21.10.2021 - 13:04 Uhr
Bad NeualbenreuthOberpfalz

Vor genau 62 Jahren stürzten zwei Bundeswehr-Jagdbomber bei Bad Neualbenreuth auf CSSR-Gebiet ab

Der Absturz eines Kleinflugzeugs bei Bad Neualbenreuth im Juni sorgte für eine große Rettungsaktion. Doch kaum jemand weiß, dass sich sechs Jahrzehnte zuvor ganz in der Nähe am Tillenberg ein Unglück mit zwei Militärmaschinen ereignet hat.

Besichtigung einer der Unglücksstellen am Tillenberg mit Alois Grillmeier (Altmugl), dem Revierförster Jakub Jagl und dem interessierten Feriengast Moritz Wall (von links).
von Autor ENZProfil

Dichter Nebel lag über dem Tillenberg, als sich hier am 22. Oktober 1959 ein schwerer Zwischenfall ereignete. Es war die Zeit des Kalten Krieges, als sich Nato und Warschauer Pakt unversöhnlich gegenüberstanden – getrennt durch den Eisernen Vorhang. Dieser verlief auch am Tillenberg in der Nähe von Bad Neualbenreuth und wurde auf tschechoslowakischer Seite militärisch streng bewacht.

Vor 62 Jahren am 22. Oktober 1959 starteten gegen 9.16 Uhr zwei Jagdbomber der Bundeswehr des Typs F-84 F Thunderstreak im Rottenverband vom Memminger Fliegerhorst zu einem Übungsflug. Die Bundeswehr hatte in der Zeit der Aufrüstung 450 Exemplare dieser Maschinen von den USA geschenkt bekommen. Piloten waren der 29-jährige Stabsunteroffizier Helmut Kraus und der 23-jährige Unteroffizier Rolf Hofmann. Kraus hatte 184 Alleinflugstunden mit dem Muster F-84 F absolviert, Hofmann 87. Somit waren sie nicht ganz unerfahrene Piloten. Dabei sollten sie an Funkfeuern von Illertissen, Dinkelsbühl, Frankfurt, Bad Nauheim, Bitburg, Zweibrücken, Heidelberg und Rottweil entlang wieder nach Memmingen fliegen.

Funkfeuer senden mit bestimmter Frequenz Morsezeichen und sind somit ein Radio-Kompass. GPS, Autopilot oder moderne Radargeräte gab es damals noch nicht. Dabei flog die Thunderstreak mit einer Geschwindigkeit von 1119 km/h. Das Verteidigungsministerium bezeichnet das Flugzeug als schwer und schwierig. Es war einsitzig und einstrahlig. Nach kurzer Zeit auf einem zweisitzigen Übungsflugzeug anderen Typs mussten die Flugschüler auf das Einsatzmuster umsteigen.

Funkfeuer auf gleicher Frequenz

Bereits gegen 9.52 Uhr informierte Kraus die Bodenstelle in Frankfurt, dass Hofmann Probleme mit seiner Sauerstoffanlage hat. Beide Piloten erhielten den Befehl, sofort nach Memmingerberg zurückzufliegen und peilten das Funkfeuer Memmingen an. Doch damit begann ein Verhängnis: Sowohl Memmingerberg als auch die US-Amerikaner in Grafenwöhr funkten auf gleicher Frequenz mit nur schwer zu unterscheidenden Signalen: Die Piloten flogen statt Richtung Südwesten nach Südosten.

Um 10.27 Uhr funkte Memmingerberg, dass sie bereit zur Landung seien. Doch schon um 10.24 Uhr waren die Piloten auf das Gebiet der Tschechoslowakei bei Cheb geraten. Noch immer glaubten sie sich in der Nähe von Memmingen und unternahmen einen Wolkendurchstoß zur Landung.

Doch statt über Memmingen flogen sie eine Schleife über Sokolov. Dichter Nebel, Wolken und Regen nahm ihnen die Sicht. Bereits um 10.16 Uhr hatte eine amerikanische Radarstation die Rotte mit Kurs Tschechoslowakei entdeckt. Sie forderte alle Flugzeuge im Grenzgebiet durch Funkspruch auf, auf Westkurs zu gehen. Doch die geortete Rotte antwortete nicht.

Nochmals kurz in Deutschland

Auch von Fürstenfeldbruck aus versuchte man, Kontakt zu Kraus und Hofmann aufzunehmen, aber vergeblich. Die beiden hatten sich hoffnungslos verflogen. Die tschechoslowakische Flugabwehr ließ ab 10.16 Uhr 4 MiG-Jäger zum Abfangen der feindlichen Flugzeuge von Pilsen, Zatec (Saaz) und Ceské Budejovice (Budweis) aus aufsteigen. Allerdings machte auch ihnen das schlechte Wetter einen Strich durch die Rechnung; es kam zu keiner „Feindberührung“; die feindlichen Flugzeuge waren nicht zu orten. Nach der Schleife über Sokolov flogen Kraus und Hofmann wieder Richtung Deutschland, verließen um 10.28 Uhr den fremden Luftraum, um hier erneut nach drei Minuten in einer Schleife zurück in die CSSR zu fliegen.

