06.02.2020 - 10:42 Uhr
AmbergOberpfalz

Zwischen Blutverlust und Brüchen - Ein Tag in der Notaufnahme

Angespannt wartet der Notarzt vor der Klinik. Der Krankenwagen mit dem Patienten trifft jeden Moment ein. Der Mediziner weiß, was ihn erwartet. Herzinfarkt. Es ist nicht der einzige Notfall am Klinikum St. Marien an diesem Freitagvormittag.

Der Schockraum ist eines der Herzstücke der Notaufnahme am Klinikum St. Marien in Amberg.
von Julia Hammer Kontakt Profil

Das Wartezimmer ist voll, alle Betten belegt. Dann klingelt das Telefon. Ein weiterer Rettungswagen ist unterwegs. „Wir nähern uns dem Peak.“ So nennt Silke Neger, Stationsleiterin der Zentralen Notaufnahme am Klinikum St. Marien, die Zeit, in der es kaum eine ruhige Minute gibt. Mittagszeit. Ankommende Rettungswagen, die verletzte oder schwerkranke Patienten auf Liegen in die Notaufnahme schieben, Erkrankte, die sich selbst auf den Weg in die Klinik am Fuße des Mariahilfbergs machen,. In ihrer Kitteltasche steckt ein Telefon. Erreichbar zu sein, ist wichtig. Jederzeit. Denn jederzeit könnte es um Leben und Tod gehen.

Einige Stunden früher ist es an diesem Freitagmorgen noch deutlich ruhiger. Im Wartezimmer sitzt ein älterer Mann. Er ist gestürzt, hat sich am Bein verletzt. „Ich hoffe, dass nichts gebrochen ist. Vielleicht verstaucht. Aber ich will sicher sein.“ Auf den Gängen der mehr als 1300 Quadratmeter großen Notaufnahme ist es ruhig. Leere Betten stehen im Flur, der mobile Notfallwagen, an dem „alle wichtigen Geräte wie Defibrillator und Absauger angebracht sind“, wartet auf seinen Einsatz. Fachärzte für Innere Medizin, Chirurgie und Anästhesie sind an diesem Morgen im Dienst. Das Team ergänzen Pflegekräfte und Fachpflegekräfte für Notfallpflege. „Wir brauchen all die Kräfte, wenn es hier richtig rund geht.“ Richtig rund bedeutet: Patienten über Patienten. Silke Neger blickt auf den Monitor, der in der Anmeldung angebracht ist. In wenigen Sekunden kann sich die Stationsleiterin einen Überblick die Zufahrt der Rettungswagen und den Wartebereich machen. Alles ruhig. Eher die Ausnahme. Rund 27.800 Patienten behandelt das Notaufnahme-Team jedes Jahr. Bei jedem einzelnen stehen die Mediziner und Pflegekräfte vor der gleichen Herausforderung: Schnell erkennen, was dem Erkrankten fehlt. „Schnell ist das entscheidende Wort“, sagt die Stationsleiterin. „Wer muss dringend behandelt werden? Wer kann warten?“ Kranke sichten, Notfälle selektieren, Schmerzen bekämpfen, Leben retten.

„Manche Symptome lassen auf viele Diagnosen schließen. Fehler dürfen nicht passieren. Wir wollen nichts übersehen.“ Um die Einordnung der Dringlichkeit so effektiv wie möglich zu gestalten, arbeitet das Fachpersonal mit dem Manchester-Triage-System. Anhand unterschiedlicher Parameter wie Schmerzen, Blutverlust, Fieber oder Schwindel wird das Risiko des jeweiligen Patienten eingeschätzt und somit die Zeit bis zum Arztkontakt ermittelt. „Ein Beispiel: Der Patient klagt über mäßige Schmerzen und Juckreiz. Anhand des MTS ergibt sich eine Wartezeit von 30 Minuten, bis ihn ein Arzt untersucht.“

Alter, Allergien, Arztkontakt

Die Notfallambulanz setzt auf Digitalisierung. Das funktioniert. Ist der Patient mit seinen Vorerkrankungen, Beschwerden, Alter und Allergien im System erfasst, hat das komplette Team Zugriff auf diese Informationen. Durch ein Farbschema erkennen die Ärzte auf einen Blick, welcher Patient ihnen zugewiesen ist und wer wann behandelt werden muss. Die digitale Erfassung begleitet den Aufenthalt des Patienten von Anfang bis Ende. „Im System wird jede Untersuchung und jedes Ergebnis vermerkt. So stellen wir sicher, dass alles gemacht wurde – und sammeln alle Daten für die endgültige Diagnose.“ Ein durchdringendes Piepen reißt Silke Negers Blick vom Bildschirm weg. „Wir müssen schauen, was los ist“, sagt sie und läuft zu einem der Bildschirme, die an zahlreichen Stellen in der Notaufnahme befestigt sind. Alle Patienten, die aktuell in der Notaufnahme behandelt werden, sind mit einem Überwachungssystem verbunden, das kontinuierlich ihre Werte kontrolliert und bei jeder Abweichung Alarm schlägt. So wie jetzt. Nur wenige Sekunden später eilt eine von Silke Negers Kolleginnen in das Zimmer des Patienten.

