10.01.2021 - 10:20 Uhr
AmbergOberpfalz

Viele Pflegekräfte wollen sich noch nicht impfen lassen

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"Lasst euch bitte impfen!" Mit diesem flehentlichen Appell wendet sich eine Pflegekraft aus der Region Amberg-Sulzbach an ihre Kollegen und Patienten. Denn die Bereitschaft ist bei vielen minimal. "Einsam zu sterben, ist noch schlimmer."

In Amberg-Sulzbach wurden am Sonntag, 27 Dezember, die ersten Menschen gegen das Coronavirus geimpft.
von Stephanie Wilcke Kontakt Profil

In seiner jüngsten Pressekonferenz zeigte sich Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) alarmiert: Gerade unter den Mitarbeitern in den Pflege- und Altenheimen sei die Zurückhaltung, sich gegen das Coronavirus impfen zu lassen, enorm. Etwas besser sähe es unter den Bewohnern und bei den Beschäftigten von Krankenhäusern aus. Etwa 90 000 Menschen sind es laut Söder (Stand: Mittwoch, 6. Januar) im Freistaat gewesen, die sich schon bereit gezeigt haben. Wie schaut es in der Region-Amberg-Sulzbach aus?

"Bitte lasst euch impfen", sagt eine gerontopsychiatrische Fachkraft aus dem Raum Amberg-Sulzbach fast flehentlich. Die 40-Jährige, die im mobilen Dienst Patienten zu Hause besucht, hatte sich an die Amberger Zeitung gewendet, weil sie die Ablehnung vieler Kollegen in ihrem Beruf, aber auch die große Skepsis ihrer Patienten gegenüber einer Schutzimpfung, nicht nachvollziehen kann. "Viele haben Angst vor Nebenwirkungen und behaupten, dass die Impfung noch gar nicht richtig getestet worden sei. Auf der anderen Seite sterben Menschen völlig allein auf Intensivstationen einen grausamen Erstickungstod." Sollte diese Vorstellung vom Lebensende die Befürchtungen nicht aufwiegen? Zumindest fragt sich die Pflegekraft genau das. In den letzten Dezembertagen 2020 hatte sie sich deshalb impfen lassen. Sich selbst würde die 40-Jährige nicht als "Impffetischisten" bezeichnen, im Gegenteil. Sie leidet an einer chronischen Atemwegserkrankung, "doch mein Respekt vor Corona ist riesig".

„Das enttäuscht mich sehr“

Diesen Respekt gegenüber der Krankheit vermisst die 40-jährige Pflegeexpertin bei ihren Kollegen und den Patienten. "Manche halten mich für bescheuert, weil ich mich impfen habe lassen. So etwas zu hören, enttäuscht mich sehr." In der Ausbildung habe sie Verantwortungsbewusstsein gelernt, sagt sie. "Ist das nicht verantwortungsbewusst? Diese Impfung ist im Moment unser einziger Lichtblick, zu einem normalen Leben zurückzukehren."

Diese Impfung ist im Moment unser einziger Lichtblick, zu einem normalen Leben zurückzukehren."

Eine gerontopsychiatrische Fachkraft aus der Region

Eine geringere Bereitschaft bei den Beschäftigten, sich das Mittel gegen Corona spritzen zu lassen, stellen auch die Verantwortlichen etwa beim BRK-Kreisverband Amberg-Sulzbach sowie Caritasverband Amberg-Sulzbach fest. "In geringerer Anzahl als erwartet" sei die Abfrage bei Caritas-Mitarbeitern gewesen, sagt Wolfgang Rattai, der stellvertretende hauptamtliche Vorstandsvorsitzende. Zehn von 80 erklärten sich bereit, die Zahl habe sich bei einer zweiten Abfrage nicht wesentlich erhöht. "Wenn ich unsere Beschäftigen frage, antworten sie, dass der Impfstoff noch nicht so erprobt sei und man noch abwarten wolle."

