10.01.2022 - 18:05 Uhr
AmbergOberpfalz

Sexualisierte Gewalt kann jeden treffen

Die beiden Pädagoginnen Alina Benedikt und Marianna Neugirg sind in Amberg die Anlaufstelle für alle Frauen und Kinder, die sexualisierte Gewalt erleben mussten. Wie wichtig es ist, sich jemandem anzuvertrauen, erklären sie im Interview.

Die Pädagogin Marianna Neugirg betont im Interview, dass es wichtig ist, zu verstehen: "Nein heißt nein."
von Celina Rieß Kontakt Profil

Das Thema sexualisierte Gewalt wird in der Gesellschaft oft als Tabuthema abgestempelt. Keiner redet drüber, und auch viele Betroffene trauen sich erst nicht, ihre Geschichte zu erzählen. Für viele ist es allerdings wichtig, jemanden zu haben, der ihnen zuhört und ihnen dabei hilft, den Schmerz zu verarbeiten. "Niemand muss da alleine durch", sagen die beiden Pädagoginnen Alina Benedikt und Marianna Neugirg. Sie arbeiten für die Fachstelle für sexualisierte Gewalt in Amberg. Im Gespräch mit Oberpfalz-Medien erklären sie, wie wichtig es ist, sich Hilfe zu holen, welche Möglichkeiten es gibt und wie man Betroffene unterstützen kann.

ONETZ: Einem Menschen sieht man nicht unbedingt an, dass er Gewalt erlebt hat. Gibt es Warnsignale, die aufmerksam machen sollten?

Alina Benedikt: Es ist sehr schwierig, das zu erkennen, weil es kein eindeutiges Signal gibt. Es gibt nicht dieses eine Verhalten, das auf einen Missbrauch hindeutet. Eine schnelle Verhaltensänderung ist aber ein Zeichen, dass etwas passiert sein könnte. Zum Beispiel wenn ein Kind immer aufgeschlossen war, auf Menschen zugegangen ist, gerne gespielt hat, und jetzt auf einmal ist es sehr zurückgezogen.

ONETZ: Wie sollten Eltern oder Erzieher in diesem Fall reagieren?

Marianna Neugirg: Auf jeden Fall weiter beobachten. Schnell handeln ist ziemlich schwierig. So etwas wie: "Da könnte irgendwas sein, ich ruf jetzt mal die Polizei und das Jugendamt." Damit würde über den Kopf der Betroffenen hinweg entschieden werden. Lieber mit Bedacht handeln und einen Schritt zurückzugehen, Gesprächsbereitschaft signalisieren: „Ich bin da für dich, wenn was ist, du kannst immer mit mir reden, aber du musst auch überhaupt nichts sagen.“

ONETZ: Gibt es weitere Möglichkeiten, unterschwellig Hilfe anzubieten?

Alina Benedikt: Es geht viel über Gespräche. Wer einen Verdacht hat, kann sich gerne erst einmal mit uns in Verbindung setzen. Dann können wir uns absprechen. Es gibt auch bei den Jugendämtern eine Fachkraft, die sogenannte ISEF, der man anonymisierte Fälle schildern kann, und dann zum besten Vorgehen beraten wird.

Marianna Neugirg: Außerdem gibt es die Möglichkeit, das Hilfetelefon bei sexualisierter Gewalt anzurufen. Die leisten sozusagen Erste Hilfe und – je nachdem welche Art von Unterstützung gebraucht wird – verweisen sie an Stellen vor Ort, wie unsere. Die Betroffenen kostet es oft Überwindung, Hilfe anzunehmen. Das geht nicht von heute auf morgen. Da muss man dranbleiben, immer wieder Unterstützung anbieten – in der Hoffnung, dass die Hilfe irgendwann angenommen wird.

ONETZ: Wie sieht es mit einer Anzeige aus?

Marianna Neugirg: Es ist wichtig, die Entscheidungen der Betroffenen zu akzeptieren. Auch wenn man sich als Angehöriger oft dazu verpflichtet fühlt, zur Polizei zu gehen. Ein Anzeigeverfahren lässt sich oft nicht so einfach wieder zurückziehen, die Geschädigte muss dann zwei- bis dreimal aussagen. Das ist sehr belastend.

