Krankenhausaufenthalte. Das weiß sie.

Gabriele Heindl und Luca sind ein eingespieltes Team. Seit fünf Jahren begleitet die Schulbegleiterin den Elfjährigen jeden Tag.
von Julia Hammer Kontakt Profil

Sie öffnet den Gurt, hebt Luca langsam aus dem Wagen und setzt ihn in den kleinen Rollstuhl mit den weißen Totenköpfen auf dem Speichenschutz. Behutsam schließt sie den Haltegurt um den Bauch des ElfJährigen, damit er nicht vorne überkippt. „Jetzt aber schnell. Die erste Stunde beginnt gleich.“ In der weitläufigen Aula der Schönwerth-Realschule in Amberg schallen den beiden laute „Guten Morgen“-Rufe entgegen, während sich Lucas Mitschüler eilig den Weg in ihre Klassenzimmer bahnen. „Drückst du?“, fragt Luca und sieht zu Heindl hoch. Die beiden benutzen den Fahrstuhl, um in den ersten Stock zu gelangen. „Ohne würde es nicht gehen“, betont Lucas Schulbegleiterin. Im Klassenzimmer zieht sie langsam Lucas dicke Jacke aus und legt ihm Stifte, Matheunterlagen und seine Spiderman-Trinkflasche zurecht. „Handy bitte“, sagt Luca. Ein Griff genügt und Gabi Heindl reicht es ihm. „Ich weiß blind, wo alles in seiner Tasche ist. Nach fünf Jahren ist das normal.“ „Ich glaube, wir schreiben einen Test in Geschichte. Luca, hast du gelernt?“ Der Banknachbar des Elfjährigen beugt sich zu ihm. „Na klar. Da kommt heute sicher was.“

Luca leidet seit seiner Geburt an Osteogenesis imperfecta – besser bekannt als Glasknochenkrankheit. Eine seltene Erbkrankheit, infolge der die Knochen extrem brüchig sind. Da bei dieser Erkrankung nur ungenügend Knochensubstanz eingelagert wird, kommt es neben zahlreichen Brüchen häufig zu Kleinwuchs, überdehnten Gelenken, Skoliose – eine Verkrümmung der Wirbelsäule und Herzklappenfehlbildungen. Die Krankheit fällt auf den ersten Blick nicht auf, wenn Luca hinter seinem speziell für ihn angefertigten Pult im bunt dekorierten Klassenzimmer sitzt. Ein ganz normaler Schüler, den nur eines von seinen Mitschülern unterscheidet. Die erwachsene Frau neben ihm. Gabriele Heindl. Seine Schulbegleiterin.

Seit der ersten Klasse an der Dreifaltigkeitsschule begleitet die zweifache Mutter Luca. Die gelernte Kinderpflegerin und Tagesmutter wusste lange nicht, dass es „diese Möglichkeit überhaupt gibt“ – bis sie von Luca erfuhr. Sie nahm Kontakt mit Lucas Mutter Andrea auf – „und die Chemie zwischen Luca, ihr und mir passte sofort“. Vor Lucas Einschulung traf sich die Begleiterin mehrfach mit der Familie. „Lucas Mutter zeigte mir, wie ich mit dem Rollstuhl umgehe, wie ich ihn heben muss, ohne ihn zu verletzen, wie ich ihn am besten an- und ausziehe.“ Heindl ermöglicht es dem Jungen, eine Regelschule zu besuchen, da sie ihn im Schulalltag bei allem unterstützt, was Luca nicht selbst kann.

Offener Umgang mit Krankheit

„Holt jetzt alle euren Zirkel raus. Wir wollen ein Lot fällen“, sagt Johannes Barthel, Klassen- und Mathelehrer von Luca. Sofort sucht Heindl im blauen Rucksack nach dem Gerät. Luca lächelt, bevor er sich konzentriert an die Aufgabe macht. Der Elfjährige ist aktiv, meldet sich oft. „Manchmal bin ich ein kleiner Streber“, sagt er und lacht. Seit einigen Wochen arbeitet die Schule mit einer Learning-App, die das Lernen am Smartphone ermöglicht. Erklärvideos, Aufgaben, Lösungsansätze. „Das ist perfekt für Luca. Er ist oft krank – und so verpasst er nichts“, betont Heindl. Die nächste Aufgabe ist eine Partnerarbeit. Keine Frage, für wen sich Luca entscheidet. Sein Banknachbar ist einer seiner besten Freunde. Er weicht Luca nicht von der Seite, achtet darauf, dass alles in Ordnung ist, macht sich bemerkbar, wenn Luca sich meldet und nicht gleich beachtet wird. Auch für die anderen Kinder ist Luca einer von ihnen. Ein normaler Junge, der eben im Rollstuhl sitzt. „Wir sind von Anfang an offen mit der Krankheit umgegangen, haben sie informiert, warum sie vorsichtig sein müssen.“

