04.01.2021 - 16:19 Uhr
AmbergOberpfalz

Wolfsbeauftragter hat Amberg-Sulzbach verlassen

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Der Wolf sorgt immer für Aufregung. Jede (vermutliche) Sichtung, jeder (vermutete) Riss eines Beutetiers wird schnell zum großen Thema. Mit der realen Gefährdungslage hat das wenig zu tun, sagt der Landrat. Und belegt das mit einer Zahl.

Dieses Foto eines Wolfs auf dem Truppenübungsplatz Hohenfels gelang am 8. Juni 2020. Seit dem Nachweis vom November gilt der Wolf hier als standorttreu.
von Markus Müller Kontakt Profil

Bei Gunzendorf (Stadt Auerbach) überqueren Anfang Dezember vier Wölfe am helllichten Tag die Straße, in Freihung und Vilseck sprechen Jäger von etlichen Wolfsrissen in ihren Revieren, für den Truppenübungsplatz Hohenfels meldet das Landesamt für Umwelt Ende 2020 einen standorttreuen Einzelgänger-Wolf: Irgendwie passt es da nicht ins Bild, dass der Wolfsbeauftragte für die Oberpfalz im September seine Tätigkeit eingestellt hat. Markus Martini, der in Theuern ansässig war, hatte aber nur eine auf zwei Jahre befristete Stelle. Im Gespräch zum Jahreswechsel mit Oberpfalz-Medien erklärt Landrat Richard Reisinger die Hintergründe.

Die Meldung zum standorttreuen Wolf im Truppenübungsplatz Hohenfels

Hohenfels

Was es mit der Sichtung bei Gunzendorf auf sich hat

Auerbach

Demnach sei die Stelle des Wolfsbeauftragten bzw. Wolfsberaters von Anfang an als nur vorübergehende Institution geplant gewesen. Reisinger: „Es war so disponiert, dass es den gibt, bis man die entsprechenden Stellen an der Regierung einrichtet, und die sind jetzt da.“

Sechs Netzwerker im Landkreis

Die Zuständigkeit dafür liege nicht beim Landratsamt, sondern es handle sich um eine Landesaufgabe. Die örtliche Zuständigkeit sei bei den Regierungen angesiedelt, „und die haben Netzwerker, die bei einem Vorfall schnell zur Verfügung stehen“. Im Landkreis Amberg-Sulzbach gibt es davon sechs Stück, die an eine Abteilung des Landesamts für Umwelt (LfU) angegliedert sind. „Wir veröffentlichen sie nicht namentlich, aber die Polizei und die Untere Naturschutzbehörde koordinieren ihren Einsatz“, so Reisinger.

Diese Mitglieder des Netzwerks große Beutegreifer (NGB) betreiben das Monitoring der gemeldeten Wolfsspuren und sichern auch die Beweise. Wobei es in Bezug auf den Wolf häufig falscher Alarm ist, wie Reisinger sagt: „Bei den meisten Fällen, in denen bei uns Anfragen kommen, hat aufgefundenes totes Wild mit dem Wolf nichts zu tun.“ Noch eindeutiger sei das bei den Nutztieren: „2020 konnten wir keine Übergriffe auf Nutztiere bestätigen.“ Es habe einige wenige Anfragen zu Verdachtsfällen gegeben, keiner dieser Fälle habe aber wirklich dem Wolf zugeordnet werden können.

Emotionen schießen hoch

An Reisingers grundsätzlicher Einschätzung ändert das wenig: „Ich bleibe dabei: Der Wolf ist nicht gesellschaftsfähig und nicht kompromissfähig.“ Er lasse für gewöhnlich die Emotionen zu sehr hochschießen, um noch Raum für eine sachliche Diskussion zu haben. Nur halb im Scherz lautet die Erkenntnis des Landrats: „Der Wolf, der hat einen Fehler gemacht, er hat sich ausrotten lassen. Denn andernfalls hätten wir den Umgang mit ihm gelernt.“ Ungefähr so, wie man in manchen Ländern einen unaufgeregten Umgang mit Giftschlangen hinbekomme.

