04.09.2020 - 09:49 Uhr
Eschenfelden bei HirschbachOberpfalz

Red Adair - Held von Eschenfelden

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Die Meldung war dürr: Zum 1. April geben die Betreiber den unterirdischen Gasspeicher in Eschenfelden (Gemeinde Hirschbach) auf. Doch hinter dieser Nachricht versteckt sich eine Geschichte, die vor 50 Jahren die Menschen gebannt hat.

Der Gasbrand vom Bohrloch Esch 1 des Pruppacher Gasspeichers konnte erst nach einer Woche durch Red Adair gelöscht werden.
von Andreas Ascherl Kontakt Profil

Paul "Red" Adair: Jedes Kind kennt im Jahr 1970 diesen Namen. Der "Salamander", wie ihn seine Fans auch ehrfurchtsvoll nennen, ist immer da zu finden, wo es richtig gefährlich wird. Seine Spezialität: Öl- und Gasbrände im ganz großen Stil. Wo immer in der Welt ein Ölfeld in Flammen steht, irgendwann holte man Red Adair zu Hilfe, wenn man nicht mehr weiter weiß. Und so kommt es auch in diesem September 1970, irgendwo zwischen den Dörfern Pruppach und Eschenfelden im damaligen Landkreis Sulzbach.

Zur Vorgeschichte: Seit 1967 betreibt die Ruhrgas AG bei Eschenfelden einen unterirdischen Gasspeicher. Mit hohem Druck wird dort Kokereigas in eine poröse und nach oben abgedichtete Gesteinsschicht gepumpt und bei Bedarf wieder ins Netz eingespeist. Zum Zeitpunkt des Unglücks ist der Speicher zu mehr als der Hälfte gefüllt: mit rund 170 Millionen Kubikmeter Gas. Bei Wartungsarbeiten kommt es am 19. September 1970 zum Unglück. Über eine defekte Sonde zischt plötzlich Gas mit einem Druck von 40 Bar an die Oberfläche und entzündet sich durch die Reibung an der Luft.

Gewaltige Feuersäule

Eine gewaltige - nur in der Nacht sichtbare - Feuersäule und ohrenbetäubendes Fauchen sind die Folgen des Unglücks. Pro Stunde rauschen mehr als 10 000 Kubikmeter Gas an die Oberfläche. Was die Menschen damals noch nicht wissen: Es ist das größte Gasunglück in der Geschichte der Bundesrepublik. Sofort läuft eine gewaltige Rettungsaktion an. Feuerwehren aus der ganzen Region, von den Flughäfen Nürnberg, München und Frankfurt kommen mit schwerem Gerät in die Oberpfalz. Doch zunächst vergeblich. Die lodernde Gasfackel lässt sich trotz der größten Anstrengungen nicht löschen.

Die ganze Welt schaut auf Eschenfelden, irgendwann meldet sich Paul "Red" Adair. Der stämmige Texaner hat 1962 eine Ölquelle in Algerien gelöscht, die seit sechs Monaten in Flammen stand. Seither ist er eine Legende, der sprichwörtliche Feuerwehrmann, den man holt, wenn sich niemand mehr zu helfen weiß. 1968 wird sein spannendes Leben verfilmt - mit John Wayne in der Hauptrolle. In diesem Spätsommer 1970 in der Oberpfälzer Provinz ruft aber erst einmal niemand nach dem roten Retter, er bietet sich tatsächlich selbst an.

1962 nahm es Red Adair mit einem Brand in Algerien auf

Ruhrgas lehnt Hilfe ab

Doch zunächst wollen die Verantwortlichen von der Ruhrgas nichts wissen von ihm, vom coolen und lässigen Amerikaner. Sie hätten selbst sehr gute Spezialisten für diese Aufgabe, lassen sie den berühmten Feuerwehrmann wissen. Aber die Zeit spielt für Red. Eine Aktion nach der anderen misslingt, ungehindert strömt weiter das brennende Gas aus dem Boden. Das zieht die Menschen an. Das Gelände rund um den Speicher verwandelt sich zum Volksfestplatz, eine örtliche Brauerei installiert einen Bierstand. Dann geben die Verantwortlichen nach und holen den Retter aus den USA: Paul Neal Adair, der nach seiner Haarfarbe "Red" genannt wird. Rot ist alles an Adair: der Helm, der Overall, den er trägt, die Haare sowieso. Direkt von Houston in Texas fliegt er nach Nürnberg und quartiert sich zunächst im Wilden Mann in Königstein ein.

Red Adair gibt sich betont lässig. Er bedient jedes Klischee, das die Deutschen wohl zu dieser Zeit von einem echten Amerikaner haben - zumal einem Texaner. Kaum in "Germany" angekommen, bestellt er sich im Wilden Mann in Königstein erst einmal ein Bier und dazu reichlich Eier und Speck. Für die Unglücksstelle scheint er sich erst einmal nicht zu interessieren.

