Hinterkaifeck lässt grüßen. Der Einödhof in Oberbayern war vor etwa 100 Jahren Schauplatz eines grausamen Mehrfachmordes. Die Geschichte ist verfilmt worden. Auch der Bestseller "Tannöd" von Andrea Maria Schenkel nimmt Bezug auf diesen Fall. Eine ähnliche und damals einiges an Aufsehen erregende Tragödie hat sich vor etwa 130 Jahren in einem kleinen Bauerndorf im östlichen Landkreis Amberg-Sulzbach ereignet.
Die gute alte Zeit – sie hatte schon immer sehr, sehr dunkle Seiten. Besonders dunkel war es in dem Dorf mit seinen fünf Bauernhöfen im Frühjahr 1895. Wie damals üblich, arbeiteten auf vielen landwirtschaftlichen Anwesen Knechte und Mägde. Sie halfen im Stall und auf dem Feld – die Mägde auch im Haushalt – und wurden dafür geringfügig entlohnt. Auf dem Hof, um den es geht, war eine junge Frau in Stellung. Sie arbeitete nicht nur, sondern unterhielt offenbar auch eine Liebesbeziehung zum Bauern.
Das war keine Seltenheit. Die Heimatliteratur berichtet von vielen solchen Fällen. Oft gingen diese Beziehungen mit sehr unschönen Begleiterscheinungen einher: Familien zerbrachen, Schwangerschaften wurden verheimlicht oder beendet, Neugeborene versteckt und verleugnet. Oft war es aber auch so, dass es sich gar nicht um echte Liebschaften handelte, sondern dass die stets als ehrenhaft angesehenen Bauern die physische und materielle Abhängigkeit der jungen Mägde schamlos ausnutzten.
Die Bäuerin "verräumen"
Wie es in diesem Fall war, kann heute nicht mehr beurteilt werden. Vor 130 Jahren waren die Richter allerdings der Meinung, es sei eher die Magd gewesen, die die Beziehung zu ihrem Dienstherrn gepflegt hat. So oder so: Die Liebschaft sollte tödlich enden – und zwar für die Bäuerin. Es war der Palmsonntag im Jahr 1895, als der Mordplan geschmiedet wurde. Die Bäuerin sollte "verräumt" werden, damit der Bauer (44) die Magd (27) heiraten konnte. Es sollte alles nach einem tragischen Unfall aussehen.
Schon öfter hatten die Hühner ihre Eier auf dem Heuboden gelegt. "Die Bäuerin war da vorher schon ein paar mal hinaufgestiegen", weiß Heimatkundlerin Manuela Nübler, die sich mit dem Fall beschäftigt hat. Am Dienstag der Karwoche schickte der Bauer die Magd auf einen Botengang nach Amberg, seine vier Kinder zu Arbeiten in den Wald. Der Bäuerin sagte er, sie solle nachschauen, ob die Hühner ihre Eier wieder im Heu gelegt hätten. Als die Frau auf den Boden stieg, um nachzusehen, stieß sie der Bauer durch das Heuloch. Sie fiel vier bis fünf Meter in die Tiefe – und war nicht tot.
Alles Flehen war vergebens
Der Bauer musste sein Werk vollenden. Er lief nach unten, suchte nach einem Mordwerkzeug und sah laut Gerichtsakten als erstes ein "armdickes Backscheit", also einen etwa 50 Zentimeter langen Holzprügel. Diesen nahm er und schlug zu. Ein vorbeikommender Bub soll die Bäuerin noch schreien gehört haben: "Nur diesmal, Hans, lass mich noch gehen!" Vergebens. In der Anklageschrift ist von zwölf kräftigen Hieben auf den Kopf die Rede. Im Prozess sagten auch Nachbarn aus. Der Bub habe sie zu Hilfe geholt und gerufen: "Geht nur schnell, der Bauer erschlägt gerade seine Frau!" Sie konnten aber nicht in die Scheune hinein, weil das Tor verschlossen war. Erst später sahen sie den Tatort, die blutüberströmte Leiche und Blutspritzer bis in eineinhalb Metern Höhe an der Stadelwand.
Was mag passiert sein, als die Kinder vom Feld nach Hause kamen? Als die Magd vom Botengang zurückkehrte? Die Polizei – damals Gendarmerie genannt – kam erst am nächsten Tag in das Dorf, begleitet von einer Gerichtskommission, weil plötzlich alle gewusst haben wollen, was vorher niemand zu sagen gewagt hatte: Der Bauer hatte eine Affäre mit der Magd. "Die Volksstimme bezeichnet mit großer Gewissheit den Ehemann der Tothen als Mörder", berichteten die "Münchner Neuesten Nachrichten" in ihrer Oster-Ausgabe 1895. "Er lebte mit der unglücklichen Frau notorisch in sehr schlechtem Einvernehmen." Vor Gericht wurde das später anders protokolliert, da ist von "schönster Eintracht" die Rede.