Ein starkes Team: Die Mitarbeiter der Notaufnahme des Klinikums Amberg.

„Schnell sein. Jederzeit.“ Schnelligkeit soll auch der Aufbau der Notaufnahme gewährleisten. Insgesamt gibt es elf Untersuchungs- und Behandlungsräume, zwei Schockräume, einen Eingriffs- und Gipsraum sowie zwei Triageräume, eine Kurzliegestation und zwei Isolierzimmer. Direkt neben dem Schockraum befindet sich ein Aufzug. „Im ersten Stock ist die Intensivstation. Im zweiten der OP. Alles ist so konzipiert, dass die Wege kurz sind.“ Aus diesem Grund eröffnete das Klinikum 2016 einen eigenen Hubschrauberlandeplatz auf dem Dach. Stabil genug, um einen Blackhawk tragen zu können. Scheinwerfer für eine sichere Landung. „Das ermöglicht eine Transportzeit von Weiden nach Amberg in nur acht Minuten.“ Auch medizinisch kann die Notaufnahme aus der „ganzen fachlichen Bandbreite“ schöpfen. Neben den Stammärzten sind Mediziner aller Fachrichtungen in Rufbereitschaft. Tag und Nacht.

Silke Neger öffnet die Tür zum Schockraum – ein weiteres Herzstück der Notaufnahme. Liege, Beatmungsgerät, Wärmegerät, Monitore zur Überwachung und diverses medizinisches Material – „darunter alles, was man benötigt, um eine Blutung zu stoppen“ - sind hier vor Ort, um einen schwerverletzten oder schwererkankten Patienten zu versorgen. Neben den medizinischen Geräten fällt eines auf: An der Wand hängt eine Stoppuhr. Die Stationsleiterin weiß, wie wichtig sie ist: „Informiert uns der Rettungsdienst, dass sie mit einem schwerverletzten Patienten auf dem Weg zu uns sind, muss es schnell gehen – so wie die Diagnostik vor Ort.“

Einsatz im Notfall: Mit BRK-Sanitäterinnen im Rettungswagen

Tag und Nacht im Einsatz

Sobald der Patient im Schockraum ist, läuft die Uhr. Zeitvorgabe: 30 Minuten. Bis zu 10 Ärzte und Pflegekräfte arbeiten gleichzeitig am Patienten. Jeder weiß, was er zu tun hat. Nach einer halben Stunde wird gestoppt und die Ergebnisse zusammengetragen. „Ein Spiel auf Zeit.“ Schockraum bedeutet nicht selten Lebensgefahr für den Patienten. Das weiß auch Marc Bigalke, Ärztlicher Leiter der Notaufnahme. Unzählige Male kämpfte auch er schon um das Leben von Schwerverletzten und Kranken. „Schnelle Diagnosen sind wichtig, um eine entsprechende Weiterbehandlung einleiten zu können.“ Der 45-Jährige ist Anästhesist, Notfallmediziner, Leiter des Katastrophenschutzes, Master in Disaster Management and Risk Governance und Brandschutzbeauftragter am Klinikum. Bigalke lebt für seinen Beruf. Seit 1991 fährt er Rettungsdienst, baute eine klinikinterne Feuerwehr auf, überarbeitete den Alarm- und Einsatzplan.

Doch er kennt auch die Schattenseiten des Berufes. „Es ist eine tägliche Herausforderung, die wirklich schwerkranken Patienten herauszufiltern. Nicht jeder, der mit Brustschmerz zu uns in die Zentrale Notaufnahme kommt, hat wirklich einen Herzinfarkt. Das ist auch gut so. Aber diejenigen, die einen Herzinfarkt haben, darf man nicht übersehen“, erklärt der erfahrene Notfallmediziner. Auch der Umgang mit Tod und Sterben ist regelmäßig ein Thema in der Notaufnahme – und unter den Fachkräften. „Es gibt Fälle, in denen ein lebensbedrohlich erkrankter Patient zu uns kommt und wir leider nichts mehr für ihn tun können. Natürlich geht einem das sehr nahe. Aber wir haben ein großartiges Team. Wir fangen uns gegenseitig auf, unterstützen uns und können uns aufeinander verlassen“, betont die Stationsleiterin.

