17.03.2019 - 10:47 Uhr
AmbergOberpfalz

Über die Kunst des Derbleckens

Am Josefitag (19. März) erlebt Amberg seinen Nockherberg. Die politische Prominenz der Stadt drängt sich im Winkler-Bräu und Fastenprediger Matthias Schöberl liest ihr die Leviten. Heuer zum letzten Mal.

Matthias Schöberl als Fastenprediger. 2018 trug er - passend zum Reformationsjubiläum - ein Lutherbarett.
von Uli Piehler Kontakt Profil

Ein Gespräch über die Gründe für seinen Abgang, das Feilen an Pointen und die Reaktionen von ehemaligen politischen Weggefährten.

ONETZ: Herr Schöberl, was ist los? Gehen Ihnen die Ideen aus oder werden Sie langsam altersmilde?

Matthias Schöberl: Natürlich beides. Tatsächlich will ich aufhören, solange die Leute das noch bedauern.

ONETZ: Oder sind Sie einfach zu nah dran? Verlieren Sie die Distanz?

Matthias Schöberl: Klar wurde ich nicht als klassischer Derblecker wahrgenommen. Ich war ja in gewisser Weise immer ein politischer Insider – als früherer Stadtrat und als Journalist. Und so pendelte die Wahrnehmung zwischen „Jetzt rächt er sich“ und „er schont seine Freinderl“. Alles falsch.

ONETZ: Wirklich?

Matthias Schöberl: Sie verwechseln vielleicht den Bruder Barnabas mit Matthias Schöberl. Bei diesen Reden habe ich nicht meine Meinung vorgetragen, sondern eine abstrahierte, allgemeingültige Kritik angebracht. Da müssen Sie unterscheiden.

ONETZ: Wir hatten schon den Eindruck, Sie hätten spezielle Lieblingsfeinde, wie den Alt-Oberbürgermeister Wolfgang Dandorfer.

Matthias Schöberl: Wolfgang Dandorfer war ein mächtiger Politiker unserer Stadt. Wer, wenn nicht der Bruder Barnabas muss sich da trauen, Kritik zu üben? Und keine Sorge: Wolfgang Dandorfer war so erfahren und kann auch selbst ganz gut austeilen. Deswegen kann er auch einstecken.

ONETZ: Auch der Klaus Ebenburger musste regelmäßig einstecken. Auch so ein Lieblingsfeind.

Matthias Schöberl: Entschuldigung, ich arbeite mich nicht an Lieblingsfeinden ab. Es gibt zwei Möglichkeiten, Teil einer Fastenpredigt zu werden: Weil man etwas Dummes oder Lustiges tut oder sagt. Aber vor allem, weil man eine Haltung zu erkennen gibt, die kritikwürdig ist. Ich habe immer den schnellen Gag mitgenommen, vor allem aber habe ich die Haltungen der Politiker kritisiert.

ONETZ: Haben Sie im einen oder anderen Fall übertrieben?

Matthias Schöberl: So eine Bockbierpredigt ist keine Abhandlung im historischen Oberseminar. Da geht es holzschnittartig zu. Das mag man als ungerecht empfinden – aber es soll ja auch nicht langweilig werden. Den Michael Cerny kritisierte ich für Dinge, für deren Schiefgehen er persönlich nichts kann. Aber er ist nun mal der politisch Verantwortliche. Deswegen ist die Kritik bei ihm an der richtigen Stelle angebracht.

ONETZ: Welche Haltungsnoten würden Sie ihm denn geben?

Matthias Schöberl: Das ist Sache der Zuschauer. Aus Sicht des Künstlers ist der Herr Cerny ein Idealfall. Der macht nämlich aktiv mit, antwortet, wenn er angesprochen wird. Einmal bin ich fast rausgeflogen, weil er so witzig reagiert hat. Und dann macht es Spaß, weil etwas von der Energie zurückkommt, die man reinsteckt. Mittlerweile haben sich alle Stadträte was abgeschaut und geben zurück. Nützt ihnen aber nix, denn ich hab halt ein Mikrofon.

ONETZ: Es kommen ja mittlerweile sehr viele Damen und Herren aus dem Stadtrat zu Ihren Reden.

Matthias Schöberl: Das ist schön. Anfangs habe ich über Abwesende gesprochen. Mittlerweile kann ich die Derbleckten alle ansprechen. Für mich ist das schöner. So nockherbergig.

ONETZ: Wie gelingt es, die richtige Mischung aus Derbheit und feinsinnigem Humor zu finden?

Matthias Schöberl: Keine Ahnung. Vielleicht bin ich der falsche Ansprechpartner, denn viele meinen ja, ich fände diese Mischung nicht.

ONETZ: Zu sehr unter der Gürtellinie.

Matthias Schöberl: Nö, zu zurückhaltend. (lacht)

ONETZ: Es stimmt schon objektiv, dass Sie – wenn auch gut formuliert – ziemliche Gemeinheiten adressieren.

