22.03.2021 - 09:21 Uhr
AmbergOberpfalz

Spotted: Virtuelles Flirten mit "Schatzsuch-Charme"

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Es ist der Nervenkitzel, der Wunsch, „begehrt zu werden“, und der Spaß, andere wiederzuerkennen. Das Phänomen „Spotted“ boomt bei Facebook. Der besondere Reiz: Sehen und gesehen werden. Das Erfolgsgeheimnis: Es könnte jeden treffen.

Das Phänomen "Spotted" boomt bei Facebook - auch in der Oberpfalz.
von Julia Hammer Kontakt Profil

Viele kennen die Situation. An der Tankstelle, beim Einkaufen oder am Nachbartisch im Café begegnet man „dem Traummenschen“. Aber einfach ansprechen? Nein. Genau im entscheidenden Moment verlässt einen der Mut. Die Reue kommt schnell über diese verpasste Chance. Doch es gibt eine Möglichkeit, den Traummann oder die Auserwählte wiederzufinden – dank des Portals „Spotted“ (Deutsch: bemerken, entdecken) bei Facebook. „Das Besondere an Spotted ist der aufregende Schatzsuch-Charme. Es könnte jeden treffen. Jeder könnte gesucht werden und sich in den Posts wiedererkennen“, erzählt Michael. Der 30-jährige Amberg-Sulzbacher betreibt seit 28. August 2016 die Facebook-Seite „Spotted: Amberg-Sulzbach“, der knapp 3000 Personen folgen. Von Anfang an ein „Ein-Mann-Projekt“, wie er sagt. Und eine große Hilfe für alle, die auf der Suche nach diesem einen Menschen sind.

Sehen und gesehen werden

Das Prinzip von „Spotted“ ist schnell erklärt: Man sieht eine Person, fühlt sich von ihr angezogen, ist aber zu schüchtern, um sie anzusprechen. Also schickt man den „Spotted“-Admins eine Nachricht und beschreibt dabei den Auserwählten, die Situation sowie Ort und Uhrzeit so detailliert wie möglich. „Ich prüfe jede Nachricht und poste sie dann, wenn sie den Richtlinien entspricht, anonym“, sagt Michael. „Anonymität ist das Entscheidende. Ich veröffentliche nie etwas unter dem richtigen Namen der User.“ Erkennt sich nun die „gespottete“ Person anhand der Beschreibungen wieder oder wird von Freunden erkannt, kann sie sich direkt an den Admin wenden. „Ist das gewünscht, stelle ich den persönlichen Kontakt zwischen der gesuchten Person und dem her, der die Anfrage gestellt hat. Natürlich kläre ich im Vorfeld, ob das auch wirklich beide wollen.“

Die Idee der Flirtbörse ist nicht neu. Zum ersten Mal tauchte das Portal im schottischen Glasgow unter dem Namen „Spotted: Glasgow Uni Library" (Deutsch: Bibliothek Universität Glasgow) am 10. Dezember 2012 auf. Anfangs eine unterhaltsame Nebenbeschäftigung einiger technikinteressierter Studenten, breitete sich der Trend innerhalb von wenigen Monaten europaweit aus. Auch Michael kannte die Plattform. Der Grund, warum er die Seite für Amberg und die Umgebung initiierte, war jedoch ein persönlicher, wie er verrät. „Vor einigen Jahren habe ich jemanden beim Bergfest in Hahnbach gesehen. Natürlich war ich damals zu schüchtern, um die Person anzusprechen und habe sie dann aus den Augen verloren. Vergessen konnte ich sie aber nicht. Also habe die Facebook-Seite gegründet. Und tatsächlich, ich hatte Erfolg. Eine Beziehung ist am Ende zwar nicht daraus geworden, aber ich habe gemerkt, wie groß das Inte- resse der Menschen innerhalb kurzer Zeit an Spotted geworden ist. Deshalb habe ich weitergemacht. Ich möchte den Leuten genau das ermöglichen wie mir damals: den einen Besonderen wiederzufinden.“ Im Laufe der Jahre habe sich der Gedanke „Spotted“ weiterentwickelt: „Ich biete eine Plattform für alle, die Gleichgesinnte und Liebe suchen – oder einfach jemanden, mit dem sie Zeit verbringen können. Mein Ziel ist es, das Zusammenleben zu fördern und die Gemeinschaft positiv zu gestalten. Unser Alltag ist oft stressig, wir haben wenig Freizeit und es bleiben kaum Möglichkeiten, um einen Partner zu finden. Das ist bei ‚Spotted‘ anders.“

