18.08.2020 - 16:39 Uhr
Bad NeualbenreuthOberpfalz

Zweiter Weltkrieg: Drei Frauen bewahren Neualbenreuth vor Zerstörung

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Vor 75 Jahren marschierten US-Truppen in Neualbenreuth ein: Es stand Anfang Mai 1945 Spitz auf Knopf, ob die Amerikaner den Ort zerstören. Drei Frauen, darunter eine Jüdin, wendeten die Katastrophe ab.

Die beiden Bilder vom Neualbenreuther Marktplatz stammen von einer Ansichtskarte von 1939. Die Karte war an den Neualbenreuther Schuhmachermeister Christof Köstler adressiert. Dessen Sohn Rudolf Köstler war später Bürgermeister der Tillenberg-Gemeinde.
von Martin Maier Kontakt Profil

Wie endete der Zweite Weltkrieg in Neualbenreuth? Interessante Einblicke dazu liefern die schriftlichen Aufzeichnungen von Gerhard Schöner aus dem Jahr 1995. In einer Art Autobiografie rekapituliert er dort seine Erinnerungen und erzählt seine Lebensgeschichte. Der ehemalige Rektor, der kürzlich seinen 87. Geburtstag gefeiert hat, verzichtet aber nicht darauf, historische Verbindungen herzustellen und andere schriftliche lokale Quellen, beispielsweise die Neualbenreuther Pfarrchronik, mit einzubeziehen. Die Aufzeichnungen können daher als wichtiges historisches Dokument angesehen werden.

Gerhard Schöner kam 1943 als zehnjähriger Bub mit seiner Familie nach Neualbenreuth. Zuerst lebten sie bei seinen Großeltern väterlicherseits ("Mirl"-Haus). Danach kamen sie im Haus von Bürgermeister Josef Weidhas unter. Vorher hatte die Familie in Leipzig gelebt. Gerhards Mutter Nelly war Jüdin. Sein Vater Johann war gebürtiger Neualbenreuther und arbeitete als Schneidermeister.

Amerikaner oder Russen?

Gerhard Schöner beschreibt in seinen Aufzeichnungen ausführlich wie im April 1945 die Front immer näher rückte. "Das war deutlich zu hören, denn die Artillerieschläge klangen immer lauter, und die Überfälle der Tiefflieger nahmen zu." Auch Flüchtlingstrecks aus dem Osten und dem Sudetenland schoben sich durch Neualbenreuth. "Bei uns saßen ja auch schon viele sprungbereit, immer wieder bange fragend, wer wohl zuerst hier eintreffen würde, die Amerikaner oder die Russen." Denn der Sowjetarmee eilten Gräuelgeschichten voraus.

Die ersten Einquartierungen zurückweichender deutscher Soldaten in Neualbenreuth gab es am Weißen Sonntag, dem 8. April 1945. Es war der Tag des Bombenangriffs auf Eger. Schöner erinnerte sich auch, als am 20. April, dem Geburtstag Hitlers, fast pausenlos bunt zusammengewürfelte Kampfverbände der Wehrmacht und der SS ins Dorf rollten. Dass am Tag danach Truppen der von General Patton befehligten 3. Amerikanischen Armee schon Mitterteich, Konnersreuth, Waldsassen und Tirschenreuth besetzt hatten, habe ihm Ort keiner mitbekommen. In den letzten Apriltagen seien auch Werwölfe und Ortsgruppenleiter aus dem Sudetengau im Schulhaus einquartiert worden, wo inzwischen kein Unterricht mehr stattfand.

Laut Schöner näherten sich die Amerikaner am 30. April Neualbenreuth. "Es war in der abendlichen Dämmerung dieses Tages, als ich vor dem Dorfeingang bei der Schule stand und ihr Vorrücken von der Ottengrüner Kappl nach Rothmühle/Ernestgrün beobachten konnte." Am nächsten Tag sah der Zwölfjährige amerikanische Militärfahrzeuge von Rothmühle über Platzermühle nach Altmugl fahren. "Mit allen Fasern meines Herzens wünschte ich mir, dass sie doch bald zu uns kommen mögen." Dabei verweist er auf seine jüdische Mutter. "Die Angst, doch noch in die Hassmaschinerie der Nazis hineingedreht zu werden, war bei uns groß." Sein Eindruck war, dass auch ein Großteil der Bevölkerung das Ende des Krieges herbeisehnte. "Wer wollte in diesen entscheidenden Tagen schon noch an einem Telefonmast baumeln."

In der Nacht zum 2. Mai nahmen die Amerikaner Neualbenreuth unter Beschuss. Schöner, der mit seiner Familie Schutz in einem Hauskeller suchte, zählte über 50 Abschüsse. Die Schäden hielten sich aber offenbar in Grenzen. "Insgesamt aber war das nächtliche Schießen für uns glimpflich verlaufen. Vor allem gab es keinen einzigen Brand." Diese Art des Beschusses habe dazu gedient, um abzutasten, ob es Widerstand gibt.

Am Mittag des 2. Mai seien drei Panzerspähwagen zum Marktplatz vorgefahren. Sie hätten sich dort nicht lange aufgehalten und nur kurz Pfarrer Bauer befragt. Die ersten US-Truppen hatten sich aber somit nach Neualbenreuth vorgewagt. Laut Schöner hatten in den Morgenstunden nach dem Artillerieschießen zwei Frauen, Maria Bittner und Annigrete Plonner, eine weiße Fahne aus Bettlaken aus dem Kirchturm in Richtung Waldsassener Straße aufgehängt. Die US-Truppen in Ernestgrün sollten so die Kapitulationsbereitschaft erkennen. Und das deutsche Militär, vor allem SS und Werwölfe, die sich weitgehend in Stellungen ins Birket und nach Ulrichsgrün zurückgezogen hatten, sollten davon nichts mitbekommen.