Matthias Schöberl: Vermutlich liegt es daran, dass ich etwas kleiner als der Durchschnitt bin. Und etwas korpulenter. Wäre ich ein Modellathlet, wäre so manches unsagbar, weil die Leute es als gewollt beleidigend empfinden würden. Aber ich habe die Gabe, auch Hartes so zu sagen, dass die Kritisierten mitlachen können. Das ist gut, denn ich will ja nicht beleidigen. Sondern zum Denken anregen.

ONETZ: Verstehen das Ihre Opfer?

Matthias Schöberl: Politiker sind keine Opfer. Niemals. Die müssen sich stellen. Und am Biertisch wird zwar nicht schöner geschimpft, aber viel grundsätzlicher kritisiert. Und doch verstehe ich mittlerweile, dass es einen Unterschied macht, ob man ein Zitat aus meiner Rede hört oder in der Zeitung liest. In der Zeitung gibt es keine dialektale Färbung. Keine Stimmmelodie und keine Mimik. Deswegen sind Leute, die nur darüber lesen, was ich sage, kritischer als die Besucher der Josefi-Veranstaltung.

ONETZ: Wann wird gut derbleckt?

Matthias Schöberl: Wenn gelacht wird. Das Publikum findet nun mal den einen Gag besser gelungen als den anderen. So ist es eben. Jeder entscheidet da nach seinem Geschmack. Ich auch.

ONETZ: Wie entsteht so eine Rede?

Matthias Schöberl: Ich sammle ständig. In den Weihnachtsferien schreibe ich dann alles nacheinander auf, was ich so notiert habe. Dabei gucke ich die WhatsApp-Verläufe mit Freundinnen und Freunden aus dem Journalismus und der Politik durch – denn da wird viel gefrotzelt und es findet sich so mancher guter Gag. Zwei Monate vor dem 19. März fange ich dann mit dem Text an. Bis zum 1. März steht alles. Und dann schreibe ich alles komplett um. Eine bessere Arbeitsweise fiel mir nie ein. Aber es gibt Ideen, die ich noch am Abend der Rede aufschreibe, die es ins Manuskript schaffen.

ONETZ: Schon mal einen Scherz gestrichen, weil Sie sich nicht getraut haben?

Matthias Schöberl: Das würde ich nie zugeben. Eines gebe ich zu: Dass ich so manchen Gag bei guten Freunden, meiner Gattin und meinen Eltern austeste. Manchmal bastle ich dran rum, aber wenn er nicht zündet, dann lasse ich ihn fallen. Ich vertraue dem Geschmack dieser Leute mehr als meinem eigenen.

Ein Rückblick auf die Fastenpredigt 2017

ONETZ: Nochmal: Sie kennen die aktuellen maßgeblich politischen Akteure doch aus ihrer gemeinsamen JU-Zeit. Da muss es doch eine gewisse Beißhemmung geben_

Matthias Schöberl: Ich bin bereit zuzugeben, dass ich bisher keinen Anlass hatte, Michael Cerny für eine inhumane Haltung zu kritisieren. Er ist da bisher tadellos.

ONETZ: Schwingen Sie sich da nicht auf ein zu hohes Ross mit derartigen moralischen Urteilen?

Matthias Schöberl: Nein, das ist der Auftrag des Bruder Barnabas. Er ist die Stimme der Schwachen. Der Barnabas schlägt für die zurück, die das nicht selbst können. Er ist ungerecht und gibt die Starken der Lächerlichkeit preis.

ONETZ: Und verkündet, was gut und richtig ist?

Matthias Schöberl: Wieder nein. Der Barnabas muss zum Denken anregen. Bitte lassen wir die Kirche im Dorf. Keine Lokalpolitikerin und kein Bürgermeister verliert eine Stimme, weil bei einer Bockbierrede ein Witz gerissen wird. Es kann aber sein, dass jemand nach Hause geht und ins Denken kommt. Vielleicht sogar der Politiker selbst. Und Denken führt ja meist zu den gefährlichsten Dingen.

ONETZ: Wer soll Ihnen nachfolgen?

Matthias Schöberl: Ich halte es wie mein Vorgänger, der große Winnie Steinl, nämlich: ich halte mich da raus. Ein Barnabas soll auf der Bühne reden. Und ansonsten schweigen.

Am Josefi-Tag 2016 trat Schöberl als Kardinal ans Rednerpult.
Best of Barnabas:

Zitate aus acht Jahren

2012

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble spielte während einer Bundestagsdebatte Sudoku: „In den Medien wurde kolportiert, es habe sich um ein Spiel höchster Schwierigkeitsstufe gehandelt. Es war aber noch schwieriger als alle dachten. Der Schäuble spielte nämlich ein griechisches Sudoku. Da benutzt man die Zahlen von minus neun bis minus eins.“

„Gegen den Ebenburger kann man sagen was man will. Ende des Satzes. Ein Aber braucht’s da nicht.“

2013

Zur Debatte, in Amberg eine Sperrbezirk einzurichten: „Ja, meinen Sie, die Auswärtigen kommen wegen der besonderen Einkaufsmöglichkeiten oder wegen der freundlichen Beratung der Käufer? Weit gefehlt! Früher hieß das Tourismusbüro noch Fremden-Verkehrs-Amt, weil man wusste, wie in Amberg Geld gemacht wird.“

