23.11.2020 - 17:18 Uhr
EschenbachOberpfalz

Wahlen in Bayern früher: Von Wahlmännern, Wahlkreisen und einem Treueschwur

Das amerikanische Wahlsystem ist etwas schwierig. Es stützt sich auf Wahlmänner und das Mehrheitswahlrecht, das die Stimmen der Minderheit einfach streicht. Beides galt früher auch in Bayern, und zwar bis 1907.

Abgeordnete nehmen an der Plenarsitzung im Landtag Bayern teil. Foto: Peter Kneffel/Archivbild
von Autor OTTProfil

Wahlmänner und Mehrheitswahlrecht: Auch der bayerische Landtag wurde früher nach diesem Modell gewählt. Wäre beides heute noch aktuell, hätten weder Freie Wähler, Grüne, FDP und AfD eine Chance.

Von etwa 1870 bis 1918 erreichte die „Patriotenpartei“, die sich ab 1897 in bayerisches „Zentrum“ und 1918 in „Bayerische Volkspartei“ umbenannte, damit immer die meisten Sitze. Die Regierung stellte sie aber nur vier Jahre (ab 1912), denn der Ministerpräsident wurde vom König oder Prinzregenten ernannt. Er und seine Minister stammten von den Liberalen.

Die Macht des Parlaments bestand im Diskutieren und im Recht, den Haushalt zu beschließen. Wie es dabei zuging, kann man noch immer in "Jozef Filsers Briefwexel" von Ludwig Thoma nachlesen. Der jeweilige Ministerpräsident musste oft in langwierigen Diskussionen einen Kompromiss suchen.

Den Liberalen war diese Mehrheit natürlich nicht genehm. Daher setzten sie den Wahltermin meist in der Erntezeit im Juli unter der Woche an, um die Bauern von der Wahl abzuhalten. So lag die Wahlbeteiligung beispielsweise 1893 in Bayern bei 31 Prozent.

Die Wahl der Wahlmänner fand von 9 bis 13 Uhr statt. Wenn ein Wahlmann nicht mehr als 50 Prozent der Stimmen bekam, musste gleich wieder abgestimmt werden. Die Wahlberechtigten, aber auch der Wahlmann mussten also die ganze Zeit über anwesend sein.

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In Eschenbach war der Wahlmann oft Oberamtsrichter Plasi, der Gründer der Freiwilligen Feuerwehr sowie des Krieger- und Veteranenvereins. Dass er, was möglich gewesen wäre, die Patriotenpartei nicht unterstützt hätte, ist wohl nicht anzunehmen.

Die Wahlkreise versuchten die Liberalen so zuzuschneiden, dass liberale Wahlmänner die Mehrheit bekamen. Deshalb kam auch Eschenbach immer wieder zu anderen Wahlkreisen dazu.

Erst ab 1881 gab es eine geheime Wahl. Frauen durften „natürlich“ bis 1918 nicht wählen. Die Wahlberechtigten wurden nach den Steuerlisten der Gemeinden erstellt, was beispielsweise Knechte und Mägde, aber auch Taglöhner von der Stimmabgabe ausschloss.

In Eschenbach bekam anfangs die „Patriotenpartei“ – die auch die „Klerikalen“ oder die „Schwarzen“ genannt wurde – etwa 90, die Liberalen etwa 9 Prozent. Der minimale Rest der Stimmen entfiel auf die SPD. Neustadt am Kulm dagegen votierte völlig anders: Der „evangelische“ Ort wählte fast zu 100 Prozent liberal.

Dr. Heim, der „Bauerndoktor“, der berühmt geworden war, weil er die Rechtler nach den Vorfällen in Fuchsmühl am Landgericht Weiden verteidigt hatte, tat sich 1905 mit der Sozialdemokratischen Partei zusammen, um ein neues Wahlrecht durchzusetzen. Es wurde dem Wahlrecht des Reichstags angeglichen.

Nun galt das relative Mehrheitswahlrecht, das heißt, es war derjenige gewählt, der die Mehrheit in einem Wahlkreis erreichte. Die Wähler mussten aber vorher gemäß Paragraf 3 des Wahlgesetzes unter anderem "Treue zum König" schwören – für Sozialdemokraten vielleicht ein Problem.

Von 1893 bis 1906 vertrat der „Ökonom“ Georg Bauer aus Pressath, der dort auch Bürgermeister war, den heimischen Wahlkreis. Dr. Heim ersetzte ihn zunächst, bis er kurz darauf resignierte, weil ihm seine Partei Schwierigkeiten bereitete, als er sich für die Rechte von Mägden und Knechte einsetzte.

Mit den Großbauern aus Niederbayern hatte er schon vorher seine Probleme. 1918 bestimmte ihn Eschenbach – nun durften auch die Frauen und diejenigen wählen, die keine Steuer zahlten – zu ihrem Abgeordneten in der verfassungsgebenden Versammlung in Weimar.

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