21.01.2021 - 09:49 Uhr
AmbergOberpfalz

Vom Umgang mit der Krise in der Krise

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Um sich in der Pandemie nicht schutz- und hilflos zu fühlen, ist es entscheidend, sich selbst nicht aufzugeben. Der Diplom-Sozialpädagoge Sebastian Schuster rät, immer auf dem Laufenden zu bleiben, Entwicklungen zu verfolgen und zu begreifen.

"Die Scham, uns selbst einzugestehen, dass wir Hilfe brauchen, ist eine große Hürde. Aber die Alternative ist, mit diesen Problemen zu leben, darunter zu leiden und Lebensqualität zu verlieren", warnt Sebastian Schuster.
von Adele SchützProfil

Seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie im März 2020 prasseln täglich neue Meldungen über Infektionszahlen, neue Verordnungen und Schutzmaßnahmen auf die Menschen ein. Dazu kommen Nachrichten aus Politik und Wissenschaft und die Erfahrungsberichte betroffener Bürger. Kein Wunder also, wenn sich viele von der Nachrichtenlage überfordert fühlen, Dinge nicht mehr verstehen oder gar die Sinnfrage stellen.

Vor der Krise in der Krise schützen

Dies kann der Diplom-Sozialpädagoge und Gerontotherapeut am Sozialpsychiatrischen Zentrum in Amberg, Sebastian Schuster, bestätigen. Nicht nur beruflich wird er täglich mit Menschen konfrontiert, die besonders von den Auswirkungen der Pandemie betroffen sind, er kennt sie auch aus persönlichen Erfahrungen. Aber er weiß auch, wie man mit der Corona-Pandemie, mit ihren Auswirkungen auf das Gemüt der Menschen - mit und ohne psychischen Erkrankungen - umgeht und sich vor der Krise in der Krise schützt.

Entscheidende Bedeutung hätten die Faktoren Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Sinnhaftigkeit. Sie würden einen wesentlichen Beitrag leisten, um eine Krisensituation zu meistern und gesund zu bleiben. Es sei enorm wichtig "unsere Umgebung und die Geschehnisse in unserem Umfeld" zu verstehen - also als verständlich, stimmig und geordnet zu erleben. Dazu gehöre, über Abläufe informiert zu sein und neue Entwicklungen in einen logischen Zusammenhang einordnen zu können.

Belastungen als sinnstiftend erleben

"Für eine Krisenbewältigung ist nicht nur die genaue Information darüber elementar, sondern auch die Aufgaben und Belastungen, die das eigene Leben betreffen, nicht als unüberwindbaren Berg zu betrachten, sondern als Herausforderungen, die durch den Einsatz aller zur Verfügung stehenden Ressourcen lösbar sind", so Schuster. "Sich selbst mit den Anstrengungen und Belastungen des Alltags zu identifizieren und deren Bewältigung als sinnstiftend zu erleben, sich also gerne zu engagieren, ist wichtig, um positiv und optimistisch in die Zukunft zu schauen."

Um sich nicht schutz- und hilflos zu fühlen, sei es entscheidend, sich selbst nicht aufzugeben, sondern immer wieder aufs Neue zu versuchen, sich nicht hängen zu lassen, auf dem Laufenden zu bleiben, neue Entwicklungen zu verfolgen und zu begreifen. Dabei lohne der Blick auf die verfügbaren Ressourcen. Man solle den Fokus nicht auf das richten, was man nicht könne und habe, sondern auf die Dinge, die "uns zu Verfügung stehen und die wir beherrschen" würden - und einsetzen können, um uns zu behaupten. "Natürlich ist es erstrebenswert, sich immer mit neuen, zusätzlichen Ressourcen auszustatten, um sich auf die ebenfalls wandelnden Herausforderungen einstellen zu können", rät der Diplom-Sozialpädagoge.

Optimistische Grundhaltung

Um unseren Alltag zu meistern, müssten wir laut Schuster stets aufmerksam sein und einiges einstecken können. Dabei sei eine hohe körperliche Belastbarkeit und psychische Widerstandsfähigkeit - die sogenannte Resilienz - entscheidend. Um sich auf die sich stets ändernden Herausforderungen und Belastungen des Lebens einzustellen und dafür zu wappnen, seien die realistische Einschätzung von Fähigkeiten und die Akzeptanz, dass man "eben auch manches nicht bewältigen" könnte, entscheidend. "Dabei können eine optimistische Grundhaltung und der Blick auf bereits bewältigte Herausforderungen helfen", macht Sebastian Schuster Mut. Viele Probleme und Schwierigkeiten hätte man in einer etwas anderen Form - mit und ohne fremde Hilfe - bereits lösen können.

Wichtig sei es, sich einzugestehen, wenn man nicht belastbar sei. "Nach der Überlastung folgt der Zusammenbruch und um diesen zu vermeiden, brauchen wir das Vertrauen in unsere Stärke, ein gutes soziales Netzwerk aus Familie, Freunden und professioneller Unterstützung, eine hohe Anpassungsfähigkeit und Flexibilität sowie ein klares Zielbewusstsein und eine realistische Zielsetzung", rät Schuster. Und fügt hinzu: "All diese Punkte und eine gewisse Gelassenheit, bestimmte Dinge nun mal einfach nicht ändern zu können, verhelfen uns zu einer gefestigten Widerstandsfähigkeit und psychischen Stabilität."