Alina Benedikt: Was aber ganz wichtig ist: Schnell die Spuren sichern. Es gibt verschiedene Krankenhäuser, wie zum Beispiel in Regensburg, in denen Ärzte anonyme Untersuchungen machen. Auch Beweisfotos sind wichtig. Und dann kann man sich erst einmal sammeln und mit uns sprechen. Die Verjährungsfristen bei Sexualdelikten sind sehr lang, man hat auf jeden Fall Zeit.

ONETZ: Wie stehen die Chancen auf eine Verurteilung?

Alina Benedikt: Leider ist es oft so, dass die Anzeigen eingestellt werden, da Aussage gegen Aussage steht. Die Täter sagen dann, dass es zwar zum Sex kam, aber die Betroffene es auch wollte. Dann heißt es meist „im Zweifel für den Angeklagten“. Eine schwierige Sache. Was wir unseren Klientinnen oft sagen ist, dass es nicht immer zu diesem Gerechtigkeitsgefühl kommt, das man eigentlich haben möchte. Wenn man die Stärke dazu hat, sollte man die Tat aber auf jeden Fall zur Anzeige bringen, und dabei unterstützen wir auch gerne.

ONETZ: Welche Botschaft würden Sie gerne weitergeben?

Marianna Neugirg: Dein Körper gehört dir! Diesen Leitsatz sollte jeder Mensch verinnerlichen. Außerdem: Nein heißt nein. Und: Es gibt immer Möglichkeiten zur Hilfe, eine Option, einen Lösungsweg. Bei uns wird nichts gegen den Willen getan, wir suchen gemeinsam die beste Lösung.

Alina Benedikt: Es ist wirklich wichtig zu betonen, dass die Geschädigten nicht alleine sind. Auch wenn sie sich in dieser Situation fühlen, als wären sie komplett alleine auf der Welt. Es gibt leider sehr viele, die das erleben müssen.

Sexualisierte Gewalt in Amberg kein Tabuthema

Amberg

Sexualisierte Gewalt darf kein Tabu-Thema sein

Amberg
Marianna Neugirg ist es wichtig, dass sie mit den Betroffenen gemeinsam eine Lösung findet. Dabei unterliegt sie der Schweigepflicht. Auf Wunsch ist die Hilfe beim Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) auch anonym möglich.
Alina Benedikt ist zusammen mit ihrer Kollegin die Anlaufstelle in Amberg und Amberg-Sulzbach für Frauen und Kinder, die sexualisierte Gewalt erfahren mussten.
Hintergrund:

Die Aufgabe der Fachstelle für sexualisierte Gewalt

  • Telefonische und persönliche Beratung von Hilfe suchenden Frauen und Kindern
  • Krisenintervention für von körperlicher, psychischer und/oder sexualisierter Gewalt gegen ihre Mutter mittelbar betroffene Kinder und Jugendliche
  • Telefonische und persönliche Beratung von Bezugspersonen der betroffenen Person
  • Begleitung und Unterstützung bei Anzeigenerstattung, Arztbesuchen, Behördengängen, Gerichtsverhandlungen, usw.
  • Informationen zu Psychotherapie, psychologischer und pädagogischer Beratung
  • Einzelfallbezogene Kooperation und Vernetzung auf regionaler und überregionaler Ebene mit anderen Frauen- und Opferhilfeeinrichtungen, mit Politik, Polizei und Justiz
  • Präventionsarbeit
  • Öffentlichkeitsarbeit
  • So ist die Fachstelle erreichbar: 09621 4872-18 und per Mail unter fachstelle.sg[at]skf-amberg[dot]de
  • Unter 0800 22 55 530 ist das Hilfe-Telefon montags, mittwochs und freitags von 9 bis 14 Uhr sowie dienstags und donnerstags von 15 bis 20 Uhr bundesweit, kostenfrei und anonym erreichbar.

 

 

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