Reisinger ist bewusst, dass der Wolf für manche eher störend oder lästig ist, für andere dagegen existenziell bedrohlich. Etwa für Weidetierhalter. Ihnen könne man eine Beratung anbieten, ebenso eine Förderkulissen für Zäune oder spezielle Herdenschutzhunde. Wie das im Landkreis aktuell genutzt wird, kann Reisinger nicht genau sagen: „Derzeit schlagen bei uns wenig Anfragen auf, weil die zentrale Hotline am LfU bei den Weidebetrieben mittlerweile bekannt ist.“

Wölfe überwinden Grenzen

Das Seltsame an der Situation mit dem Wolf in Amberg-Sulzbach ist, dass es hier eigentlich keine Rudel und kaum Nachweise von Einzeltieren gibt, sondern nur knapp jenseits der Grenzen des Landkreises. Aber was heißt das bei einem derart mobilen Tier wie dem Wolf schon, der in einer Nacht 80 Kilometer zurücklegen kann? Demnach muss man vom Landkreis aus folgende vier Gebiete mit nachgewiesenen Wölfen im Blick behalten:

  • Truppenübungsplatz Hohenfels

Aktuell verzeichnet das Landesamt für Umwelt im Truppenübungsplatz Hohenfels einen männlichen Wolf, der als standorttreuer Einzelgänger gilt. Standorttreu deshalb, weil er, wie mehrere genetische Nachweise dokumentieren, schon seit mehr als einem halben Jahr dort ist. Das Tier aus einem Elternrudel in Parchen (Sachsen-Anhalt) war nach den Angaben des LfU im September 2019 in Thüringen nachgewiesen worden und im Januar 2020 im Landkreis Hof. Auf dem Truppenübungsplatz Hohenfels wurde seine Losung (Kot) zum ersten Mal am 10. Mai 2020 festgestellt. Dieser Wolf ist nicht der erste, der das Areal dieses Übungsplatzes als gutes Jagdgebiet eingeschätzt hat: Bereits 2017 gab es hier erste Nachweise.

  • Veldensteiner Forst

Auch das Rudel, das im Veldensteiner Forst lebt, weist eine Verbindung zum Truppenübungsplatz Hohenfels auf. In dem 6000 Hektar großen Waldgebiet, das südlich von Pegnitz überwiegend im Landkreis Bayreuth liegt, zu kleineren Teilen aber auch in den Landkreisen Amberg-Sulzbach sowie Nürnberger Land, fanden sich im Winter 2018 ein weiblicher und ein männlicher Wolf. Der Rüde war im Februar 2017 bereits auf dem Truppenübungsplatz Grafenwöhr nachgewiesen worden, von Juli 2017 bis Januar 2018 auf dem Truppenübungsplatz Hohenfels.

Von diesem Wolfspaar sind bisher elf Welpen genetisch identifiziert. Das Muttertier kam im September 2019 bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Auch für zwei Jungtiere ist diese Todesart belegt. Die Zukunft des Veldensteiner Rudels dürfte dennoch gesichert sein: Im Mai 2020 gelang hier die Aufnahme einer Wölfin mit Gesäuge und im August 2020 der Foto-Nachweis von vier Jungwölfen.

Die weitaus meisten Nachweise für dieses Rudel finden sich zwar im Gebiet des Landkreises Bayreuth, in Amberg-Sulzbach erfolgte aber im April 2017 der erste zweifelsfreie Nachweis (in der Pegnitzau bei Michelfeld) sowie im November 2018 eine spektakuläre Videoaufnahme von vier Jungtieren (ebenfalls bei Michelfeld).

  • Manteler Forst

Ein männlicher Wolf aus dem Elternrudel im Veldensteiner Forst hat sich (nachgewiesen seit Januar 2020) im Manteler Forst mit einer Wölfin aus Sachsen zusammengetan. Seit September 2020 sind in dem Waldgebiet zwischen Weiden und Grafenwöhr zudem fünf Jungwölfe bestätigt.

  • Truppenübungsplatz Grafenwöhr

Im September 2016 gelang der erste Foto-Nachweis eines Wolfs auf den Truppenübungsplatz Grafenwöhr. Seit Anfang 2017 ist klar, dass sich dort ein Wolfspaar angesiedelt hat. Allerdings gab es nie Spuren von Nachwuchs. Da der männliche Wolf im Jahresverlauf 2020 nicht mehr nachweisbar war, führt das LfU das Weibchen dort jetzt als standorttreues Einzeltier. Es gilt: "Der Verbleib des männlichen Tieres ist bisher ungeklärt."

Zum verschollenen Wolfsrüden im Truppenübungsplatz Grafenwöhr

Grafenwöhr
Hintergrund:

Nachweise standorttreuer Wölfe/Rudel in Bayern

  • Allgäuer Alpen
  • Nationalpark Bayerischer Wald Süd
  • Nationalpark Bayerischer Wald Nord
  • Truppenübungsplatz Hohenfels
  • Manteler Forst
  • Truppenübungsplatz Grafenwöhr
  • Veldensteiner Forst
  • Rhön

Quelle: Bayerisches Landesamt für Umwelt

 

 

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