Erbendorf
02.08.2019 - 11:54 Uhr

Vor einem Jahr: "Ich war tot"

Wortwörtlich meint das Roland Wellenhöfer, wenn er von einem Defibrillator als seine derzeit wichtigste Herzensangelegenheit spricht. Ein solches Reanimationsgerät hat ihm vor genau einem Jahr das Leben gerettet.

Roland Wellenhöfer hat seine Videoaufnahmen von der Feuersbrunst im Rewe-Markt Wiesau gut aufgehoben. Sie erinnern ihn daran, dass er wahnsinniges Glück hatte. Denn während der Dreharbeiten wäre er beinahe gestorben. Bild: ubb
Roland Wellenhöfer hat seine Videoaufnahmen von der Feuersbrunst im Rewe-Markt Wiesau gut aufgehoben. Sie erinnern ihn daran, dass er wahnsinniges Glück hatte. Denn während der Dreharbeiten wäre er beinahe gestorben.

Um zu verstehen, warum Roland Wellenhöfer von sich sagen kann, er habe zwei Mal im Jahr Geburtstag, sind zwei Rückblicke erforderlich: Am 10. Juni 1966 erblickt Wellenhöfer in Erbendorf das Licht der Welt. Er wird Mitarbeiter von Oberpfalz-Medien, engagiert sich unter anderem als Feuerwehrmann bei der Feuerwehr Erbendorf und arbeitet für eine Jalousienbaufirma.

Bis er am 4. August 2018 stirbt. Wenn auch „nur“ für ein paar Minuten – Roland Wellenhöfer war tot. Zwischen seiner Geburt und seiner Wiedergeburt liegen 53 ganz normale Jahre: Am 4. August 2018 ist der Berichterstatter in Wiesau im Einsatz: Der Rewe-Markt brennt lichterloh. Wellenhöfer, der sich kurz zuvor daheim ein Bierchen einschenken wollte, macht auf dem Parkplatz des brennenden Einkaufsmarktes zwischen den Einsatzkräften routiniert und in aller Ruhe seine Arbeit. "Ich war weder aufgeregt noch gestresst oder sonst irgendwas", erzählt er. Dennoch sollte gleich sein Herz aussetzen.

Der Erbendorfer hat sein Leben einem Glücksfall und drei beherzten Feuerwehrmännern zu verdanken. "Ich war tot", sagt er. Diesen Sonntag jährt sich das Unglück. Die drei Worte spricht er aus, als betrachte er im Nachhinein die Geschehnisse aus der Sicht eines anderen. Sehr genau erinnert er sich an jene Sekunden, in denen er zusammenbricht. "Ich hielt die Kamera in Richtung Eingangsbereich, wo es lichterloh brannte. Mir kam der Gedanke, das da ist der Teufelsschlund." Das sei das Letzte gewesen, was er gedacht habe.

Erbendorf06.08.2018

Schutzengel in roten Westen

Während das Höllenfeuer diesmal Realität ist, verschwindet Wellenhöfer in eine unreelle, für Menschen unbegreifliche Welt des Sterbevorgangs. Ihm sei schwarz vor Augen geworden. Er habe versucht, sich am Wiesauer Feuerwehrauto festzuhalten, sagt er. Wellenhöfer hat keine Chance mehr, er bricht neben dem Fahrzeug zusammen. Was sich nun abspielt, muss er sich von seinen Rettern erzählen lassen, denen er unendlich dankbar ist.

"Es gibt auch Schutzengel in roten Westen", sagt er und meint die Wiesauer Feuerwehrmänner Fabian Krämer, Andreas Loos und Michael Köhler. Die drei Männer beobachten zufällig in der Nähe den Zusammenbruch und beginnen sofort mit dem Reanimieren. Ein Notruf wird abgesetzt, Feuerwehrarzt Dr. Achim Nemsow eilt herbei. Die Herzdruckmassage mit den Händen schlägt nicht an. Jetzt kommt das Glück ins Spiel: Im Feuerwehrauto liegt ein Defibrillator. Das lebensrettende Gerät ist erst einen Tag zuvor gewartet worden. Eine Schockwelle reicht aus. Wellenhöfer schlägt die Augen wieder auf, will aufspringen und seine Arbeit weiter tun. Die erleichterten Retter überzeugen ihn, dass er - wolle er sein Leben nicht gleich wieder gefährden - zuerst ins Krankenhaus müsse.

Im Klinikum Weiden macht er sich nicht um sich, sondern um seine 83-jährige Mutter Sorgen. "So was steht gleich in Facebook. Sie kann mit Facebook umgehen und ich wollte nicht, dass sie es von da erfährt." Er ruft sie an. Dann erst beginnt er, die Geschehnisse zu rekonstruieren.