Wenig später ist Silke Neger zurück an der Anmeldung. Es ist kurz vor 12 Uhr. Auf dem Monitor sind drei Krankenwagen zu sehen, ein weiterer ist unterwegs. Das Wartezimmer ist gut gefüllt, die Betten ebenfalls. „Können Sie mir Ihren Namen sagen?“, fragt eine Schwester, während sie sich über eine ältere Frau beugt, die in einem Krankenbett liegt. Wenige Augen

blicke später öffnet sich die Tür zur Anfahrtszone der Rettungswagen. Zwei Sanitäter schieben einen Mann im Rollstuhl in die Notaufnahme. Ein Sturz – vermutlich Fraktur am linken Bein. Der Mann sagt nichts, blickt sich unsicher in der Notaufnahme um.

Schwerwiegende Diagnosen

Brustschmerzen, „von denen die wenigsten Herzinfarkte sind“, Atemnot, Brüche und Wunden, der Verdacht auf Schlaganfall – „das sind die Hauptleiden, mit denen die Patienten zu uns kommen“, sagt der Ärztliche Leiter. Nicht immer bestätige sich der schlimmste Fall – manchmal falle die Diagnose aber auch „schwerwiegender aus, als die Symptome vermuten ließen“. Trotz langjähriger Erfahrung falle es schwer, einem Patienten, „der mit Rückenschmerzen zu uns gekommen ist, die Nachricht zu überbringen, dass er Krebs mit Knochenmetastasen hat

Doch nicht nur gesundheitlich stehen Patienten oft vor Problemen, erzählt Bigalke. „Das Gesundheitssystem ist differenziert. Es gibt den ärztlichen Bereitschaftsdienst, die Integrierte Leitstelle, die Notaufnahme, Notfallpraxen. Viele wissen im Ernstfall nicht, wo sie hinsollen. Wir würden allen Patienten gerne helfen, aber oft dürfen wir das nicht. Zum Beispiel bei Rezepten.“ Diese „Unwissenheit“ führe oft zu langen Wartezeiten in der Notaufnahme. Seit dem Umbau 2017 bietet das Klinikum für dieses Problem eine Lösung. „Es gibt eine KVB-Praxis, an der Patienten auf dem Weg zur Notaufnahme vorbeikommen. Darunter versteht man zentrale Bereitschaftspraxen niedergelassener Ärzte“, erklärt die Stationsleiterin. „Der Patient kann sich entscheiden. Sieht er sich als Notfall, kommt er zu uns. Wenn nicht, kann er in die Bereitschaftspraxis gehen und sich dort behandeln lassen.“

Es ist 13.30 Uhr. Zeit für die Stationsleiterin, erste Bilanz zu ziehen. „35 Patienten in den vergangenen fünfeinhalb Stunden. Davon waren zwölf Akutfälle.“ Das bedeutet: Herzinfarkt, Schlaganfall, schwere Psychose. Schnelle Hilfe in lebensbedrohlichen Situationen. Diagnosen in wenigen Augenblicken, Das funktioniert. Auch an diesem Freitag. Ihr Telefon klingelt. Sie wird gebraucht. Sie überfliegt die ersten Informationen, die ihr auf ihr Gerät geschickt wurden. Ihr Ausdruck ist ernst. Ob Lebensgefahr besteht, weiß sie nicht. Sie weiß, wie sie im Ernstfall reagieren muss. Wie so oft in der Notaufnahme.

Kindernotaufnahme:

Kleine Notfallpatienten

Notfälle, Schmerzen, Ängste – häufig leiden auch Kinder und Jugendliche an akuten Erkrankungen. Das Klinikum St. Marien versorgt die jungen Notfallpatienten in einer speziellen Kindernotaufnahme. Schon der erste Blick zeigt: Von dem sterilen Weiß in der Zentralen Notaufnahme ist hier nichts zu sehen. Die Wände des Wartezimmers sind mit bunten Bildern bemalt, in einem der Untersuchungszimmer lenkt Mogli von der Behandlung ab. Sobald die Arztpraxen geschlossen sind, wird es in der Kindernotaufnahme voll. Die Hauptleiden: Fieber und Ohrenschmerzen. Neben der medizinischen Versorgung ist für das Personal, das aus mindestens einer Schwester, einer Arzthelferin und einem Arzt besteht, wichtig, den kleinen Patienten die Angst zu nehmen. „Wir erklären viel. Oft haben sie Schmerzen und verstehen nicht, was passiert.“ Rund 4000 Kinder und Jugendliche werden dort pro Jahr behandelt.

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