28.06.2021 - 09:42 Uhr
Etsdorf bei FreudenbergOberpfalz

Aus der Zeit gefallen: Die Geschichte von "Pferd und Reiter/in" in Bildern

Auf den ersten Blick sind sie vor allem eines: Monumental. Wie lohnend ein zweiter Blick auf Reiterstandbilder ist, beweist Autor Till Briegleb mit einer Monographie, die auch als Foto-Ausstellung im Tempel-Museum in Etsdorf zu sehen ist.

Neue Sichtweisen im Tempel-Museum : So hat man Reiterstandbilder noch nicht betrachtet.
von Anke SchäferProfil

Ehrfurcht einflößende Abbildungen von stolzen Herrschern, Feldherrn und Kriegern zu Pferd sind alles andere als selten, prägen häufig das Bild ihrer meist städtischen Umgebung und fristeten doch lange Zeit ein unbeachtetes Dasein. Auch Journalist und Autor Till Briegleb kam eher zufällig zu seiner mittlerweile über zwei Jahrzehnte gewachsenen Leidenschaft: Reiterdenkmäler fotografisch zu dokumentieren.

Unfreiwillig komisch

Seinen Anfang nahm das einzigartige Mammutprojekt 2005 in Moskau mit Marschall Schukow, Stalins General für den Großen Vaterländischen Krieg, schreibt Briegleb im Vorwort. Es war die absurde Komik des vor dem Lenin-Museum zwischen Weihnachtsbaum und Rolex-Reklame eingeklemmten Ehrenmals, der er sich nicht entziehen konnte. Seither hat er Hunderte solcher Reiterstandbilder vor die Linse genommen, nicht nur in Europa, wo diese Tradition am stärksten verwurzelt ist, sondern auch auf anderen Kontinenten. Und siehe da - diese Sparte der Bildhauerei ist stereotyper als man glauben möchte: Das Repertoire an Formen sei derartig begrenzt, dass der wesentliche Unterschied für den Betrachter gar nicht in der Figur oder ihrem Titel zu erkennen sei, sondern vor allem in dem dazugehörigen Sockel, so Brieglebs Erkenntnis.

Für das Buch hat er seinen gewaltigen Foto-Fundus in die sechs unterschiedlichen Kategorien "Reiterstandbild klassisch", "Reiterstandbild Architektur", "Pferdebändiger/in", "Pferd ohne Reiter/in", "Pferd als Brunnenfigur" und "In Gebäuden" eingeteilt und nach Städten alphabetisch sortiert.

27 Mal Jeanne d´Arc

Der gegenderte Titel kommt auch nicht von ungefähr. Zwar sitzen überwiegend Männer hoch zu Ross, aber eben nicht ausschließlich. Abgesehen von den beliebten, gerne nackten Amazonen nimmt Jeanne d´Arc einen bemerkenswerten Spitzenplatz ein: Unter den ganz wenigen zu Pferd verherrlichten Frauen ist sie das beliebteste Motiv. Mindestens 27 martialisch mit Brustpanzer und Schwert ausstaffierte Standbilder von ihr lassen sich in Frankreich finden, allein in Paris hat Briegleb laut Einführung stolze vier Exemplare gezählt.

Neben der Geschlechtergerechtigkeit stellt der Autor aber auch einen anderen Blickwinkel scharf: Wahrlich nicht jeder der Dargestellten hat seine monumentale Würdigung verdient - ganz im Gegenteil. Um einige dieser Schlächter, Tyrannen und Kolonialverbrecher ist in den vergangenen Jahren eine lebhafte Diskussion entbrannt. Briegleb hat daher seinen Fotografien ein "Pferd und Reiter/in Wiki" angehängt, das alle Monumente mit historischen und mythologischen Figuren erläutert und kurz charakterisiert.

Wer sich jetzt ein eigenes Bild über die im Büro Wilhelm Verlag erschienene Monografie hinaus machen will, muss nicht so weit reisen wie der Autor. Ein Ausflug ins Tempel-Museum Etsdorf reicht, um das Briegleb´sche Werk aus der Nähe und direkt auf sich wirken zu lassen. Die dreidimensionale Wucht eines Reiterstandbildes lässt sich dort natürlich nicht eins zu eins abbilden. Ein gemütliches Päuschen auf dem Sockel ist - anders als bei vielen Originalen - ebenfalls nicht drin. Für gebührenden Eindruck in der umfunktionierten Turnhalle der ehemaligen Volksschule sorgt stattdessen die sogenannte "Petersburger Hängung" der Auswahl, also die Anordnung der rund 230 ausgewählten Digitaldrucke dicht an dicht. Dass Wilhelm Koch nicht nur Brieglebs Verleger, sondern auch Gründer und Spiritus Rector des Tempel-Museums ist, trifft sich in diesem Fall also gut. Über die Zusammenarbeit bei anderen Projekten sei man eines Tages auch auf Brieglebs scheinbar wirklich einzigartige Leidenschaft zu sprechen gekommen, erzählt Koch bei der Führung durch die Ausstellung.

Erst "Alltagsmobiliar"

Das daraus entstandene Buchprojekt hat auch seinen Blick auf Reitermonumente verändert: "Vorher waren sie für mich selbstverständlich als Alltagsmobiliar einer Stadt. Erst über das Buch bin ich auf die Absurdität gekommen". Dass Buch und Ausstellung darüber hinaus einen Anstoß geben, diese Denkmäler zu hinterfragen, findet Koch gut. Auch dass mancher Reiter zwischenzeitlich vom Sockel geholt wurde, erscheint ihm gerechtfertigt. Aber eigentlich sei es doch interessanter, wenn es statt Demontage entsprechende Informationen zum Denkmal gäbe: "Wenn es weg ist, ist auch das Thema weg."

Mit dem Ovigo-Theater zu Raubrittern, Revolverhelden und dem wilden Hans

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Buchcover
Die "Petersburger Hängung" betont auch den stereotypen Aspekt der Reiterstandbilder.
Dicht an dicht drängen sich über 230 Digitalfotos von Ross-und-Reiter/in-Denkmälern im Tempel-Museum.
Hintergrund:

Zu Buch und Ausstellung

  • Till Briegleb ist Musiker, Journalist und Schriftsteller. Als freier Autor schreibt er unter anderem für die Süddeutsche Zeitung.
  • Die Monografie "Pferd und Reiter/in - Geschichte eines Monuments", 484 Seiten, mehr als 400 Abbildungen, Hardcover, ist im Mai 2021 im Büro Wilhelm Verlag erschienen und kostet 69 Euro
  • Die Fotoausstellung ist noch bis 26. September im Tempel-Museum Etsdorf zu besichtigen. Dienstag bis Sonntag, 10 bis 17 Uhr.

 

 

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