13.10.2020 - 15:40 Uhr
AmbergOberpfalz

Seniorenheime: "Angst vor Corona-Ausbruch bleibt"

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Nirgendwo lebt eine so große Corona-Risikogruppe so nah beieinander wie in einem Seniorenheim. Nirgendwo ist die Angst vor einem Infektions-Geschehen größer. Auch nach sieben Monaten noch. Eine Bestandsaufnahme.

Seit das Besuchsverbot aufgehoben ist, gelten in den Seniorenheimen unterschiedliche Regelungen.
von Thomas Kosarew Kontakt Profil

„Bisher 14 Todesfälle nach Corona-Ausbruch in Hirschauer Seniorenheim“ hieß es am 24. April in der Amberger Zeitung. „Im Hirschauer Seniorenheim inzwischen 23 Corona-Tote“, lautete die Schlagzeile am 7. Juni. Mittlerweile ist in Hirschau von 21 bestätigten Todesfällen in Zusammenhang mit Covid-19 die Rede. „Die Ausbrüche in manchen Heimen waren sicher auch der Unwissenheit geschuldet“, sagt Wolfgang Rattai, der in Amberg das Caritas-Marienheim leitet. Mit Blick auf das trotz der vier bisher gemeldeten Todesfälle weitgehend verschont gebliebene Stadtgebiet sagt er ganz offen: „Wir hatten am Anfang sicher auch etwas Glück.“

Rattai, der als Vorstandsmitglied des Kreisverbandes für alle Caritas-Heime in Amberg-Sulzbach zuständig ist, meint damit den Februar und den März dieses Jahres, als das Coronavirus auch in der Region angekommen war und die große Politik noch nicht wusste, wie sie mit der neuen, bedrohlichen Situation umgehen sollte. Klarheit gab es im Prinzip erst ab Samstag, 21. März, mit den von Ministerpräsident Markus Söder verkündeten Ausgangsbeschränkungen. Für Seniorenheime hieß das: Besuchsverbot.

Caritas nicht gleich Caritas

Carsten-Armin Jakimowicz, der den Corona-Krisenstab der hiesigen Caritas und das Heim an der Friedlandstraße leitet, erinnert sich: „Das war für alle in Bayern gleich.“ Doch mit dem Muttertagswochenende rund um den 10. Mai habe sich die Situation in den Seniorenheimen verschärft, trotz – oder gerade wegen – der ebenfalls von Söder angekündigten anfänglichen Lockerung und späteren Aufhebung des Besuchsverbots: „Es gab danach Regelungen, die nicht mehr flächendeckend für ganz Bayern gegolten haben.“ Soll heißen: „Jede Einrichtung musste individuell ein Konzept erarbeiten, das auch zu der Einrichtung passt.“ Wesentliche Parameter waren laut Jakimowicz die Anzahl der Bewohner und die Zimmergröße sowie das Vorhandensein von Gemeinschaftsräumen und Freiflächen.

Das führte laut Rattai allein schon innerhalb der Caritas zu sehr unterschiedlichen Regelungen. An der Friedlandstraße dürfen die Besucher 30 Minuten bleiben, im Marienheim dagegen doppelt so lang. Das akzeptiere nicht jeder: „Wir verstehen die Not der Angehörigen. Es ist uns klar, dass es schwierig für sie ist, das einzusehen. Das ist uns bewusst.“ Jakimowicz erklärt den Hintergrund der unterschiedlichen Besuchszeiten: Im Heim an der Friedlandstraße gibt es 125 Bewohner, die pro Woche zu vorgeschriebenen Zeiten einmal Besuch erhalten dürfen. Für 30 Minuten. Weil im Marienheim dagegen lediglich 85 Frauen und Männer betreut werden, dürfen diese eine Stunde lang Gäste empfangen. Nach Möglichkeit sollten diese Treffen im Freien stattfinden, doch: „Das Wetter ändert sich. Es verlagert sich alles wieder mehr nach innen. Das sind Fakten, die sich bei uns auswirken werden.“ In welcher Form, das lasse sich jetzt noch nicht sagen.

Im Zimmer auf Abstand

Fast schon konträr stellt sich die Situation in den städtischen Heimen Bürgerspital (96 Bewohner) und Heilig-Geist-Stift (88) dar. Dort finden aufgrund der fehlenden Außenflächen (Stift) beziehungsweise der moderneren Bauweise (Spital) die Besuche in den Zimmern statt, wie Claudia Bucher, Geschäftsführerin der zuständigen Bürgerspitalstiftung, verrät: „Das Caritas-Heim an der Friedlandstraße hat einen großen Garten. Den haben wir im Heilig-Geist-Stift nicht zu bieten.“

Parallel dazu sei das Bürgerspital an der Schlachthausstraße des neueste Haus unter den Amberger Seniorenheimen: „Die Abstände sind auch in den Zimmern einzuhalten und wir verfügen über eine hochmoderne Lüftungsanlage mit Luftaustausch.“ Folglich dürfen die Besucher von Montag bis Sonntag so lange bleiben, wie sie wollen, vorausgesetzt, es handelt sich um eine Stippvisite innerhalb der vorgegebenen Zeiten: 10 bis 11.30 Uhr sowie von 14 bis 16.30 Uhr. Doch diese Regelung ist mittlerweile überholt. Weil das Robert-Koch-Institut am Mittwoch vergangener Woche neue Planungshilfen und Handlungsanweisungen herausgegeben hat, sah sich Bucher zum Handeln gezwungen.