Bildergalerie
Wiesau05.08.2018

Nahtoderlebnis

Nicht nur das körperliche Unglück beschäftigt ihn. Wellenhöfer hatte ein Nahtoderlebnis. "Ich habe mich selbst gesehen, auf der Straße liegend und wie der Arzt und die Leute vor mir stehen", sagt er. Dann hält er einen Moment inne. Wellenhöfer überlegt, ob man "so was" überhaupt erzählen kann, ob es jemand glaubt. "Ich habe innerlich gegen meine eigene Rettung angekämpft. Ich war in einem friedlichen und zufriedenen Zustand und wollte, dass das so bleibt." Heute ist er sehr froh, dass er diesen seltsamen Kampf gegen seinen eigenen Lebenswillen nicht gewonnen hat.

Noch in derselben Nacht bekommt er die Diagnose für das, was er in den vergangenen Stunden erlebt hat: Herzkammerflimmern. Als Therapie werden ihm eine Reha am Chiemsee und ein gesünderes Leben verschrieben. "Dabei wollte ich längst selbst kürzer treten und gesünder leben", zieht Wellenhöfer Parallelen, als sei sein kurzzeitiges Ableben ein Warnschuss vor den Bug gewesen.

Im Bewusstsein, eine zweite Chance bekommen zu haben zum Leben, sei er nach Altötting gepilgert und habe sich später beim Weinfest der Feuerwehr Wiesau noch einmal bei seinen Rettern bedankt, erzählt er weiter. Nach der Reha kehrt Wellenhöfer zurück zu den Einsätzen bei der Feuerwehr. Plötzliche Angst oder Panik bei einem Brandeinsatz habe er kein einziges Mal verspürt.

Humor hilft

365 Tage später bringt ihn die Frage, wie er seinen "ersten zweiten Geburtstag" am Sonntag feiern wird, ein wenig in Verlegenheit. "Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht." Er sei bei solchen Dingen eher spontan. Vielleicht gehe er Bergwandern. Die "Nachwehen" seiner Zweitgeburt sind mehr humoriger Natur. Nun sei er den gut gemeinten Ratschlägen seiner Feuerwehrkameraden hilflos ausgeliefert, sagt er schmunzelnd. Sätze wie "Roland ist da. Kipp uns ja nicht wieder um", oder "Sei bitte vorsichtig. Wir haben keinen Defi dabei" seien an der Tagesordnung.

Am Freitag nach dem Unglück ist er aus dem Krankenhaus entlassen worden. Wellenhöfer kehrt noch einmal zu den Geschehnissen zurück. "An diesem Freitag wäre dann wohl meine Beerdigung gewesen", sinniert er nachdenklich. Dieses Szenario steht auch noch ein Jahr später deutlich vor seinem geistigen Auge. Umso dankbarer ist er, dass er am Sonntag seinen ersten "zweiten Geburtstag" gesund und munter erleben darf.

Hintergrund:

Info

Roland Wellenhöfer ist es seit seiner Wiedergeburt eine echte Herzensangelegenheit, sich für die Anschaffung von mehr Defibrillatoren zu engagieren. Mit der Feuerwehr und dem BRK hat er eine Spendenaktion ins Leben gerufen. Erster Wirkungsort soll das Gewerbegebiet Erbendorf sein, wo Wellenhöfer die ansässigen Firmen für seine Sache gewinnen möchte. Wie ein Defibrillator ein Einzelschicksal bestimmen könne zum Guten hin, dafür sei er nun lebendes Beispiel, sagt Wellenhöfer. Mitmachen können alle. Wer die Aktion unterstützen möchte, kann auf das Konto DE95 7535 0000 0008 8009 06, Sparkasse Oberpfalz Nord, Verwendungszweck „Spende Defi“ eine Spende einbezahlen.

Das war das letzte realistische Bild, das Roland Wellenhöfer vor Augen hatte, bevor er bei Dreharbeiten vom Rewe-Brand von einer Sekunde auf die andere zusammenbrach. Bild: Wellenhhöfer
Das war das letzte realistische Bild, das Roland Wellenhöfer vor Augen hatte, bevor er bei Dreharbeiten vom Rewe-Brand von einer Sekunde auf die andere zusammenbrach.
Roland Wellenhöfer (Mitte, mit dem lebensrettenden Defibrillator) kann seinen Rettern, Fabian Krämer und Andreas Loos. sowie Michael Köhler (nicht im Bild) nicht genug danken. Bild: ubb
Roland Wellenhöfer (Mitte, mit dem lebensrettenden Defibrillator) kann seinen Rettern, Fabian Krämer und Andreas Loos. sowie Michael Köhler (nicht im Bild) nicht genug danken.
 
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