Tausende Post-Anfragen

Wie groß die Sehnsucht auch in Amberg-Sulzbach nach dem „besonderen Anderen“ ist, zeigt die Unmenge an Post-Anfragen, die Michael in den vergangenen sechs Jahren erhalten hat. „Es waren Tausende. Dabei gibt es Wochen, in denen ich kaum Nachrichten bekomme. Dann gibt es Tage, an denen sind es bis zu fünf Anfragen.“ Michael liest jede der Nachrichten, anonymisiert sie und postet sie anschließend öffentlich auf der Facebook-Seite. Der Zeitanspruch bleibt dabei überschaubar, erzählt er. „Ich übernehme die Anfragen grundsätzlich so, wie sie mir geschickt werden.“ Dass das Konzept aufgeht, zeigt die beachtliche Quote. In 30 Prozent aller Posts erkennen sich der oder die „Gespottete“ wieder oder werden von Bekannten identifiziert. „Dann komme ich wieder ins Spiel. Haben die Menschen, die gesucht werden, auch Interesse an einem Kontakt, schreiben sie mir. Nachdem ich mich noch einmal abgesichert habe, dass auch wirklich jeder bereit ist, den anderen kennenzulernen, vermittle ich die Kontaktdaten. Ob dann daraus eine Beziehung entsteht, erfahre ich aber leider in den wenigsten Fällen.“

Michael schmunzelt, als er an die vielfältigen Posts denkt, die ihn regelmäßig erreichen. „Es begeistert mich jedes Mal, wenn ich sehe, wie viel Mühe sich manche Nutzer mit ihren Texten geben.“ Ausgefallen, emotional, witzig – „es gibt kaum etwas, was ich noch nicht gelesen und wonach die Leute noch nicht gesucht haben“. Die Bandbreite ist groß:

  • ... von kuriosen Sichtungen: "Hei. Wer waren die 3 Jungs, die gestern ein riesiges Holzbrett durch Amberg getragen haben? Was habt ihr damit vor?? (Spotted: Amberg-Sulzbach, 16. Dezember 2020)
  • ... Alltagsfragen: "Moin zusammen. Würde gern wissen, ob sich jemand in AM/AS mit der Software einer PS4 auskennt. Seit einigen Tagen überhitzt sie sich und schaltet automatisch ab. Hatte ein paar Monate vorher Probleme mit der Festplatte. Und nun such ich jemanden, der mir helfen kann." (Spotted: Amberg-Sulzbach, 2. Januar 2021)
  • ... der Suche nach Freundschaften: "Hallo. Ich bin auf der Suche nach einer besten Freundin. Sie sollte ehrlich sein, loyal, Spaß verstehen und nicht jünger als 24 Jahre sein. Ich sollte mich auf sie verlassen können und sie sollte für mich ein offenes Ohr haben. Zu mir: Ich bin 28 Jahre alt, berufstätig, kinderlos, für jeden Witz zu haben, höre gerne zu und bin auch da, wenn man mich braucht." (Spotted: Amberg-Sulzbach, 14. Januar 2021)
  • ... und natürlich die Suche nach der großen Liebe: "Hallo. Ich, K31, suche die süße Tankstellen-Kassiererin. Sie arbeitet nur am Wochenende. Falls sie jemand kennt, sie hatte schwarze Haare und mega wunderschöne Augen - und am rechten Arm glaub ich hatte sie ein Tattoo. Würde mich freuen, wenn du einen Kommentar oder Like dalässt und wir uns kennenlernen können." (Spotted: Amberg-Sulzbach, 17. Januar 2021)
Die Suche nach der/dem Richtigen ist oft nicht leicht. "Spotted" soll dabei helfen.

Aktive Community

Die „Spotted“-Community ist aktiv. Das zeigt sich an der Vielzahl der Kommentare, Likes und geteilten Beiträgen. „Die Faszination des Prinzips ist groß. Neben dem Schatzsuch-Charme übt es einen enormen Reiz aus, herauszufinden, um wen es sich bei den Posts handelt – vielleicht sogar um einen selbst. Es ist aufregend zu sehen, was in der Region alles los ist“, sagt der 30-Jährige. „Außerdem hat man selbst jederzeit die Möglichkeit, seinen Auserwählten durch einen Post wiederzufinden. Das gibt Hoffnung.“ „Spotted“ spricht dabei keinesfalls nur Jugendliche oder junge Erwachsene an, wie die Statistik der Facebook-Seite zeigt. Prozentuell gesehen sind 51 Prozent der User Frauen, davon 23 Prozent im Alter zwischen 18 und 24 Jahren und 17 Prozent zwischen 25 und 34 Jahren. Bei dem Anteil der Männer sieht es ähnlich aus. 22 Prozent sind zwischen 18 und 24 Jahre alt. „Allerfings haben wir auch einige Abonnenten, die 14 oder über 65 Jahre alt sind. Und die sind durchaus aktiv. Der Nervenkitzel, die Suche nach Liebe, dabei spielt Alter keine Rolle“, erzählt der Amberg-Sulzbacher.

Michael bleibt anonym

Wer sich hinter der Seite "Spotted: Amberg-Sulzbach" verbirgt, wissen die User nicht. Nicht nur die Posts, auch Michael bleibt anonym. Eine bewusste Entscheidung, wie er sagt: "Es geht dabei nicht um meine Person oder darum, was ich in meinem Leben mache. Ich bin ein Vermittler. Meine Identität spielt keine Rolle." Jedoch verrät er: "Grundsätzlich nutze ich soziale Medien kaum. Auch mein Handy nicht. Wir alle verbringen zu viel Zeit online. Deshalb will ich das für mich bewusst ändern. Ich betreibe die Spotted-Seite, schaue mir aber keine ähnlichen an. Mein Ziel ist es, das Zusammenleben zu fördern. Und das mache ich rein nach gesundem Menschenverstand."

