Degelsdorf bei Auerbach
22.04.2022 - 16:33 Uhr
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Schneeweißes Kalb bei den Auerochsen

Es ist eine kleine Sensation, die derzeit Scharen von Menschen ins Naturschutzgebiet Grubenfelder Leonie bei Auerbach lockt: Kurz vor Ostern ist in der Heckrinderherde, die hier lebt, ein schneeweißes Kalb zur Welt gekommen.

Nachwuchs ist bei den Rindern im Naturschutzgebiet Grubenfelder Leonie in Degelsdorf (Auerbach/Landkreis Amberg-Sulzbach) an sich keine Sensation. Das weiße Kälbchen, das erst wenige Tage alt ist, ist aber eine: Wolfgang Wiesent, einer der Betreuer, der sich schon seit 15 Jahren um die Tiere kümmert, freut sich jedes Jahr über 10 bis 14 Kälbchen in der Herde – ein weißes war aber noch nie dabei. "Eine Laune der Natur", sagt Wiesent. Der Experte spricht von "Albinismus". Dem Jungtier fehlen Farbpigmente, die das Fell seiner Artgenossen normalerweise dunkel färben. Die anderen Kälber, acht weitere sind es momentan, sind hellbraun, "erdfarben". Mit der Zeit werden sie dunkler, braun bis schwarz, wie die Alttiere. Nur der Neuzugang wird schneeweiß bleiben.

Wer einen Blick auf das Kälbchen werfen will, muss Glück haben. Oder Geduld. Die Herde nimmt den jüngsten Neuzugang in ihre Mitte, schirmt ihn ab. Vorbei kommen und schauen ist erlaubt. Schließlich führt der Erzweg, ein Qualitätswanderweg, hier vorbei. Ein Elektrozaun sorgt dafür, dass die Herde in ihrem Teil des Naturschutzgebiets bleibt und dass ihr Spaziergänger und andere Besucher nicht zu nahe kommen. Die Tiere seien nicht aggressiv, aber eben doch halbwilde Rinder, erklärt Wolfgang Wiesent und fügt hinzu: "Das sind keine Streicheltiere." Das sollen sie auch nicht sein. "Die Rinder sind da, damit sie Landschaftspflege betreiben", erklärt der Fachmann. "Sie sollen die Verbuschung zurückdrängen." Indem sie hier weiden, halten sie die Grubenfelder von Bewuchs frei und sorgen so dafür, dass dieses Naturschutzgebiet so schön und artenvielfältig bleibt, wie es ist. Würden sich hier Hecken und anderer Bewuchs ausbreiten, würden einige Arten, die offene Flächen als Lebensraum brauchen, verschwinden.

Kein Wunder, dass Wolfgang Wiesent hier so gern unterwegs ist: "Wir haben viel Kleingetier, das es woanders nicht mehr gibt", sagt er bei einem Rundgang und nennt Beispiele: Schmetterlinge, Gelbbauchunke, Milan. "Der Schwarzstorch war auch schon mehrmals da" und dann gibt es noch verschiedene Spechtarten – Schwarzspecht, Buntspecht, Grünspecht. Gerade fängt hier auch vieles an zu blühen. Schlüsselblume, Küchenschelle und Schlehe setzen erste bunte Farbtupfer. "Aber die Rinder sind das Highlight, auch bei mir. Ich bin viel bei den Rindern. Es vergeht keine Woche, in der ich nicht drei-, viermal da bin. Manchmal stundenlang – je nachdem, was zu machen ist", sagt Wiesent, der in der Nähe wohnt. "Vorige Woche hatten wir Sturm, da war ich nachts da, mit dem Auto, mit Fernlicht, und hab' den Zaun repariert."

Besucher sind willkommen, wenn sie sich respektvoll verhalten. "Man kann kommen und gehen, wann man will. Man muss halt auf dem Weg bleiben", betont Wiesent. Also nicht ins Gelände der Rinder hinein gehen. Die Tiere "kennen zwar den Menschen", aber wenn jemand ihre Verhaltensweisen und Signale nicht deuten kann wie Wiesent, "dann kann es schon mal gefährlich werden". Gefährlich wäre es auch, wenn man alle Stiere in der Herde lassen würde. Deshalb müssen sie die Herde in Degelsdorf mit zwei bis drei Jahren verlassen. "Damit wir keine großen, gefährlichen Rangkämpfe kriegen." Dabei würden die Jungen nämlich "irgendwann mal dem Leitstier den Posten streitig machen".