„Ich wanderte durch ein finsteres Tal … aber dann sah ich, es handelte sich nur um die Ziegelgasse.“

Zum Wiedereinzug von Barbara Lanzinger in den Bundestag: „Obgleich sie eine barocke Erscheinung ist, erlebt die Lanzinger eine Renaissance.“

2014

„In der Bahnhofsstraße sah es zum letzten Mal so aus, als die Österreicher im spanischen Erbfolgekrieg Amberg beschossen haben.“

Zum neuen Landtagsabgeordneten Harald Schwartz: „Wann überprüft endlich mal jemand dem seine Doktorarbeit? Aber des is unmöglich. Internationaler Rechtsvergleich auf 300 Seiten mit dem Titel „Internationales Privatrecht der Haftung für Vermögensschäden infolge fahrlässiger falsch erteilter Auskünfte im Einmalkontakt mit vergleichender Darstellung des Sach- sowie des Internationalen Privatrechts in Deutschland, Österreich, der Schweiz, in England sowie in Frankreich. Ich bin bereits auf Seite vier eingeschlafen.“

Der Sarrazin hat ein neues Buch geschrieben. Der Titel heißt irgendwie: „Das muss man doch mal sagen dürfen…“ Im letzten Buch hat er ja beklagt, dass die Deutschen zu wenige Kinder bekommen. IKEA hat ja gleich reagiert und einen neuen Artikel rausgebracht: Das Präservativ „Löchla“.

2015

„Der Cerny wurde von Siemens doch mit dem Flascherl großgezogen. Ganz ehrlich: Die Übernahme der Stadt Amberg ist seit langem die erste Übernahme der Siemens AG, die glatt gegangen ist.“

„Amberg braucht Attraktionen. Das hat der Stadtrat auch nach dem letzten Altstadtfest diskutiert. Dieter Amann von der SPD beklagte öffentlich: Der Kommerz hat uns eingeholt. Jaja, der Kommerz. Dabei gibt es in Amberg schon ewig Feste, die total kommerzfrei sind: der Weihnachtsmarkt beispielsweise. Total kommerzfrei. Oder das Bergfest. Der Krüglmarkt. Das Bierfest im Stadtgraben. Ums Geld geht’s da keinem.“

„Kommerzfrei. Das einzige, was in Amberg kommerzfrei ist, ist die Fußgängerzone.“

2016

„Und im Herbst folgt dann das nächste Highlight: die traditionelle Ausstellung des Amberger Lehrervereins. Ach falsch, das muss nicht Amberger Lehrerverein heißen, sondern Gruppe Amberger Künstler. Naja, kaum ein Unterschied.“

„Ich fordere Sie auf, Herr Oberbürgermeister, melden Sie als Weltkulturerbe einmalige Amberger Einrichtungen an wie den unsichtbaren Fußgängerweg in der Sandstraße, den sich selbstvermehrenden Kreisverkehr und natürlich: den funktionslosen Multifunktionsplatz. Obgleich: Der wäre ja eher was für den Physiknobelpreis.“

„Man müsste mal wirklich durchgreifen. Wir brauchen wieder Helden. Superhelden. Aber genau da liegt das Problem. Schaun Sie: Gotham hat Batman, Metropolis hat Superman und Amberg hat Mußemann.“

2017

Zur Tiefgaragendebatte ums Amberger Loch: „Der CSU-Fraktionschef Dieter Mußemann hat dem Eberhard Meier vorgeworfen, er würde mit seiner Kritik an den Einfahrtsplänen für die Tiefgarage Gift über das gerade aufgegangene Pflänzchen der Innenstadt-Belebung ausgießen. Und deswegen wäre der Herr Doktor Meier bald als Totengräber der Innenstadt abgestempelt. Nein, Herr Mußemann. Wer Gift ausgießt, der ist ein Mörder. Der Totengräber ist der, der das Loch aushebt, gell?“

Zur Wolbergs-Affäre in Regensburg: „Wenn man den Amberger Geschäftsleuten in der Innenstadt glaubt, dann hätten die nicht einmal alle miteinander solche Bestechungsgelder auftreiben können, die alten Winselpritschen.“

2018

„Der Schulz-Effekt. Hört sich an, wie der kleine Bruder von Stringtheorie und Schleifenquantengravitation. Ist in Wirklichkeit aber so wie aus Szenen einer Ehe: Er sagt: Du Schatz, ich fühl mich total krank. Sagt Sie: Ach armer Liebling! Das ist bestimmt der Schulz-Effekt.“

„Unser Oberbürgermeister setzt dagegen auf die Erfahrung, dass auch Teddybären nicht so schnell von der Bettkante geschubst werden. Und vielleicht mit Recht, denn immerhin leben wir in der Welthauptstadt des Dotsches.“

„Das bringt natürlich die Frage aufs Tapet, ob die AfD nun auch bei der Kommunalwahl antreten wird. Als AfA. Alternative für Amberg. Oder wie der Volksmund sagt: Weiden.“

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