Doch im Hintergrund wird auf Anweisung Adairs bereits fieberhaft gearbeitet. Sein Team und die Experten von Ruhrgas bereiten den entscheidenden Löschangriff vor. Der damals schon berühmteste Feuerwehrmann der Welt will dem Brand diesmal nicht mit Dynamit oder Nitroglycerin zu Leibe rücken, seiner Spezialität.

Er entscheidet sich für eine konventionelle Methode: mit einem Druck von 60 Atmosphären wird eine Lösung aus Schwerspat in die defekte Sonde gedrückt und damit das Leck wie mit einem Stöpsel verschlossen. Die Aktion glückt auf Anhieb, um 9.40 Uhr am 25. September 1970 ist das Feuer aus, Red Adair ist der Held des Tages und wird von den Feuerwehrleuten auf Schultern getragen.

Der Fire Fighter winkt bescheiden ab und äußert einen Wunsch: Als Lohn für seine Arbeit hätte er gerne einen Sportwagen made in Germany. Aber natürlich sollte er feuerrot lackiert sein.

Hintergrund:

Red Adair pustet jede Flamme aus

„Die Flamme sinkt in sich zusammen, dem infernalischen Fauchen folgt Totenstille“, beschreibt der damalige Chefreporter unserer Zeitung, Horst Homberg, die letzten Sekunden des spektakulären Gasbrandes von Eschenfelden. Red Adair hat es wieder einmal geschafft. Cool, lässig, souverän. Dazu passt, dass er seinen Rückflug schon von Houston aus gebucht hat. Red Adair kennt keine Zweifel, der Salamander löscht jeden Großbrand nach Flugplan.

1915 wird Paul Neal Adair in Houston, Texas, geboren. Wegen seiner roten Haare trägt er schon bald den Spitznamen Red, der zu seinem Markenzeichen wird. Red Adair wird später Millionär, doch stammt er aus ärmlichen Verhältnissen. Mit 14 muss er die Schule verlassen und Geld verdienen. Nach dem Zweiten Weltkrieg lernt er bei Feuerwehr-Legende Myron Kinley und übertrifft seinen Lehrmeister später um Längen. Red Adair bekämpft Feuer mit Feuer. Er sprengt Bohrlöcher und raubt dem Feuer mit gezielten Nitroglycerin-Explosionen den Sauerstoff zum Leben. 117 Brände löscht Adair mit seinem Team nach dem Ende des Golfkriegs 1991 in Kuwait, rund 2000 Feuer bringt er in seiner Karriere zum Erlöschen. 2004 stirbt Red Adair hochbetagt und geehrt mit 89 Jahren in seiner texanischen Heimat.

Das Ende des Gasspeichers:

"Vermarktungsstop" bedeutet das Aus für Pruppach

„Das ist nicht so richtig ökonomisch“, sagt Georg Oppermann, der Pressesprecher von Uniper Energy Storage GmbH, einer Gesellschaft, die durch die Abspaltung vom Eon-Konzern entstanden ist. Was Oppermann meint, ist der Unterhalt des 1967 errichteten Gasspeichers zwischen Pruppach und Eschenfelden, der 1970 so prominent in die Schlagzeilen geriet. Zum 1. April 2021 ist das Ende der „Vermarktung“ angekündigt, die beiden Betreiber, die Uniper Energie SE und die Nürnberger N-Ergie, sehen die Wirtschaftlichkeit nicht mehr gegeben und verzichten auf den Abschluss weiterer Speicherverträge. „Über eine weitere Nutzung oder den Rückbau ist noch nicht entschieden“, sagt Georg Oppermann auf Nachfrage von Oberpfalz-Medien. „Da Deutschland den größten Teil des verbrauchten Erdgases importieren muss, nehmen Erdgasspeicher eine wichtige Rolle für Versorgungssicherheit und Preisstabilität auf den Großhandelsmärkten ein“, sagte Axel Wietfeld, Geschäftsführer der Uniper Energy Storage, noch im Jahr 2017 zum 50-jährigen Speicherjubiläum.

Der Untertagespeicher wurde im Oktober 1967 in Betrieb genommen. Er diente ursprünglich zur Speicherung von Kokereigas, später von Erdgas aus den Niederlanden. Heute wird hier unter anderem über Waidhaus aus Russland kommendes Erdgas gespeichert. Die Anlage ist ein sogenannter Porenspeicher, in dem das Gas in porösem Gestein ähnlich einem Schwamm gespeichert wird. Wegen einer ständig wachsenden Anzahl an Speichern, milden Wintern sowie einer Steuer- und Gebührenpolitik, mit der die Betreiber eigener Aussage nicht wirtschaftlich leben können, soll der Speicher jetzt aufgegeben werden. Obwohl er sich laut Betreiber auch gut für die Einlagerung von Wasserstoff eignen würde, der aus überschüssiger Windenergie produziert werden kann.

2009 gab es eine große Katastrophenschutz-Übung beim Gasspeicher Eschenfelden

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