17.11.2020 - 12:13 Uhr
BärnauOberpfalz

Michael Bäuml ist der Herr der Tausend Krebse

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Schon als Kind interessierte sich Michael Bäuml für Krebse. Auch als Erwachsener ließ ihn die Faszination für die urzeitlichen Krustentiere nicht los. Seit über 20 Jahren züchtet der 44-Jährige nun Edelkrebse.

Michael Bäuml (links) züchtet seit über 20 Jahren Edelkrebse. Beim Ernten hilft die ganze Familie.
von Lena Schulze Kontakt Profil

Ein bewölkter Himmel an einem Samstagmorgen, 10 Grad Celsius. Genau richtig zum Krebse ernten. Michael Bäuml aus Großkonreuth züchtet seit über 20 Jahren Edelkrebse. Auf seiner Zuchtanlage an der Mühllohe bei Hermannsreuth, direkt an der Grenze zu Tschechien, fischt der 44-Jährige mit seiner Familie den letzten Teich für heuer ab. Neben seiner Frau Gerlinde helfen auch die Kinder Gabriel, Lena und Jakob mit. „Während der Erntezeit ist an den Wochenenden schon viel zu tun. Aber wir machen das gerne“, sagt Gerlinde Bäuml, während sie die Krebse an der Schulter packt und der Größe nach in Plastikkörbe sortiert.

Großer Erfahrungsschatz

Insgesamt bewirtschaftet der Großkonreuther, der hauptberuflich als Sachbearbeiter am Landratsamt Tirschenreuth arbeitet, elf Teiche – rund zwei Hektar Wasserfläche. „Wobei die Fläche bei uns weniger ausschlaggebend ist. Bei uns kommt’s auf den Uferquotienten an“, sagt Bäuml. Denn am Ufer, zwischen den Steinen oder im Schilf, halten sich die Flusskrebse am liebsten auf. Neben zwei Teichen in Schönficht und einem in der Waldnaabaue finden sich acht Teiche mit Krebsen bei Hermannsreuth. Die ehemalige Forellenzuchtanlage ist optimal, sagt der Züchter, der sich viel Wissen selbst angeeignet hat. „Mittlerweile können wir auf einen großen Erfahrungsschatz zurückgreifen.“

Wichtig ist eine Teichanlage mit eigener Wasserversorgung. Nur so kann man die einheimischen Krustentiere vor der Krebspest schützen. Amerikanische Krebsarten, die in den Gewässern der Region schon um 1850 eingesetzt wurden, übertragen die Krebspest und sind selbst resistent dagegen. Dieser Umstand verdrängte den heimischen Flusskrebs mehr und mehr.

Population vermehren

Damit die Krustentiere hierzulande überleben können, bedarf es Spezialisten wie Michael Bäuml. Die Population des einheimischen Edelkrebses wieder zu vermehren, hat sich der 44-Jährige zur Aufgabe gemacht. Seit 1998 betreibt er die bio-zertifizierte Edelkrebszucht „Stiftlandkrebse“. Von der Krebspest blieb Bäuml bislang verschont. Er hält sich an strenge Regeln. Den Besatz aus seinen verschiedenen Teichen tauscht er nicht durch. „Da möchte ich nichts rein schleppen.“ Auch das Klima spielt für die Aufzucht eine Rolle: 12 Grad Wassertemperatur im Winter, im Sommer bis zu 20 Grad sind optimal. Dazu liegen die Teiche bei Mühllohe auf 600 Meter über dem Meeresspiegel, dort wachsen die Edelkrebse sehr gut.

Im Aufzuchtteich, den der 44-Jährige Ende Oktober abfischt, sind zudem rund ein Zentner Rotaugen mit drin. Mit im Teich sind auch Muscheln. Die sorgen dafür, dass die Edelkrebse mit Mineralien versorgt werden. Denn das Wasser in der Gegend sei eher sauer, weiß Bäuml. „Wir füttern die Krebse nicht zu“, erklärt er. Die Krustentiere fressen Wurzelwerk und Laub, leben überwiegend vegetarisch. Als Futter dienen aber auch Schnecken, Würmer, Weichtier-Kadaver oder sogar die eigene Kruste nach der Häutung. Ein Elektrozaun schützt die Elternteiche vor gefräßigen Eindringlingen wie dem Otter. „Die können sich ihre Brotzeit an den anderen Teichen holen, aber die Elternteiche sollen’s mir in Ruhe lassen“, sagt der 44-Jährige.

Ausgleich zum Bürojob

„Krebse, das ist unsere Passion“, sagt der Familienvater. Schon als Kind hatte der Oberpfälzer seine Leidenschaft für die Schalentiere entdeckt und nach dem Abfischen der Teiche immer nach Krebsen gesucht. Auch seine drei Kinder sind von klein auf mit beim Krebse ernten dabei. Die Familie ist ein eingespieltes Team. Michael kümmert sich um alles rund um den Teich. Er mag die ruhige Arbeit draußen in der Natur als Ausgleich zum Bürojob. Seine Frau Gerlinde übernimmt das Marketing und den Versand.