Gesunder Menschenverstand sei auch entscheidend bei der Frage, welche Posts veröffentlicht werden und welche Michael nicht auf der Seite darstellen will. „Ich teile keine Inhalte, die gegen Persönlichkeitsrechte anderer verstoßen. Manche denken, dass ,Spotted‘ grundsätzlich in die Persönlichkeitsfreiheit eingreift. Das ist nicht der Fall“, betont Michael. Wer sich bei Facebook registriert, stimme damit automatisch zu, öffentlich verlinkt zu werden. „Gleichzeitig ist es für mich selbstverständlich, Posts sofort wieder zu löschen, wenn sich jemand erkennt, das aber nicht möchte. Ich frage nicht nach den Gründen oder diskutiere. Fühlt sich jemand damit nicht gut, entferne ich den Inhalt.“ Auch beleidigende Texte, Hass, Beschimpfungen oder Bloßstellungen jeglicher Art „haben auf der Plattform nichts zu suchen“. Der 30-Jährige geht noch einen Schritt weiter: „Immer wieder erhalte ich Anfragen von Usern, die mich bitten, Zeitungsartikel zu veröffentlichen. Das mache ich nicht. Ich will in keine Richtung Stimmung machen. Ausnahmen mache ich, wenn es sich um etwas Positives handelt.“ Ähnlich geht er mit Werbe-Anfragen um: „Keine Whats-App-Gruppen, Tupper-Partys oder sonstiges. Spotted konzentriert sich auf wichtige zwischenmenschliche Beziehung, nicht auf kommerzielle Zwecke.“

Regionaler Reiz

Michael ist überzeugt: Das Konzept „Spotted“ wird auch in den kommenden Jahren erfolgreich sein. „Der Reiz, selbst gesucht zu werden, ist einfach groß. Und die Neugier, ob man jemanden aus seinem Umfeld erkennt. Das ist das Schöne daran: Im Vergleich zu anderen Online-Partneragenturen besteht bei ,Spotted‘ ein direkter regionaler Bezug. Die User kennen die beschriebenen Locations, können überlegen, ob sie selbst zu der bestimmten Zeit an dem bestimmten Ort waren.“ Zudem ist der Amberg-Sulzbacher überzeugt, dass es auch künftig mit der Partnersuche im „realen Leben“ nicht leichter werde, „weil unsere Freizeit begrenzt ist. Alternativen sind wichtig – so wie diese Plattform“. Dann lacht er und erzählt: „Ich gebe zu, auch ich schaue heute noch das eine oder andere Mal, ob ich mich in den Posts wiedererkenne. Wer weiß … es könnte jeden von uns treffen. Ich finde das Gefühl toll.“

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Amberg
Unzählige "Spotted"-Gruppen:

Die Oberpfalz auf der Suche nach der/dem Richtigen

„Spotted: Amberg-Sulzbach“ ist bei Weitem nicht die einzige Facebook-Seite, die es für Oberpfälzer gibt. Auch im Gebiet Schwandorf können sich Personen, die sich zufällig begegnet sind, unter „Spotted: Landkreis Schwandorf“ wiederfinden. Knapp 9700 Menschen folgen der Seite, die seit Januar 2013 zu finden ist. Auch die Weidener Singles haben eine Chance auf ihr Glück. Mit rund 7900 Abonnenten bietet auch „Spotted: Weiden & Umgebung“ unter dem „Ehrenkodex: Bei uns geht es um Liebe, Romantik Spaß, Anonymität“ eine große Reichweite, um den oder die Auserwählte auf sich aufmerksam zu machen. Im Laufe der Jahre haben sich noch zahlreiche weitere Spotted-Seiten etabliert: über spezielle Supermärkte und deren Parkplätze, Clubs, Veranstaltungen und Restaurants. Möglichkeiten gibt es somit viele, um sich wiederzufinden.

Spotted-App:

Flirtbörse mit Ortungsfunktion

Das Konzept „Spotted“ ist erfolgreich. So erfolgreich, dass 2014 eine „Spotted-App“ für Smartphones auf den Markt gebracht wurde. Wie bei Facebook gilt auch hier: absolute Anonymität ist Pflicht. Auch das Prinzip ist grundsätzlich das Gleiche: Man begegnet einer Person, ist aber zu schüchtern, um sie anzusprechen. In der Rubrik „Flirt“ kann man anonym Botschaften hinterlassen und darauf hoffen, dass sich die begehrte Person erkennt. Die Kernfunktion der App stellt, anders als bei Facebook - die „Déjà-vu“-Funktion dar. Sind die „Ortungsdienste“ am Smartphone aktiviert, berechnet die App, welche Nutzer gemeinsame Veranstaltungen und Orte besucht haben und schlägt diese einander mit Bild vor. Ist unter den vorgeschlagenen Personen jemand, der einem aufgefallen ist, kann man diesem Benutzer anonym „zuzwinkern“. „Zwinkert“ er zurück, können die Interessierten Kontakt aufnehmen.

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