08.11.2019 - 12:10 Uhr
ErbendorfOberpfalz

Bauchstechala, Einbrennsuppe und Hutzlbirnen

Wer mit diesen Speisen Kindheitserinnerungen verbinden kann, ist gewiss schon um die achtzig Jahre alt. Ein kulinarischer Blick zurück in die Nachkriegszeit.

Lebhafte Erinnerungen an die Ernährung in der Nachkriegszeit haben Erika Graf, Lieselotte Irmer, Elisabeth Lotter, Fritz Schreier und Birgitte Karl (von links).
von Redaktion ONETZProfil

Die fünf rüstigen Senioren Erika Graf, Lieselotte Irmer, Elisabeth Lotter, Fritz Schreier und Birgitte Karl sitzen gemütlich um einen Tisch im BRK-Senioren-Wohn- und Pflegeheim in Erbendorf. So unterschiedlich sie auch sein mögen, gibt es doch auch einige Gemeinsamkeiten: Sie sind allesamt zwischen 80 und 90 Jahre alt und haben viele ähnliche Erlebnisse, wenn es um die Zeit nach dem Krieg geht, als Lebensmittel generell knapp waren. Zusammen lassen sie ihre Kindheitserinnerungen lebendig werden und erzählen.

"Ein ,Mochinird' gab es nicht"

"Zu der Zeit wurde beim Kochen keine Rücksicht genommen auf irgendwelche Vorlieben oder Abneigungen einzelner Familienmitglieder. Gegessen wurde, was auf dem Tisch kam. "Ein ,Mochinird' gab es nicht." Fleisch stand nur zweimal in der Woche auf dem Speiseplan, einmal am Sonntag und einmal am Dienstag oder Donnerstag. Zusammen mit Spouzn. Ansonsten gab es viele Mehlspeisen, saures Kartoffelgemüse, Bauchstechala mit Kraut oder Eiern. Und natürlich auch Suppen: Gemüsesuppe, Einbrennsuppe, Pfannkuchensuppe und vor allem Kartoffelsuppe. Die stand fast jeden Abend auf dem Tisch. "Man lebte von dem, was im Garten wuchs", erinnern sich die Senioren. Ab und zu habe die Mutter auch selbst gemachte Nudeln zubereitet. "Die waren einmalig gut. So gut macht die heute keiner mehr."

Am Sonntag gab es manchmal einen Gockel zu Mittag. Wenn da eine Familie mit acht oder zehn Kindern um den Tisch herumsaß, blieb nicht viel übrig für den Einzelnen. Aber Spouzn schwammen immer genug im Topf, und Soße war auch da.

Milchhaut und Hutzlbirn

Ab und an gab es für die Kinder eine Brotscheibe mit einer Milchhaut drauf, herunter gefischt vom Topf mit der abgekochten Kuhmilch vom Holzofen. Wenn die Kinder noch ein bisschen Zucker darüberstreuen durften, war das das höchste der Gefühle. "Die einfachsten Sachen haben prima geschmeckt", sind sich die Senioren einig. "Wir kannten nichts anderes." Im Sommer ging es in den Wald zum Schwarz- und Preiselbeeren zupfen. Auch die kleineren Kinder mussten mitgehen. "In die Schule bekamen wir ein Stück Brot und einen Apfel mit. Im Winter gab es nur das Stück Brot. Es war eine schöne Zeit, auch wenn wir arm waren."

Und dann waren da noch die Hutzlbirn, ganz kleine zuckersüße Birnen, die die Leute früher in der Holzofenröhre gedörrt und haltbar gemacht haben. Im Winter wurden sie mit ein bisschen Wasser aufgekocht und mit ein paar Nüssen als Kompott gegessen. "Es hat wirklich gut geschmeckt." Heute würden sich die Seniorenheimbewohner das Gericht manchmal wünschen.

Alles war knapp

In Familien, die keinen Bauernhof hatten, arbeiteten die Frauen oft bei Landwirten in der Gegend. Sie wurden nicht mit Geld bezahlt, sondern in Naturalien. Etwa mit Kartoffeln. Wer keine Schweine und Gockel hielt und somit nicht Schlachten konnte, musste beim Metzger kaufen. Direkt nach dem Krieg erhielt man Lebensmittelmarken, aber dafür bekamen die Leute nicht viel - zumal die Auswahl in der Metzgerei nicht groß war. Es gab Fleischwurst, Hartwurst, Speckwurst und Leberkäs. Das wars. Für den Braten am Sonntag versuchte man, Bauchfleisch zu bekommen. "Des derf ruhig fett sein", sagten die Kunden zur Verkäuferin. Denn Fett war in der Nachkriegszeit Mangelware und die Ernährung dementsprechend einseitig. Auch die Butter war damals sehr knapp und wurde oft mit Margarine gestreckt.

Surfleisch nicht jedermanns Sache

Beim Schlachten eines Schweines wurden Leberwurst, Blutwurst, Presssack und Geräuchertes gemacht. Das Fleisch aus der Schlachtung kam in eine Beize und wurde im Surfass gelagert. Obendrauf kam das Knochenfleisch für den Surbraten. Nach ungefähr drei Wochen nahm es die Köchin heraus, wusch es ab und briet es an. Das Fleisch hatte einen sehr eigenen Geschmack, nicht jedermanns Sache. Die restlichen Stücke aus dem Fass kamen einige Zeit später in den Kamin und wurden geräuchert. Die einzige Möglichkeit zur Haltbarmachung, da es noch keine Gefriertruhe gab. Alles wurde verwertet, nichts weggeworfen. Weil die Familien viele Kinder hatten, musste das Brot oft sogar in einen Schrank eingesperrt werden. Nur mit Rationierungen kamen alle über die Runden. Das Brot wurde selbst gebacken und bis auf den letzten Laib aufgegessen. Und wenn es am Ende zu hart war, wurde daraus eine Brotsuppe gemacht. Nach dem Krieg gab es keine Supermärkte, sondern Kramerladen - so wie die Bayer Isabella aus Erbendorf einen hatte. Mehl, Heringe, Sensenblätter, Zucker und auch Kälberstricke - im Tante-Emma-Landen fand man die unterschiedlichsten Dinge. Auch so etwas wie ein Haltbarkeitsdatum gab es früher nicht. "Die Lebensmittelknappheit besserte sich erst, als die neue Währung eingeführt wurde", erinnern sich die Senioren.

Schwere Arbeit und arme Zeit

"Wir waren zufrieden", betonen die Heimbewohner und sprechen von einer dennoch schönen Zeit. Die Arbeit war schwer, und es war eine arme Zeit. Erika Graf, Lieselotte Irmer, Elisabeth Lotter, Fritz Schreier und Birgitte Karl haben viele gute Erinnerungen an ihre Kindheit. "Wir haben auf dem Acker kleine Lagerfeuer geschürt und Kartoffeln zum Rösten reingeschmissen." Weitere Erinnerungen der Senioren an die Kindheit mit Kühehüten und die Schulzeit folgen in einem weiteren Bericht.

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