Dass sich Lucas Schullaufbahn so positiv entwickelt, war nicht immer klar. „Die Schulbegleitung ist für uns enorm wichtig. Wir wollten einfach, dass Luca eine normale Schule besucht. Hätten wir keine Schulbegleitung, müsste er eine Förderschule besuchen“, erklärt Andrea Penkert, Lucas Mutter. Vor fünf Jahren informierte sie sich bei der Lebenshilfe Amberg, die im Auftrag des Bezirks Schulbegleiter vermittelt, über Möglichkeiten für ihren Jungen. „Ich habe einige Anträge gestellt und alles hat geklappt.“ Noch gut erinnert sie sich an Lucas ersten Schultag. Nervös wartete sie auf die Rückkehr Gabi Heindls und ihres Sohnes. „Als er lächelnd durch die Tür gekommen ist, wusste ich, dass es die richtige Entscheidung war.“

„Kommst du zurecht?“, fragt Bar- thel Luca, als er durch die Reihen des Klassenzimmers geht. „Alles bestens. Kannst du mir bitte schnell das Mathebuch geben?“ Kaum hat er die Frage gestellt, legt es ihm Heindl schon auf den Tisch. Die Schulstunde ist zu Ende. Klassenzimmerwechsel. Einsatz für Gabi Heindl. Nachdem sie Lucas Schulsachen in seiner Tasche verstaut hat, hängt sie sich den Rucksack um die Schulter und schiebt ihren Schützling Richtung Fahrstuhl. „Biologie ist einen Stock tiefer.“ Doch der „Plan“ ändert sich kurzfristig. Die Klasse muss in einen anderen Raum. Einen Raum ohne passenden Tisch für Luca. „Das ist nicht schlimm. Dann schreibe ich für ihn mit“, erklärt Heindl, die Lucas Rollstuhl neben das Pult stellt, an dem sie Platz nimmt.

Luca ist gerne in der Schule. Am liebten mag er das Fach Englisch, verrät er. "Das fällt mir leicht zu lernen."

Für die Stunde hat sich Lehrerin Jutta Meyer etwas Besonderes für die sechste Klasse einfallen lassen – vor allem für Luca. Da das Programm, durch das sich die Schüler interaktiv am Unterricht beteiligen können, an einem Rechner am Lehrerpult installiert ist, konnte Luca bislang nicht aktiv mitarbeiten. „Der Tisch ist zu hoch, er kommt mit seinem Rollstuhl nicht ran“, erklärt Meyer. „Ich habe mir eine App aufs Handy geladen – damit kannst du jetzt die Aufgabe bearbeiten. Du musst die zeitliche Abfolge, wie eine Blume befruchtet wird, in die richtige Reihenfolge bringen.“ Durch einen Beamer sehen seine Klassenkameraden, was Luca macht. Er strahlt, während er die Aufgabe bewältigt. Er strahlt, als er alles richtig hat. „Wir versuchen alles, um Luca komplett einzubinden. Technik macht vieles leichter. Für mich ist es kein Problem, dass Frau Heindl mit im Klassenzimmer sitzt. Ich bemerke es kaum noch“, erzählt Meyer. Dennoch würde sie sich eine Sache wünschen. „Im Moment sind 31 Kinder in der Klasse. Natürlich wäre eine kleinere Klasse besser, um auf eingeschränkte Kinder wie Luca noch besser eingehen zu können. Deshalb ist es gut, dass er auch seine Schulbegleiterin an seiner Seite hat.“ Für Gabi Heindl ist Luca nicht nur ein Job. Er ist ein Mensch,

der ihr in fünf Jahren ans Herz gewachsen ist, mit dem sie Sorgen und Freuden teilt. „Vergangene Woche war ich krank. Eine Vertretung ist für mich eingesprungen. Da hatte ich keine ruhige Minute. Natürlich macht sie ihre Arbeit gut. Aber es hat lange gedauert, bis ich mir sicher im Umgang mit Luca war, gewusst habe, wie ich ihn anfassen muss. Und er vertraut mir.“ Der aufgeweckte, humorvolle Junge lächelt sie an. „Ja, und du mir auch.“ Der Erfolg des Konzeptes Schulbegleitung ist bei Luca deutlich zu erkennen. Wie alle anderen absolviert er Prüfungen, lernt den Unterrichtsstoff, hat Spaß in den Pausen. „Nur am Sportunterricht kann er nicht teilnehmen. Aber die Verantwortlichen versuchen, die Stunden immer an den Anfang oder das Ende des Tages zu legen. Dann können wir später kommen oder früher gehen.“ Für Gabi Heindl ist die Aufgabe erfüllend. „Ich lerne viel von Luca. Seine lebensbejahende Art ist so positiv – manchmal sehe ich Dinge dadurch komplett anders. - viel optimistischer.“

