13.12.2019 - 09:07 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Im Notfall sind sie da: Mit BRK-Sanitäterinnen im Rettungswagen

Zu Schichtbeginn wissen die beiden nicht, was sie heute erwartet: Stephanie Schachtl und Daniela Ludwig sind Notfall-Sanitäterinnen beim BRK in Sulzbach-Rosenberg. Über einen Tag, der stets den Einsatz für andere bedeutet.

Stephanie Schachtl (links) und Daniela Ludwig in ihrem Rettungswagen RK AM 71/6: An diesem Abend helfen sie unter anderem einem US-Soldaten, der von einem Munitionstruck gestürzt ist.
von Stephanie Wilcke Kontakt Profil

Es ist 13.35 Uhr an diesem grauen und nebelverhangenen Dienstagnachmittag. Daniela Ludwig und Stephanie Schachtl sind vor wenigen Minuten in ihre knallorangene Stoffhose und den weißen Pullover mit der Aufschrift "Rettungsdienst" am Rücken geschlüpft. Ein ohrenbetäubender Gong ist in den Gängen der BRK-Wache in Sulzbach-Rosenberg zu hören. "Doch kein Kaffee mehr", sagt Stephanie mit einem Grinsen und lässt von der Maschine ab. Jetzt muss es schnell gehen für die beiden Notfall-Sanitäterinnen.

Es dauert kaum zwei Minuten: Stephanie und Daniela sitzen im Rettungswagen RK AM 71/6. Auf dem Display im Fahrerhaus informiert die Integrierte Leitstelle (ILS) über den Einsatz: "Im Südlager der US-Armee in Vilseck ist ein Mann vom Truck aus großer Höhe gestürzt." Ist er lebensbedrohlich verletzt? Hat er ein gravierendes Kopf-Trauma? Was erwartet das Team? Auch nach vielen Jahren Berufserfahrung schießen Fragen wie diese durch die Köpfe der zwei Frauen. Wegen des dichten Nebels "ist der Rettungshubschrauber keine Option", erklärt Daniela im Auto.

Autos behindern Blaulichtfahrt

Mit Blaulicht und Martinshorn rauschen Stephanie und Daniela durch Sulzbach-Rosenberg. Dahinter folgt Kollege Andreas, der den diensthabenden Notarzt chauffiert. An der ersten Kreuzung springt ein verdutzt guckender Paketzusteller schnell wieder in seinen abgestellten Lieferwagen, um dem Rettungsdienst Platz zu machen. An der roten Ampel fährt Stephanie vorsichtig über die Linie - eine Autofahrerin erkennt das und bremst. Wenn auch spät. Auf der Landstraße tuckert ein Auto einem Lkw hinterher. Beide fahren nicht rechts ran. Stephanie muss richtig Gas geben, um sie zu überholen. Im Hahnbacher Kreisverkehr fährt ein Lkw noch hinein, ehe er erst in der Kurve den Rettungswagen passieren lässt. Stephanie bleibt gelassen. "Ich kann es eh nicht ändern."

Die BRK-Rettungswache in Sulzbach-Rosenberg ist eine von rund 350 in ganz Bayern.

Am Lagereingang erwartet sie ein Militärfahrzeug, das den BRK-Trupp zum Verletzten lotst. Der uniformierte muskulöse Mann liegt am Boden in eine goldenglänzende Rettungsdecke gehüllt, sein Kopf ist auf Stoff abgestützt. Die Lagerfeuerwehr hatte die Erstversorgung des verletzten Soldaten übernommen. Eine halbe Minute soll er nach seinem Sturz bewusstlos gewesen sein. An seinem Hinterkopf ist eine dicke Beule und Platzwunde. Mit viel Vorsicht und einer speziellen Matte verpacken und verschnüren Notfall-Sanitäter und Notarzt den Mann wie ein Paket auf die Trage und verfrachten ihn in den Rettungswagen.

Im Schockraum

Der Notarzt entscheidet, dass der Soldat zur Behandlung ins St.-Anna-Krankenhaus gebracht werden soll. Mit Blaulicht geht es für den RK AM 71/6 zurück. Im Schockraum in Sulzbach-Rosenberg wartet schon ein Team aus Internisten, Chirurgen und Pflegepersonal auf den verletzten Mann. Der erste drückt auf eine rote Stoppuhr an der Wand. Jetzt überprüfen und untersuchen sie in wenigen Minuten, was dem Soldaten fehlt.

Jeder Handgriff muss sitzen

Für Stephanie und Daniela ist jetzt ein großer Teil ihrer Arbeit in dem Einsatz getan. Sie wischen die Trage sauber, desinfizieren Geräte, tauschen die schneeweißen Tücher aus und füllen verbrauchte Decken beziehungsweise Medikamente auf. Dann wird der Verletzte von eben an den beiden im Bett vorbeigeschoben. "Es geht zum Röntgen", sagt die Schwester und grinst den beiden Notfall-Sanitäterinnen zu. Die beiden atmen auf, als sie wieder in den Rettungswagen steigen. "Im Prinzip ist das Malen nach Zahlen", sagt Daniela. Jeder Handgriff müsse sitzen, es gebe vorgegeben Algorithmen, die eingehalten werden müssten. "Man weiß nie, was kommt. Jeder Tag ist anders und nicht planbar. Das macht den Reiz aus."