Diese Tiere werden dann geschlachtet und vermarktet. "Ein ganz hervorragendes Fleisch. Das ist reines Muskelfleisch, die beste Qualität, die es gibt", schwärmt Wiesent. Kein Wunder: Diese Rinder "bekommen kein Kraftfutter, die fressen nur, was sie in der Natur finden." Momentan seien sie ein bisschen mager, erklärt der Experte, aber das sei ganz normal, über den Winter. "Das gibt sich jetzt. Die nehmen unheimlich schnell wieder zu." Gefüttert werden die Tiere fast nicht. Nur im Winter geben Wiesnet und seine Kollegen ihnen ein bisschen Heu zusätzlich – "von eigenen Flächen, das naturnah produziert worden ist".

"Im Prinzip ist das ganze Gelände fast sich selbst überlassen", sagt Wiesnet. Nur "den Wald bauen wir gerade um", im Sinne des Artenreichtums, "weg vom Nadelwald, aber nicht auf einmal, peu à peu. Bei den Tieren greifen wir nicht groß ein." Die Betreuer achten aber darauf, dass es ihnen gut geht, unter anderem mit Kot- und Blutproben. An sich aber brauchen die Rinder keine Menschen, "von der Geburt bis zum Fressen, sie brauchen keinen Unterstand, haben keinen Stall. Wir haben im Winter oft Schnee, das macht ihnen gar nichts aus. Die Rinder sind so robust, dass sie Kälte ertragen." Natur eben. Deshalb wird hier auch nicht gemolken. "Die Rinder haben bloß Milch für die Kälber. Wenn die dann mal anfangen, mehr Gras zu fressen, dann versiegt irgendwann die Milch bei der Kuh."

Das weiße Kalb hat Wolfgang Wiesent "am Gründonnerstag das erste Mal zu Gesicht bekommen". In der Herde – momentan sind es 25 Tiere – kommen jedes Jahr "zwischen 10 und 14 Kälber auf die Welt, meistens zwischen Januar und April". Acht Kälber sind es heuer schon, "wir warten gerade noch auf vier weitere". Zur Geburt entfernt sich die Kuh aus der Herde. Nach etwa zwei Tagen kommt das Muttertier dann mit dem Kalb zurück zu den anderen Tieren, "es wird aufgenommen und zieht schon mit der Herde durch das ganze Gelände".

Der Chef hier ist "Wolle", der Leitstier. Ihn erkennt man sofort: Ein besonders kräftiges Tier mit starken Hörnern. Er kam 2014 her, als die Betreuer den damaligen Leitstier Ajax im Tausch nach Schmidtenhöhe bei Koblenz (Rheinland-Pfalz) gebracht und dafür Wolle mit zurückgebracht haben. So ein Wechsel wird regelmäßig vollzogen, um Inzucht zu vermeiden. Deshalb wird auch Wolle seine Herde bald verlassen. "Wir sind auf der Suche nach einem anderen Leitstier."

Auch wenn der Volksmund gerne von Auerochsen sprechen, sind die Auerbacher Rinder eigentlich "Heckrinder". Ihren Namen hat die Rasse von den Brüdern Heinz und Lutz Heck, die sie in den 1920er-, 30er-Jahren aus verschiedenen Rassen gezüchtet haben, als Nachfolger des ausgestorbenen Auerochsen. Von ihm hat Auerbach seinen Namen. Und von ihm "stammen alle Hausrinder ab", erläutert Wiesent.

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Auerbach26.08.2020
Hintergrund:

Grubenfelder Leonie

  • Das Naturschutzgebiet Grunbenfelder Leonie bei Auerbach gehörte einst der Maxhütte.
  • In der Grube Leonie wurde in den 1970er- und 80er-Jahren Eisenerz abgebaut.
  • Nach dem Konkurs der Maxhütte 1987, musste auch die Grube Leonie schließen: Das Ende des Erzabbaus in Auerbach.
  • Durch Erdsenkungen entstanden Einsturztrichter. Durch Regen wurden kleine Tümpel daraus.
  • Hier haben viele gefährdete Tier- und Pflanzenarten einen Lebensraum.
  • Der Landesbund für Vogelschutz (LBV) hat das Grundstück gekauft und 1996 ein Naturschutzgebiet daraus gemacht.

  • Ein Einstiegspunkt für die "Ochsentour", eine etwa einstündige Wanderung entlang des Heckrinder-Areals, ist das Schützenheim in Degelsdorf (Auerbach)
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