Scham eine große Hürde

Bei vielen Alltagsproblemen sei es selbstverständlich, sich Hilfe und Rat zu holen. Bei persönlichen Problemen sei es "leider überhaupt nicht selbstverständlich", sich Hilfe zu holen. "Die Scham, uns selbst einzugestehen, dass wir Hilfe brauchen, ist eine große Hürde. Aber die Alternative ist, mit diesen Problemen zu leben, darunter zu leiden und Lebensqualität zu verlieren", warnt Sebastian Schuster. Gründe dafür sind Scham, mangelnde Mobilität, finanzielle Probleme, Beschwichtigung des Problems oder Angst. Er ermutigt jeden Menschen, Hilfe anzunehmen und Bedenken über Bord zu werfen. Die Beratungsangebote der großen deutschen Wohlfahrtsverbände wie Caritas oder Diakonie seien kostenlos. Wenn das Gespräch am Telefon nicht reicht, und es dem Hilfesuchenden nicht möglich ist, in die Einrichtungen zu kommen, sind auch Besuche zu Hause möglich (nach Corona).

Die Berater kennen viele Problemsituationen und gehen flexibel auf Bedenken und Wünsche ein. Nach einer telefonischen Kontaktaufnahme sei niemand verpflichtet, langfristigen und regelmäßigen Kontakt halten zu müssen. Die Berater können in vielen Fällen schnell und unkompliziert helfen. "Sich einzugestehen, dass man Hilfe braucht, ist nicht verboten. Im Gegenteil: Genau wie beim kaputten Pkw ist es sinnvoll, schnell Hilfe in Anspruch zu nehmen und nicht zu warten, bis gar nichts mehr geht", sagt Sebastian Schuster.

Service:

Tipps für seelische Gesundheit

Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde e. V. hat auf ihrer Webseite einige hilfreiche Ratschläge parat, um die Coronakrise auch seelisch zu bewältigen.

  • Bleiben Sie richtig informiert: Nutzen Sie vertrauenswürdige Informationsquellen wie etwa Hinweise des Bundesgesundheitsministeriums, des Robert Koch-Instituts oder der Weltgesundheitsorganisation. Exzessiver Medienkonsum sollte vermieden werden. Pushnachrichten auf dem Handy oder ständig laufende Nachrichtensendungen können Stress verursachen und Sorgen verstärken.
  • Gestalten Sie Ihren Alltag positiv: Tägliche Routineabläufe mit festen Zeiten für Schlaf und Mahlzeiten helfen, innere Stabilität zu bewahren. Wenn Sie von zu Hause arbeiten, ist es sinnvoll, ähnliche Zeiten einzuhalten wie am Arbeitsplatz. Um das seelische Gleichgewicht nicht zu gefährden, sollte man besonders darauf achten, den Alltag mit Aktivitäten und Gewohnheiten auszugestalten, die zum körperlichen und seelischen Wohlbefinden beitragen können, zum Beispiel gesunde Mahlzeiten, ausreichend Schlaf, Bewegung (falls draußen nicht möglich Gymnastikübungen in der Wohnung) und Aktivitäten, die Spaß machen.
  • Austauschen und gegenseitig helfen: Sich mit Freunden und Familie über Sorgen, Gefühle und den praktischen Umgang mit der Krise auszutauschen, kann Stress reduzieren. Ein Anruf, eine Nachricht oder ein Brief können viel bewirken und die Botschaft „du bist nicht allein“ vermitteln. Nutzen Sie Videoanrufe über Smartphone oder Computer. Das hilft, das Gefühl von Nähe noch zu verstärken. In vielen Nachbarschaften gibt es das Angebot an ältere Nachbarn, Einkäufe oder Besorgungen zu übernehmen. Die Unterstützung kommt nicht nur der Person zugute, die die Hilfe empfängt: Auch beim Helfer selbst können sich positive Gefühle einstellen.
  • Positiv denken: Jeder wird in der derzeitigen Situation Gefühle von Überforderung, Stress und Sorgen kennen, das sind ganz normale Reaktionen. Aus psychiatrisch-psychotherapeutischer Sicht sollte man diese Gefühle anerkennen und sich selbst zugestehen. Gleichzeitig kann man sich aber aktiv vornehmen, sich nicht zu sehr in negative Gefühle hineinzusteigern. Konzentrieren Sie sich auf Gedanken, Erlebnisse und Aktivitäten, die positive Gefühle auslösen. Das können ganz einfache Alltagsdinge sein wie etwa der Kaffee am Morgen, schöne Musik oder ein Anruf bei alten Freunden.
  • Professionelle Hilfe suchen: Wenn Sie sich psychisch belastet fühlen und das Gefühl haben, Sorgen und Ängste nicht allein bewältigen zu können, sollten Sie professionelle Hilfe suchen. Hausärzte, Ambulanzen der Kliniken und psychosoziale Beratungsstellen sind geeignete erste Anlaufstellen. Für eine fachgerechte Diagnostik und eine spezialisierte Behandlung ausgeprägter und anhaltender psychischer Beschwerden sind Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie sowie ärztliche und psychologische Psychotherapeuten die richtigen Ansprechpartner. Sie alle bauen angesichts der aktuellen Situation derzeit ihre Angebote an Telefon- und Video-Beratung aus.

Die Tipps für seelische Gesundheit finden Sie hier in voller Länge

Informationen zu Wegen aus Krisen sowie weitere Hilfen des Ambulanten Gerontopsychiatrischen Verbunds Bayern

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Oberpfalz
Diplom-Sozialpädagoge und Gerontotherapeut am Sozialpsychiatrischen Zentrum in Amberg, Sebastian Schuster.
Verstehbarkeit, Sinnhaftigkeit und Handhabbarkeit sind die Eckpfeiler, um gut durch eine Krise zu kommen.

 

 

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