04.02.2021 - 17:11 Uhr
BrandOberpfalz

Häufiger Dienstbotenwechsel in Brand

Ein Auszug aus der Chronik des Fichtelgebirgsvereins gibt Einblick in das Leben vor über 100 Jahren. Chronistin Annemarie Oberberger beschreibt 1932 nicht nur den Dienstbotenwechsel an Lichtmess.

Die erste Seiten eines Dienstbotenbuches aus dem Jahr 1910. Neben dem Namen sind mehrere Merkmale eingetragen, und auch der Preis ist ersichtlich.
von Bertram NoldProfil

Für Bauern war die Zeit um Mariä Lichtmess (2. Februar) früher ein wichtiger Termin. An diesem Tag erhielten die Dienstboten den Lohn für das abgelaufene Jahr – und in der Regel wurde ein neuer Dienstvertrag mit den Knechten und Mägden abgeschlossen. Einen besonderen Einblick in die Gepflogenheiten der Menschen vor rund 100 Jahren gibt die Chronik des Fichtelgebirgsvereins (FGV). Mit den Brauchtum rund um Maria Lichtmess befasste sich in den 1930er Jahren Annemarie Oberberger. Sie war vor knapp 90 Jahren Vorsitzende und Chronistin des Fichtelgebirgsvereins (FGV). In ihrem Werk, das in altdeutscher Handschrift verfasst ist und im Vereinsarchiv im Rathaus aufbewahrt ist, beschreibt sie „das Volk, seine Sitten und Gebräuche“.

Dienstbotenbuch als Zeugnis

War der Bauer mit den Dienstboten zufrieden, durften sie auf dem Hof bleiben. Gute Dienstboten wechselten den Hof nur selten, teilweise arbeiteten sie sogar 20 Jahre und länger für einen Bauern. Nur schlechte Knechte und Mägde mussten an Lichtmess fortziehen. Zum Zeichen, dass man mit ihnen unzufrieden war, schlug der Gutsherr mit einem alten Topf dreimal an das Hoftor, wenn sie den Hof verließen. Nach altem Brauch zogen die ausgestandenen Dienstboten am Nachmittag des Blasitages weiter. Am dritten Tag nach Lichtmess, am Agathentag, rückten dann die neuen Dienstboten ein. In Brand kam ein Dienstbotenwechsel des Öfteren vor, denn der Ort lag an einer wichtigen Durchgangsstraße.

„Jene, die bleiben, hatten Dienstbotenferien, was bedeutete, daß sie für einige Tage zu den Eltern oder Angehörigen durften.“ Nicht erwähnt in Oberbergers Ausführungen ist die Tatsache, dass jede Magd und jeder Knecht ein Dienstbotenbuch führen musste. 20 Pfennig kostete es. Brauchte man ein Duplikat, waren noch einmal 50 Pfennig fällig. Auf der ersten Seite waren entsprechend dem heutigen Personalausweis einige Merkmale eingetragen – wie Größe, Haarfarbe und Augenfarbe. Auf den folgenden Seiten war dann in 27 Paragrafen die „Zusammenfassung der wichtigsten Vorschriften über das Gesindewesen“ abgedruckt, also die Rechte und Pflichten der Dienstboten sowie die der Dienstherrschaft. Die folgenden leeren Seiten boten ausreichend Platz für Beurteilungen, die den Arbeitgebern Gelegenheit gaben, sich einen Eindruck vom neuen Gesinde zu machen. Eingestellt wurden Mägde und Knechte immer für ein Jahr. Die Entscheidung der Weiterbeschäftigung fiel dann ein Jahr später zum Dienstboten-Wechsel am 2. Februar, an Mariä Lichtmess.