Sie wähnten sich über ihrem Heimatflughafen und begannen den Landeanflug mit Sinkflug und fuhren Fahrgestell, die Bremsschilde und die Landeklappen aus. Ihr Versuch der Landung in Memmingen endete gegen 10.38 Uhr in den Baumwipfeln des Tillenberges auf tschechoslowakischer Seite, etwa einen Kilometer hinter dem Eisernen Vorhang.

Später schilderte Helmut Kraus den Vorgang so: „Ich glaubte über Memmingen zu sein, als ich durch die niedrige Wolkendecke auf Tannenbäume stieß. Ich zog hoch, dann war schon Feuer an der Maschine, die Turbine lief nicht mehr. Ich habe den Schleudersitz betätigt. War nicht hoch genug für den Fallschirm, der sich kaum noch öffnen konnte. Da hing ich an einer Tanne, habe den Helm und die Sauerstoffmaske an den Ast gehängt und bin runtergeklettert. Dann suchte ich Menschen und sah braune Uniformen, die ich noch nie gesehen hatte. Da erst merkte ich, dass ich wohl in der Tschechoslowakei war ...“

Am Fallschirm in der Fichte

Auch Rolf Hofmann betätigte den Schleudersitz, blieb aber mit seinem Fallschirm an einem Baum hängen. Später schrieb er dazu: „Nach knapp einer halben Stunde, ich hing immer noch am Fallschirm in der Fichte, hörte ich Stimmen und machte mich bemerkbar. Erstaunt sah ich Männer (in Uniform) mit einem Suchhund an der Leine, tragbaren Funkgeräten und wunderte mich über die mir unbekannte Ausstattung des Memminger Rettungsteams (off base crashcrew) ". Es handelte sich um Grenzsoldaten der kleinen Kaserne bei Neumugl. Beide Absturzstellen liegen nur etwa einen Kilometer voneinander entfernt.

Auf deutscher Seite wurde, nachdem die Durchstoßzeit von sieben Minuten für Memmingen vergangen waren, Alarm gegeben. Eine fieberhafte Suche nach den verschollenen Flugzeugen begann. Soldaten, Polizisten und Forstleute, unterstützt von amerikanischen Hubschraubern, durchkämmten das Fichtelgebirge, den Steinwald, die Gegend des Rauhen Kulms und um Grafenwöhr, nachdem Berechnungen ergaben, dass sie nur in diese Richtung geflogen sein können. Aber die beiden Jagdbomber blieben verschollen. Nach 13 Tagen wurde die Suche eingestellt.

Die Spekulationen zu diesem Fall schossen ins Kraut. In Prag stellte man sich ahnungslos und wusste angeblich von nichts. Das „Neue Deutschland“ in der DDR behauptete gar, amerikanische Jagdflugzeuge hätten die Maschinen abgeschossen. Andere nahmen einen Absturz über Hessen an oder einen Irrflug in die Schweiz. Ein Förster aus Rehau wollte in der Nähe der tschechischen Grenze eine Detonation gehört haben, eine Frau sah vom Ochsenkopf aus einen Rauchpilz.

Nach Prag ins Gefängnis

Das Verteidigungsministerium unter Franz Josef Strauß dementierte den Vorgang energisch, jedoch musste er eine Woche später kleinlaut dem Verteidigungsausschuss in geheimer Sitzung berichten, dass Flugzeuge und Piloten sich in der CSSR befinden. Beide Piloten wurden sofort festgenommen und nach Prag in ein Gefängnis gebracht. Hier wurden sie tagelang durch Geheimdienstoffiziere und Luftwaffenspezialisten verhört, sollen aber korrekt behandelt worden sein.

Tschechische Berichte besagen, dass man versuchte, sie zur Zusammenarbeit zu bewegen, was aber nicht gelang. Nach diesen Berichten wurde die BRD, die zu dieser Zeit keine diplomatischen Beziehungen zur CSSR unterhielt, erst am 14. November darüber unterrichtet, dass beide Piloten den Absturz überlebt haben. Das Bundesministerium für Verteidigung schreibt, dass der genaue Informations-Zeitpunkt bis heute nicht bekannt ist. Beide Seiten nutzten aber die Situation für ausgiebige Propaganda.

Die Verhandlungen über einen Austausch übernahmen die USA sowie „andere Kanäle“. Der „andere Kanal“ war vor allem der sudetendeutsche SPD-Bundestagsabgeordnete Alfred Frenzel, der maßgeblich an der Freilassung beteiligt war. Allerdings wurde er ein Jahr später als Agent der Tschechoslowakei enttarnt und verurteilt.