Rattai sagt aber auch: "Zum Glück fehlen unseren Beschäftigten die persönlichen Erfahrungen: In keinem Heim ist das Virus grassiert." Nun wolle man in persönlichen Gesprächen Zweifel ausräumen. Vor allem setze man auf Informationen, "dann bin ich zuversichtlich, dass sich die Bereitschaft erhöht".

Ganz andere Erfahrungen hat man im Frühjahr 2020 im Hirschauer BRK-Seniorenheim machen müssen. Dort wütete das Virus schlimm und infizierte viele Bewohner. Kreisgeschäftsführer Sebastian Schaller, der auch für die Organisation der Impfzentren in der Region verantwortlich zeichnet, beobachtet in seinen Heimen, "dass sich tendenziell mehr Bewohner impfen lassen". Er wolle aber nicht so weit gehen, "dass das grundlegend so bleibt". Denn zunächst sei es ja wichtig, erst einmal die Bewohner mit Impfdosen zu versorgen. "Die Rückmeldungen der Beschäftigten sind jetzt deutlich positiver als noch vor zwei Monaten."

Andere Lage in Kliniken

Mehr als 80 Menschen, die im Rettungsdienst oder als Pflegepersonal arbeiten, haben sich nach Auskunft Schallers für eine Impfung im Zuge der "Reserve-Dosen"-Verteilung gemeldet. Das sind Impfungen, die möglich sind, weil etwa bei einem mobilen Team in einem Altenheim Dosen aus einem Fläschchen übrig blieben. Bis es eine zentrale bayerische Anmeldeliste - sie ist für die kommenden Tage geplant - umgesetzt ist, haben Impfwillige noch die Möglichkeit, sehr kurzfristig an solche "Reserven" stationär zu kommen.

Ab 11. Januar ist es für Bayern möglich, sich im Internet für eine Corona-Impfung anzumelden

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Etwas anders stellt sich die Situation in den Krankenhäusern in der Region dar. Recht öffentlichkeitswirksam bat am 2. Januar erstmals das Amberger St.-Marien-Klinikum seine Mitarbeiter zur Spritze: Von rund 1900 Mitarbeitern bekamen 400 eine Impfung verabreicht, teilt Sprecherin Sandra Dietl mit. "Die Bereitschaft, sich impfen zu lassen ist gut. Die Zahl steigt kontinuierlich an."

Am gleichen Tag fand auch die erste Impfung für Beschäftigte der beiden Krankenhäuser St. Anna in Sulzbach-Rosenberg sowie St. Johannes in Auerbach statt. Insgesamt 117 Mitarbeiter wurden versorgt. "Mehr Impfstoff stand für diesen Tag nicht zur Verfügung", erklärt Sulzbachs Ärztlicher Direktor, Dr. Klaus Nester. Somit war man wie auch in Amberg gezwungen, die Impfwilligen nach ihren Arbeitsplätzen zu priorisieren: "Intensivstation, Notaufnahme, Covid-19-Isolierstation, Mitarbeiter im Notarztdienst und auch Mitarbeiter mit entsprechendem Risikoprofil", zählt Nester auf.

Bei einem zweiten Termin wolle man weitere 120 Mitarbeiter mit dem Impfstoff versorgen, sagt Nester. "Mehr Impfdosen stehen auch zu diesem Termin nicht zur Verfügung." Ein dritter Termin sei bereits in Planung. Auch in Sulzbach-Rosenberg beziehungsweise Auerbach sind die Verantwortlichen mit der Bereitschaft zufrieden. Klaus Nester: "Wir machen die Erfahrung, dass mancher seine Impfzurückhaltung durch die sehr positiven Erfahrungen der ersten ,Impflinge' reduziert hat." Die Aussichten seien sehr gut, dass die Impfrate der gut 660 Mitarbeiter bei etwa 60 bis 70 Prozent liegen könne.

Vorläufig gibt es in der Region Amberg-Sulzbach noch eine Vormerkliste für Impftermine

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