Sauerkraut, Fleisch und Klöße

Annemarie Oberberger beschreibt 1932 in der Chronik auch die Mentalität und Lebensweise der Fichtelgebirgler detailliert. "Der Körper der Bewohner ist mannhaft, gesund und leidet wenig durch Krankheiten. Bewegungen sind langsam und bedächtig, zeigen aber Kraft und Ausdauer." Fleißig, genügsam und aufrichtig seien die Leute gewesen. Sauerkraut, Fleisch und Klöße gebe es dreimal die Woche, gebackene Knödel mit Stinglgemüse sehr oft, Gemüse und Mehlspeisen selten. Eine Verbesserung der Kost hätten die Handelsleute gebracht - etwa das "Stollenbacken" zur Kirchweih und zur Weihnacht. "Wenn man liest, dass es vor 100 Jahren Bier, eine Maß Braunes und Fleisch nur sonntags, Kaffee nur an Festtagen gab, dass man aus irdenen Geschirren aß, dann klingt das wie ein Märchen", berichtet Annemarie Oberberger 1932.

Faltiger Rock, ledernes Beinkleid

An die wendische Tracht der Frauen, die die Chronistin beschreibt, kann sich heute niemand mehr erinnern: "Faltiger Rock, buntgehäkelter Brustfleck, weißes Kopftuch und schwarze Backenhaube oder seidenes Stirntuch. Um den Leib einen Ledergürtel, keine Strümpfe, Schuhe in der Hand oder den großen Strohhut erst vor der Kirche oder vor der Stadt aufgesetzt." Der Fichtelgebirgler trug laut Chronistin einen Tuchrock bis an die Knie, ledernes Beinkleid um die Hüften festgeschnallt, graue Strümpfe, benagelte Schuhe, als Kopfbedeckung eine Pelzmütze von Marderfell. Die fortschreitende Kultur habe auch die heimische Tracht genommen, stellt sie fest. "Und wie schlecht würde die jetzt städtisch gekleidete Männer- und Frauenwelt in die einstmaligen Holzhäuser passen", urteilt sie.

Dass Haus und Stall unter einem Dach sind, sei auch zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch so gewesen, aber die Küche wäre trotzdem zu klein und finster. Der große Ofen mit den eingemauerten Töpfen und dem Gitter zum Aufhängen von Kleidern und Wäsche sei laut der damaligen Lehrerin doch zu wenig fein. "Das Brett über der Türe für Geschirr, Bibel und Gebetbuch könnte das jetzt im Gebrauch stehende Geschirr aus Emaille und Porzellan nicht mehr fassen."

Drei Mundarten im Fichtelgebirge

Habe sich auch viel verändert, so sei doch eins geblieben - die Sprache. Von gleich drei Mundarten im Fichtelgebirge berichtet Annemarie Oberberger: die pfälzisch-bayerische Mundart, die bayreutherische mit Endsilbe "ein, in" sowie die Sechsämtermundart. In Brand werde mehr der bayerische Dialekt gesprochen. Ein Schriftsteller behaupte, der deutsche Bauer schweige aus Mangel an Gedankengut, der Wortschatz umfasse nur 300 bis 500 Wörter. Oberberger hält dagegen: Der Landbewohner beherrsche nicht bloß die Muttersprache im vollen Umfang, sondern verfüge über einen reichen Schatz antiquierter Worte, welche nicht jedem in der Stadt geläufig seien. Den Wortreichtum belegt die Chronistin mit Beispielen: "Duada" = Pate, "kreiner" = weinen, "vernd" = voriges Jahr, "huzn gehen" = besuchen gehen, "klenseln" = läuten, "Kretsn" = Korb sowie "Blunsn" = Sack.

Seine schönsten Feste habe das Volk einschlafen lassen, beklagt die Chronistin, etwa das Marien-, Wiesen- und Kinderfest. Auch der Fastnacht ist ein eigenes Kapitel gewidmet. Das geistige Leben des ländlichen Volkes bewege sich in katholischen Gegenden im Kirchenjahreskreis "von Advent zu Advent". Ausführlich beschreibt Oberberger auch das Dreschen oder das Verhalten der Kinder, wenn der Herr Kooperator zu Besuch kam.

Auf den folgenden leeren Seiten des Dienstbotenhefts war genug Platz für Beurteilungen. Sie gaben der neuen Herrschaft die Möglichkeit, sich einen ersten Eindruck über den neuen Knechten zu verschaffen. In diesem Fall hat offenbar der weibliche Teil der Herrschaft unterschrieben, eine Friseursgattin.

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