Kleiner Rapper mit großen Plänen

Für Schulleiter Matthias Schall und seine Kollegen war das Thema Schulbegleitung im September 2018 „absolutes Neuland“. „Wir waren schon skeptisch, wie alles funktionieren wird, wie die Schüler mit der neuen Situation umgehen – und die Lehrer. Aber alles hat sich schnell sehr gut entwickelt.“ Unkompliziert sei die Situation trotzdem nicht immer. „Es gibt Bereiche, die schwer zu händeln sind. Luca braucht einen speziellen Tisch mit Ausbuchtung für seinen Rollstuhl. Allerdings gibt es Räume – wie den Physiksaal –, die fest bestuhlt sind. Aber wir finden immer eine Lösung. Man muss kreativ sein“, betont Schall und lacht. Regelmäßig gibt er Stellungnahmen an den zuständigen Bezirk Oberpfalz ab. „Das ist aber kein großer Aufwand.“ Schall ist begeistert vom Konzept Schulbegleiter. „Es ermöglicht Kindern den Zugang zu Schulen, für die sie geeignet sind, aber in die sie ohne Hilfe nicht gehen könnten. Auch wir wollen einen Beitrag leisten. Unsere Schule ist zu 95 Prozent barrierefrei.“

9.30 Uhr. Die Pausenklingel dröhnt durch die hohen Räume der Schönwerth-Realschule. Luca strahlt. „Ich liebe die Pause.“ Gabi Heindl packt Stifte, das Biobuch und die Arbeitsblätter in Lucas Rucksack. Es geht zurück ins Klassenzimmer. Doch nicht allein. Jeden Tag darf sich der Elfjährige zwei Mitschüler aussuchen, die die kurze Unterbrechung mit ihm verbringen. Ein begehrtes Privileg. „Luca, darf ich heute?“, ruft ihm ein blonder Junge entgehen. „Luca, ich würde gern“, sagt ein Mädchen. „Ich hab heute schon zwei ausgesucht. Aber morgen“, sagt Luca. Ein blondes Mädchen und Lucas Banknachbar stellen ihre Stühle um das Pult des Jungen, Gabi Heindl packt seine Brote und die Spiderman-Flasche aus. „Brauchst du noch etwas?“, fragt die Schulbegleiterin. „Alles wunderbar.“ Die ganze Pause über verschwindet das Lächeln auf seinem Gesicht nicht. Für seine Mitschüler ist Luca einer von ihnen. Ein ganz normaler Junge, der gerne über ganz normale Sachen spricht, die ihn begeistern. „Ich habe gestern wieder gerappt. Ich rappe schnell und gut. Nur mit den Reimen klappt es noch nicht so wie bei Capital Bra. Der hat seinen ersten Song mit 14 geschrieben. Aber da habe ich noch Zeit.“ „Oh ja, Luca rappt gut“, betont sein Banknachbar. „Er kann alle Lieder von Capital Bra auswendig.“ Luca beißt in sein belegtes Brot, überlegt kurz, und sagt: „Wenn es mit der Deutschrapper-Karriere nicht klappt, will ich Koch werden.“

Die Klingel ringt. Lucas Mitschüler drängen ins Klassenzimmer. Deutschunterricht. Gabi Heindl legt die Hefte und ein Blatt mit einem Gedicht bereit. „Luca, solltet ihr das lernen?“ „Ja.“ „Und?“ „Keine Sorge, kann ich.“ Lucas Begleiterin lächelt, während der Blick des Elfjährigen noch einmal über das Blatt wandert. Ein eingespieltes Team, das sich meist auch ohne Worte versteht. „Und ein ganz besonderer Junge, den ich in mein Herz geschlossen habe.“

UN-Behindertenrechtskonvention:

"Alle haben gleiches Recht auf Bildung"

Rechtliche Grundlage für das Berufsbild Schulbegleiter ist die 2009 unterzeichnete UN-Behindertenrechtskonvention, die besagt, dass alle Kinder mit und ohne Behinderung das gleiche Recht auf Bildung und Erziehung haben. Bereits in den 80er Jahren festigte sich das Bewusstsein in der Gesellschaft, dass auch Kinder mit Behinderung eine normale Schul- laufbahn einschlagen können – und sollen. Eine Entwicklung, die in den 1990ern und 2000ern ihren Höhepunkt erreichte, als die ersten Integrationshelfer eingesetzt wurden. Bis heute steigt die Zahl der Schulbegleiter. Sie liegt in manchen Oberpfälzer Kommunen im dreistelligen Bereich. Die Zuständigkeit liegt in Bayern bei den Bezirken. „Der Bezirk Oberpfalz hat am 8. November 2000 erstmals Kosten für Schulbegleiter im Rahmen der Eingliederungshilfe nach dem Bundessozialhilfegesetz übernommen“, erklärt Günter Bonack vom Bezirk Regensburg. Grund dafür war die schwere Behinderung und der individuelle Pflegebedarf einzelner Schüler.

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