Sortieren und umsetzten

Zwei Mal im Jahr ist Erntezeit: Im Frühjahr und im Herbst. Die Tiere fängt der Krebs-Experte mit einer Reuse, in der ein Köder ist. Tagsdrauf muss der Fischer diese nur aus dem Wasser heben, um an die Krustentiere zu kommen. Oder er lässt den Teich ab und fängt die Tiere mit einem Kescher auf. Die restlichen Krebse sammelt Bäuml im abgelassenen Teich ein. Dann werden sie der Größe nach sortiert. In dem großen Holztrog herrscht reges Gewusel. Alle kleineren Krustentiere – Sömmerlinge und Ein- bis Zweijährige – dürfen zurück in den Aufzuchtteich. Eiertragende Weibchen und stattliche Männchen dürfen in den Elternteich.

Später werden die Männchen von den Weibchen getrennt. Diese würden die kleineren Weibchen nur fressen. Denn das Eierlegen, bis zu 50 bis 150 Stück pro Weibchen, und die Brutpflege nach dem Schlüpfen ab Ende Juni kostet den weiblichen Krebsen sehr viel Kraft. Deshalb sind diese auch kleiner als die männlichen Artgenossen.

Wir begleiten die Tiere jahrelang. Da tut es einem fast Leid, sie zu essen.

Michael Bäuml

Allerdings werden nur die Männchen ab einem Alter von fünf Jahren zum Verzehr an die Gastronomie verkauft, erklärt Bäuml. „Wir haben immer einen kleinen Männerüberschuss. Die kapitalen, großen Männchen gehen an die Gastronomie. Speisekrebse wie aus dem Bilderbuch“, sagt der Züchter. Seine Krustentiere verkauft Bäuml kiloweise. „Wir haben viermal so viele Anfragen und Bestellungen aus der Gastronomie, wie wir bedienen können“, betont er. Der Krebs-Experte verkauft sowieso viel lieber Besatzkrebse. „Wir begleiten die Tiere jahrelang. Da tut es einem fast Leid, sie zu essen“, sagt der Züchter. Wegen Corona sei heuer die Nachfrage nach Besatzkrebsen nicht so groß, aber „wir sind in der Szene etabliert“. Geerntet wird nur soviel, wie Anfragen bestehen.

Krebse in Knoblauchbutter

Weil nur die schönsten Exemplare an die Gastronomie gehen, bleiben für die Familie etwa die einscherigen Krebse übrig. Im Gemenge zwicken sich die Tiere auch mal die Scheren ab. Die Zange wächst sogar wieder nach, allerdings nicht mehr so groß wie die andere Schere. „Die Kinder essen wahnsinnig gerne Krebse“, verrät Gerlinde Bäuml. „Jetzt schmecken sie auch am Besten“, fügt ihr Mann an. Denn den Sommer über fressen sich die urzeitlichen Tiere gut voll – unter dem Panzer befindet sich dann die besonders schmackhafte Krebsbutter.

Diese Krustentiere kommen beim Familie Bäuml klassisch gekocht mit Wurzelgemüse und Knoblauchbutter auf den Tisch. Ergiebig ist das Essen nicht: Aus einem Kilogramm Krebs gewinnt man etwa 40 Gramm Fleisch, weiß Bäuml.

Heimische Arten schützen, indem man amerikanische Krebssorten aufisst

Muckenthal bei Wiesau

Michael Bäuml betreibt seit über 20 Jahren seine Edelkrebszucht

Hintergrund:

Heimische Krebsarten fast ausgestorben

  • Krebspest: Vor 1860 gab es die Edelkrebse praktisch in allen bayerischen Gewässer. Doch dann zog die Krebspest durch Europa und vernichtete bis auf Restbestände alle einheimischen Krebse. Eingeschleppt wurde die Krankheit durch amerikanische Krebsarten, die resistent dagegen sind. So konnten sich diese Arten wie Signalkrebs und Kamberkrebs in den Gewässern der Region ausbreiten, während die einheimischen Krebsart fast ausgestorben ist.
  • Europäischer Edelkrebs: Heute kommen Europäische Edelkrebse fast nur noch in wenigen Gewässersystemen vor. Seit einigen Jahrzehnten werden Edelkrebse auch in Fischteichen gezüchtet. Um die einheimischen Edelkrebse zu retten, veranstalten der Krebszüchter Michael Bäuml aus Großkonreuth und die Arge Fisch die Aktion „Artenschutz durch Aufessen“, wobei die amerikanischen Krebse aufgegessen werden.

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