Ultimatum durch SS-Truppe

Diese hatten offenbar aber doch etwas mitbekommen. Am nächsten Morgen (Donnerstag, 3. Mai) stand die Wehrmacht im Haus von Bürgermeister Josef Weidhas. Es kam zu einer lautstarken Auseinandersetzung. Schöner bekam alles mit. Die SS-Leute hätten vom Gemeindechef wissen wollen, wer die weiße Fahne gehisst habe. Sie verlangten von Weidhas mit nach Ulrichsgrün zu kommen. Dem Bürgermeister gelang aber durch die Hintertür die Flucht. Schließlich gab es vom Anführer der SS-Truppe ein Ultimatum: Wenn sich der Bürgermeister nicht bis 9.30 Uhr in den deutschen Stellungen bei Ulrichsgrün melde, werde Neualbenreuth von der Artillerie in Schutt und Asche gelegt.

Für Schöner war dies der Wendepunkt: "Unsere Familie wollte nicht länger Unüberschaubares riskieren. Mutter und Vater entschieden, dass wir den Amerikanern nach Ernestgrün entgegengehen sollten." Ein Problem war nur, dass sich sein Vater einige Stunden vorher das Bein gebrochen hatte. Somit musste der zwölfjährige Gerhard ihn im Handwagen ziehen. In dieser Zeit seien auch viele Neualbenreuther in die Erdkeller des Ringergrabens und Quergrabens geflüchtet.

Die Familie Schöner bewegte sich Richtung Ernestgrün: "Mir schlug das Herz zum Hals heraus, als ich etwa hundert Meter vor uns am Ortseingang amerikanische Soldaten mit schussbereitem Gewehr sah." Die Amis nahmen die Familie mit ins Dorf hinein. Die Eltern mussten zum Kommandeur. Zu dieser Zeit rückten auch Bürgermeister Weidhas und Ortsbauernführer Ludwig Fischer eine weiße Fahne schwenkend an. Sie wurden vom Truppenbefehlshaber vernommen. Allerdings hätte er ihren Beteuerungen, dass sich Neualbenreuth kampflos ergeben würde, keinen rechten Glauben geschenkt.

Schöners Mutter, die die Ausführungen des Gemeindechefs und Ortsbauernführers stützte, habe der Amerikaner vorgehalten, man habe einen Funkspruch der SS abgefangen, dass Neualbenreuth bis zum letzten Mann Widerstand leiste. Daher habe der Kommandeur ab Mittag die Beschießung und Zerstörung des Orts angeordnet.

Jüdische Kennkarte stimmt um

Nach einiger Diskussion habe Schöners Mutter ihre Kennkarte herausgezogen. Diese zeigte statt dem A (Arier) das J (Jude) und den von den Nazis verpflichtend vorgeschriebenen jüdischen Vornamen, in diesem Fall Nacha. "Sofort änderte sich das Verhalten des Amerikaners", erinnert sich Gerhard Schöner. Rasch sei der Befehl herausgegangen, den Panzerbeschuss zu unterlassen.

Allerdings hätten die Amis es nicht eilig gehabt, Neualbenreuth einzunehmen. Und so spitzte sich dort noch einmal die Situation zu. SS-Männer und Werwölfe seien noch einmal in den Ort eingedrungen und hätten die sofortige Entfernung der weißen Fahne vom Kirchturm verlangt. Es sei zu Zerstörungen an verschiedenen Häusern gekommen. Später folgte die angekündigte Beschießung Neualbenreuths durch die SS. Es seien vom Tillenberg her drei Artillerieschüsse zu hören gewesen. Es habe aber keine Schäden gegeben.

Am Morgen des Freitags, 4. Mai, setzten sich schließlich die amerikanischen Truppen in Bewegung. Gegen 10.30 Uhr rückten sieben Panzer und eine Kompanie US-Infanterie in Neualbenreuth ein. Sie durchsuchten Haus für Haus. Und in einigen quartierten sie sich ein. Dies war das Ende des Zweiten Weltkriegs in Neualbenreuth.

Im Blickpunkt:

Die kürzeste "Bürgermeisterwahl"

Ende des Zweiten Weltkriegs brachen auch in Neualbenreuth die bisherigen Strukturen zusammen, auch die öffentliche Verwaltung. Da Bürgermeister Josef Weidhas eingeschriebenes NSDAP-Mitglied war, durfte er nicht mehr in diesem Amt tätig werden. In den folgenden Monaten kamen die meisten Anordnungen von der amerikanischen Militärregierung.

Im Frühjahr 1946 kamen amerikanische Offiziere zu Friedrich Rosner (heute Marktplatz 2). Sie verfügten: "Mr. Rosner, you nix Nazi, you Buergermeister now!" Dazu schreibt Gerhard Schöner: "Das war die kürzeste 'Bürgermeisterwahl', die es je in Neualbenreuth gegeben hat." (rti)

Eine Übersicht über das Ende des Zweiten Weltkriegs in der Oberpfalz:

Weiden in der Oberpfalz

In Konnersreuth leisteten zum Ende des Zweiten Weltkriegs SS-Einheiten Widerstand:

Konnersreuth
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