Das Fallbeil im Koffer
Der Bauer wurde am Tag nach der Tat verhaftet und in der Fronfeste in Amberg – heute als Knasthotel bekannt – eingesperrt bis der Prozess begann. Das Schwurgericht trat zwei Monate später zusammen und sprach einstimmig das Urteil, das damals für Mord vorgesehen war: die Todesstrafe. Hinrichtungsstätte war eine Holzkonstruktion für ein Fallbeil, die unter einem Baldachin im Innenhof der Fronfeste stand. Der Ort ist heute noch zu sehen und frei zugänglich. Zur Vollstreckung am 16. November 1895 machte sich der bayernweit tätige Henker Franz Xaver Reichhart auf den Weg nach Amberg.
"Der Scharfrichter reiste für gewöhnlich ein paar Tage vor der Hinrichtung mit der Eisenbahn an", erzählt Nübler. "Sein Fallbeil hatte er in einem Koffer dabei. Er quartierte sich dann in Amberg ein, ließ sich über den Fall und den Delinquenten informieren und inspizierte die Köpfmaschine." In den im Staatsarchiv verwahrten Unterlagen sind noch Quittungen für die Auslagen des Henkers enthalten.
Allerdings hat Reichhart Tagebuch geschrieben und darin jede einzelne Hinrichtung festgehalten – alleine zwölf in Amberg. Der Bauer sei "gefasst und mutig" zum Schafott geschritten, notierte er. Die Leiche sei den Verwandten übergeben worden. Was übrig blieb von dem Mörder, hat der königlich-bayerische Amtsrichter in den Akten akkurat festgehalten: ein paar lange Stiefel, ein paar Socken, Joppe, Weste, Taschentuch, weißes Halskrägerl, schwarzes Halstuch, wollenes Halstuch, Geldbörse mit 4 R Inhalt, Schnappmesser, Bleistift, schwarzer Filzhut.
Harte Strafe für die Magd
Einen Tag nach der Hinrichtung hat die Justiz ein Exempel statuiert: Sie ließ die Magd aus ihrem Elternhaus abholen und in dasselbe Gefängnis einsperren. Der Vorwurf: "Anstiftung zum Verbrechen des Mordes." Der Prozess begann dann fünf Monate später und endete mit einer Gefängnisstrafe von elf Jahren für die junge Frau. Was später aus ihr wurde, war bei den Recherchen nicht in Erfahrung zu bringen. Auch nicht, wo die Kinder des toten Ehepaars untergekommen sind – vermutlich bei Verwandten.
Der Hof wurde bald nach dem Mordfall versteigert – an die Familie, die auch heute noch dort wohnt. Bis in die 1960er Jahre stand der Mord-Stadel noch, dann musste das Anwesen dem Straßenbau weichen. Die Eigentümer bauten auf der gegenüberliegenden Seite der Fahrbahn neu.
Fronfeste Amberg
Heimatkundlerin Hannelore Zapf hat die Geschichte der Fronfeste in Amberg im Auftrag des Hotels Fronfeste erforscht. Auszüge aus ihrer Arbeit:
- Das Gebäude an der nördlichen Stadtmauer ist uralt. Bis 1608 wurde in dem Bau Getreide aufbewahrt, später diente er als Pulverlager.
- In einer Stadtchronik von 1809 wird das Gebäude folgendermaßen beschrieben: Es "umfaßt unter der Erde 5 unbrauchbare, zu ebener Erde 13 brauchbare Kerker, im obern Stockwerk zwey Verhörs- oder Kommissionszimmer, ein Beobachtungszimmerchen, ein kleines Zimmer für geringe Arrestanten, eine Torturkammer, dann des Gerichtsdieners Wohn- und Schlafzimmer nebst einer Kammer."
- Im 18. und 19. Jahrhundert wurden fast alle schweren Kriminalfälle der Oberpfalz in Amberg verhandelt.
- Die erste Hinrichtung mit dem Fallbeil fand in Amberg am 24. August 1854 statt. Dabei handelte es sich um ein öffentliches, blutiges Schauspiel. Vor der Fronfeste hatte man eine Tribüne aufgebaut, von welcher um 5 Uhr früh der Gerichtsschreiber für die auf dem Paradeplatz wartende Menschenmenge das Urteil verlas. Daraufhin wurde der Stab gebrochen. Das Schafott war außerhalb der Stadt, am Fuße des sogenannten Galgenbergs, aufgebaut.
- 1862 trat das neue Strafgesetzbuch für das Königreich Bayern in Kraft. Darin wurde festgelegt, dass die Todesstrafe „mittels Enthauptung in Gegenwart einer Gerichtskommission und eines Beamten der Staatsanwaltschaft in einem geschlossenen Raume vollzogen“ werden muss, "welcher den freien Einblick nicht gewährt".
- Die letzte Hinrichtung in Amberg war die eines 25 Jahre alten Raubmörders am 18. September 1935 durch Scharfrichter Johann Reichhart.
- Bis Ende der 50er Jahre war die Fronfeste als Gefängnis in Gebrauch. Ab 1972 diente sie als Lager eines Elektrohändlers. Nach einem weiteren Zwischenbesitzer erwarb die Fronfeste GbR im Februar 2007 das Gemäuer und machte daraus ein Hotel.

















Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.
Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.