Für die 30-jährige Stephanie war schon als Kind klar: "Entweder gehe ich zur Polizei oder zum Rettungsdienst", erzählt sie lachend. Seit 2013 ist sie "auf dem Wagen" unterwegs, wie sie hier sagen. Für die 40-jährige Daniela ist das Arbeiten im Rettungsdienst "der schönste Beruf der Welt. Ich würde ihn gern bis zur Rente machen. Die Frage ist nur, ob ich das auch physisch durchhalte". Allein die Tatsache, dass sie mit ihrem Tun so viel Gutes bewirken könne, spornt sie an. "Kürzlich ist ein Mann hier vorbeigekommen, um sich bei mir zu bedanken. Er wurde reanimiert und hat dank unserer Hilfe überlebt." Das sei eine besondere Begegnung, sagt Daniela. "Das passiert selten und ich hatte wirklich Gänsehaut."

Zick-Zack über Pfleger-Kreuzung

Inzwischen sind die beiden wieder an der BRK-Wache angekommen. Doch auch der zweite Versuch an diesem Tag, einen Kaffee zu trinken, scheitert. Wieder muss Stephanie den Becher stehen lassen, weil der Gong zum Einsatz ruft.

Die beiden müssen den Verletzten von eben ins Amberger Krankenhaus verlegen, weil bei ihm eine Hirnblutung aufgetreten ist. "Im St.-Marien-Krankenhaus gibt es eine neurologische Abteilung", erklärt Daniela. In Sulzbach-Rosenberg angekommen verpacken die zwei Frauen den Soldaten erneut wie ein Päckchen, um ihn geschützt in die Nachbarstadt zu bringen.

Hintergrund:

Mehr als 80 Prozent aller Krankentransporte, Notfall- und Notarzteinsätze im öffentlichen Rettungsdienst in Bayern übernimmt das Bayerische Rote Kreuz. Organisiert ist die Institution in 73 Kreisverbänden mit rund 6300 Angestellten. Vor allem bilden aber die vielen Freiwilligen die tragende Säule im Rettungsdienst des Verbands: mehr als 15 000. In Sulzbach-Rosenberg steht eine von rund 350 Rettungswachen des BRK. Sie gibt es unter anderem auch in Vilseck, Auerbach, Hirschau, Kastl und Amberg. In Sulzbach-Rosenberg arbeiten inklusive Auszubildende und Menschen, die den Bundesfreiwilligendienst ableisten, 37 Angestellte. Bis zu 20 Freiwillige übernehmen dort regelmäßig ehrenamtliche Tätigkeiten.

Stephanie stellt Martinshorn und Blaulicht am Rettungswagen an. Mittlerweile ist es schon dunkel geworden. Das grelle Blau reflektiert an den Bäumen entlang der B 85. Noch immer ziehen Nebelschwaden über die Region. Stephanie fährt diesmal nicht so schnell, um jedes Wackeln zu vermeiden. "Bodenwellen sind besonders heftig", sagt sie. An der Pfleger-Kreuzung in Amberg wieder ein ähnliches Bild: Das Auto vor dem Rettungswagen weicht nach links aus, das davor nach rechts. Im Zick-Zack manövriert Stephanie den Rettungswagen über die sensible Stelle im Feierabendverkehr.

Im Krankenhaus angekommen wird der Transport wieder erwartet, danach folgt das gleiche Prozedere: Stephanie und Daniela waschen die Geräte und desinfizieren alles, was mit dem Patienten in Berührung gekommen ist. Absauger, mobiles EKG und Sauerstoffgerät kommen wieder an ihren Platz. Anschließend geht es wieder zur Wache, wo Stephanie zumindest einige Schluck Kaffee abbekommt, ehe der Gong zum nächsten Einsatz ruft.

Empathie im Beruf

Diesmal sollen Daniela und Stephanie einer "verwirrten 70-Jährigen" helfen, die bettlägrig ist und "nicht sprechen kann". Daniela und Stephanie reden der älteren und fiebrigen Frau gut zu, denn ins Krankenhaus will sie partout nicht. "Es ist notwendig, dass wir in unserem Beruf viel Empathie haben", sagt Daniela. Oft würde man auf Menschen in extremen Situationen treffen. "Sei es Angst, Verunsicherung, Überforderung: Es ist enorm wichtig, dass wir Halt geben." Ihr Beruf würde sie auch häufig demütig machen. "Man sieht sehr viel. Oft bin ich froh, dass es meiner Familie und mir so gut geht. Dass alle fit und gesund sind."

Noch zweimal werden die beiden Frauen in dieser Schicht zum Einsatz gerufen, ehe sie kurz nach 22 Uhr wieder an die Wache kommen. Gestorben ist an diesem Tag zum Glück keiner. Auch ist - bis auf die Platzwunde - kein Blut zu sehen gewesen. Daniela und Stephanie haben heute Menschen trotzdem in extremen, vielleicht auch unangenehmen, Situationen beigestanden. Stets mit einem beeindruckenden Gespür für den anderen.

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