Nato-Kauderwelsch

Schließlich wurden die beiden Piloten nach 43 Tagen Einzelhaft und einem Prozess wegen Spionage, bei dem sie zu Schadenersatz verurteilt wurden, am 2. Dezember 1959 am Grenzübergang Waidhaus den deutschen Behörden übergeben. Tagelang hatten Reporterscharen dort ausgeharrt. Auf den dort aufgenommenen Fotos sieht man keine Helden, sondern säuerliche Gesichter, die Bände sprechen.

Vor einer Pressekonferenz mit Franz Josef Strauß, der sich übrigens als einziger nach ihrem persönlichen Befinden erkundigte, wurden die beiden Piloten angewiesen, möglichst in Fliegersprache oder dem bayerischen Dialekt zu sprechen, um die Frager zu verwirren. So hörten die Journalisten nur merkwürdiges Nato-Kauderwelsch. Pressechef Schmückle klärte sie auf: „Die Piloten können natürlich nicht mehr perfekt Deutsch!“ Deutschland entschuldigte sich offiziell für den Vorfall und zahlte den Schadenersatz, zu dem die Piloten verurteilt waren, für den zerstörten Wald.

Die Überreste der Flugzeuge wurden von tschechoslowakischen Experten ausgiebig untersucht. Von besonderem Interesse waren die Navigations- und elektronischen Systeme sowie das APG-30-Schießradar. Das Triebwerk aus Hofmanns Flugzeug landete im Militärforschungsinstitut in Prag und befindet sich seit 1992 im Luftfahrtmuseum in Prag-Kbely. Der Rest dieser Maschine wurde wohl schon 1959 durch Grenzschützer größtenteils verschrottet. Das andere Flugzeug aber blieb in den sumpfigen Wäldern des Tillenberges bis nach der Samtenen Revolution stecken.

Forstarbeiter entdecken Flügel

Dann machten sich Luftfahrtenthusiasten aus Cheb, die von ehemaligen Grenzschützern hörten, was passiert war, auf den Weg zu den Absturzstellen. Sie begannen, den Motor per Hand auszugraben. Mit schwerem Gerät war die Arbeit in diesem Gelände nicht möglich. Allerdings wurde der Motor gestohlen, bevor er abtransportiert werden konnte. Einige Teile der Maschine landeten im Luftfahrtmuseum Zruč bei Pilsen.

Einige Jahre später entdeckten Forstarbeiter das große Stück eines Flügels. Sie informierten den passionierten Heimatforscher und Sammler Zdenek Buchtele (verstorben im Juli 2021), der ihn sofort abholte. Dieser Flügel und weitere Teile sowie Informationen zum Absturz sind im Buchtele-Museum in Mansky Dvur (Lehnhof) bei Dolny Zandov (Untersandau) zu sehen. Übrigens schenkten die Luftfahrtenthusiasten aus Cheb Rolf Hofmann nach der Grenzöffnung ein kleines Stück seiner Unglücksmaschine.

Im Juni war zwischen Rosall bei Tirschenreuth und Bad Neualbenreuth ein Kleinflugzeug abgestürzt

Bad Neualbenreuth
Hintergrund:

Die Quellen für diesen Artikel

  • Susanne Wenzel aus Bad Neualbenreuth hat die Geschichte nach einem Hinweis von Alois Grillmeier aus Altmugl ausgegraben: Er brachte der Autorin einen Auszug der tschechischen Zeitschrift Hamelika (www.hamelika.cz) über den Vorfall und kannte auch eine der Absturzstellen; Revierförster Jakub Jagl zeigte die zweite Stelle.
  • Über den Absturz gibt es auf der Internetseite des Bundesministeriums für Verteidigung einen ausführlichen Artikel; auch im Bundesarchiv ist der Vorfall dokumentiert.
  • Wiederholt wurde in Medien darüber berichtet, etwa im Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" Anfang November 1959 und Anfang Februar 2010 in den Nürnberger Nachrichten. Auch das Internet-Heimatblatt des Kreises Karlovy Vary (www.idnes.cz) widmete sich ausführlich diesem Thema.
  • Im Buchtele-Museum in Dolny Dvur gibt es ebenfalls Informationen.

„Die Piloten können natürlich nicht mehr perfekt Deutsch!“

Der Pressechef zu Journalisten, die nur merkwürdiges Nato-Kauderwelsch verstanden

"Dann suchte ich Menschen und sah braune Uniformen, die ich noch nie gesehen hatte."

Pilot Helmuth Kraus

 

 

Kommentare

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Thomas Sporrer

Toll recherchiert und dargestellt. Das ist Geschichte heute: klare Fakten, dazu Fotos, Zeitzeugen und gut erzählt. Kann man nicht besser machen, Glückwunsch Frau Wenzel.
Thomas Sporrer, Tirschenreuth

23.10.2021