Mit Schutzkleidung

Vor dem Hintergrund steigender Infektionszahlen müssen Besucher des Heilig-Geist-Stifts und des Bürgerspitals bis auf Weiteres eine Schutzkleidung tragen. Zudem wurde die erlaubte Besuchszeit in beiden Häusern auf eine Stunde festgelegt: „Wir appellieren aber daran, es bei einer halben Stunden zu belassen“, sagt Claudia Bucher, die ebenfalls am Donnerstag eine weitere Neuerung angeordnet hat, die auf einer bundesweiten Empfehlung des Robert-Koch-Instituts beruht: „Wir machen jedes Haus pro Woche an einem Tag zu.“ Doch Claudia Bucher beruhigt schon im Vorfeld die Gemüter: „Wir spielen jetzt nicht Polizei in den Heimen. Wir hoffen einfach, dass die Menschen sagen, wir arbeiten in schwierigen Zeiten zusammen, um gemeinsam die Sicherheit gewährleisten zu können. Wenn wir alle zusammenhalten, kommen wir auch alle zusammen durch diese Krise.“

An einem Tag geschlossen

Auch Thomas Göldner, der das Clementine-von-Wallmenich-Haus am Haager Weg leitet, kennt dieses Schreiben des Robert-Koch-Instituts. Er ändert aber wie seine Kollegen von der Caritas nichts, denn: „Wir haben schon jetzt samstags komplett geschlossen.“ Ausnahmen gebe es nur für Palliativfälle. Dass gerade am Samstag Besucher außen vor bleiben, sei mit der Heimaufsicht so abgesprochen: Damit das Heim, das an allen anderen Tagen von 15.30 bis 18 Uhr geöffnet ist, „einfach mal durchatmen“ kann. Bei aktuell 101 Bewohnern seien pro Tag mehr als 60 Besuche keine Seltenheit. Göldner: „Wir haben den Samstag als Ruhetag genommen, damit die Bewohner und das Pflegepersonal durchatmen können.“

Seniorenheim-Personal nimmt für Betreuung in Corona-Zeiten viel in Kauf

Amberg

Denn nicht nur die Senioren haben laut Carsten-Armin Jakimowicz unter der Corona-Pandemie zu leiden, das gilt auch für das Personal. Ein Beispiel fernab des klassischen Pflegealltags: Die Verwaltung, die vor Corona von Montag bis Freitag im Dienst war, arbeitet mittlerweile an sieben Tagen in der Woche, und das zehn Stunden lang. An den Wochenende hatten bisher Pflegekräfte beispielsweise auch den Telefondienst übernommen. Das sei so nicht mehr leistbar. Allein er selbst habe seit Beginn der Pandemie etwas mehr als 5500 E-Mails mit Anfragen und Anweisungen beantworten müssen, die es ohne das Virus so nicht gegeben hätte. Jakimowicz zog die Reißleine, ohne zusätzliches Personal zu bekommen. Seitdem arbeite die Caritas-Verwaltung an der Friedlandstraße auch an den Wochenenden, „damit die Pflegekräfte ausschließlich für die Menschen da sein können“. In den Monaten vor April sei das in dieser Form weder vorstellbar noch machbar gewesen.

Lieber "knallharte Regelung"

Eines habe aber immer Priorität genossen: „Niemand muss einsam sterben. Es gibt keine Beschränkungen in der Sterbephase“, sagt Jakimowicz, dessen Kollegen das bestätigen. Die unterschiedlichen Regelungen und deren Auslegungen missfallen aber den Heimleitern zu einem gewissen Teil. Thomas Göldner sagt zum Beispiel: „Es gibt Vorgaben und Handlungsempfehlungen. Mir wäre oft eine konkrete Aussage viel lieber. Es müsste eine knallharte Regelung geben. Das wäre besser. Aber es gibt sie so nicht. So komme ich mir immer vor, als ob wir den Schwarzen Peter hätten. Wenn was schiefgeht, sind wird schuld“ – und nicht die Politik.

Und wie geht es weiter? Marcus Keil, der das Heim der Diakonie an der Hellstraße leitet, belässt es trotz der jüngsten Entwicklung vorerst bei den bis dato geltenden Besuchszeiten: Von Montag bis Sonntag können Gäste jeweils um 10, 11, 15, 16 und 17 Uhr für eine Stunde zu ihren Angehörigen kommen – nach telefonischer Anmeldung. Etwa 25 Besucher zählt Keil pro Tag in dem Heim mit 92 Bewohnern. Bisher seien alle Wünsche erfüllt worden, Maximal hätten die Besuche um eine Stunde oder einen Tag verschoben werden müssen. Aber auch das setze einen gewissen Aufwand voraus, der in den Heimen seit März betrieben wird. Claudia Bucher formuliert es so: „Die letzten Monate waren eine außerordentliche Herausforderung und Belastung. Ich habe noch nie eine so stressige Zeit erlebt.“ Das Schlimmste sei allerdings: „Man tut alles. Aber die Angst vor einem Corona-Ausbruch bleibt.“

Sieben Mal Ostern gefeiert

Marcus Keil sieht’s nicht anders, lässt sich davon aber nicht beirren. Ein Beispiel: „Die gewohnte große Weihnachtsfeier im Saal mit Essen, Angehörigen und Singen wird es so nicht geben können. Wenn wir alle Abstände einhalten, passen da nur 18 Leuten rein.“ Folglich werde es eine andere Lösung geben: „Weihnachten fällt bei uns sicher nicht aus. Da bin ich zu sehr Diakon.“ Womöglich werde im Heim an der Hellstraße so gefeiert wie schon an Ostern, mit einem mobilen Altar, der von Bereich zu Bereich zieht: „Wir haben sieben Mal Ostern gefeiert. So heilig war ich noch nie.“

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