26.09.2019 - 20:33 Uhr
Oberpfalz

Faktencheck: Viel Lärm ums SUV

FFF und SUV: Zwei Abkürzungen, zwei Welten - und jede Menge Zündstoff. Nicht nur Klimaretter haben dem beliebten Fahrzeugtyp den Kampf angesagt. Zu Recht? Wir machen den Faktencheck.

Aktion bei der Internationalen Automobil-Ausstellung Mitte September in Frankfurt: Der SUV boomt, der Protest dagegen auch.
von Gabriele Weiß Kontakt Profil

Nachdem der Fahrer eines Porsche Macan mitten in Berlin die Kontrolle über sein Fahrzeug verloren und vier Passanten tödlich verletzt hatte, eskalierte die Diskussion über Sinn und Unsinn von SUVs im Stadtverkehr. Auch auf der Internationalen Automobil-Ausstellung IAA in Frankfurt kam es zu massiven Protesten. Die Bewegung "Fridays for Future" (FFF) und andere "Umweltaktivisten" sehen im SUV den Klima-Killer schlechthin.

Starke Markt-Zuwächse

Trotzdem: SUVs stellten laut Kraftfahrtbundesamt 2018 mit einem Anteil von 18,3 Prozent an allen neu zugelassenen Pkw das zweitgrößte Segment nach den Fahrzeugen der Kompaktklasse (22 Prozent). Mehr noch: Sie erzielten mit plus 20,8 Prozent sogar die größten Zuwächse unter allen Typklassen. "SUV" steht für den englischen Begriff "Sport Utility Vehicle" und bedeutet so viel wie "Sport- und Nutzfahrzeug". Wie der Name schon andeutet, liegt der Ursprung der SUVs in den USA. In Deutschland begann der Siegeszug dieser Fahrzeuge erst ganz allmählich Mitte der 1990er Jahre mit dem Toyota RAV4.

Ein VW-Bus beispielsweise, ein Lieferwagen oder ein größeres E-Auto sind bei einem Unfall nicht weniger gefährlich.

Rudolf Angerer, Vorstandsvorsitzender der Innung des Kfz-Gewerbes in der Oberpfalz und im Kreis Kelheim

Johannes Werner ist amtlich anerkannter Sachverständiger beim TÜV in Weiden. Er hält es für problematisch, einzelnen Fahrzeugtypen ein größeres Problem-Potenzial zuzuschreiben. "Man kann das nicht so pauschal sagen, dass SUVs aus den Städten raus müssen", sagt er. Weder aus dem Unfallgeschehen noch von der Größe lasse sich ableiten, dass dieser Fahrzeugtyp mehr Probleme verursache als andere Pkw-Modelle. "Natürlich lässt sich eine größere Masse schwieriger abbremsen", räumt Werner ein. "Aber es gibt ja schon zwischen den einzelnen SUVs große Unterschiede im Gewicht, und eine Limousine wiegt schließlich auch einiges."

Kompakte Plattform

Außerdem, sagt der TÜV-Experte, hätten SUVs die Zulassung für öffentliche Straßen erhalten und sich im Crashtest bewährt. "Problematische Aufbauten wie die Frontschutzbügel, die früher häufig montiert wurden, sind nicht mehr zulässig. Da wurde schon einiges nachgebessert." Häufig bauten SUVs auf den Plattformen kompakter Pkw-Modelle auf. "Man steigt halt nur höher ein." Ein solches SUV sei also nicht breiter oder länger als gewöhnliche Autos und beanspruche daher auch nicht mehr Platz als diese auf der Fahrbahn oder beim Parken. Werners Kollege Thomas Schubert, amtlich anerkannter Prüfer beim TÜV, pflichtet dem bei. "Inzwischen gibt es SUVs ja sogar schon im Kleinwagensegment, etwa den Ford Eco Sport, der auf dem Fiesta basiert." Und natürlich sei so ein Modell auch viel leichter als beispielsweise ein Porsche Macan. Wäre der Unfall in Berlin anders verlaufen, wenn statt des großen SUVs ein umweltfreundliches Elektroauto beteiligt gewesen wäre? TÜV-Experte Schubert glaubt das nicht. "Vielleicht hätten wir dann zusätzlich noch einen Großbrand gehabt", meint er im Hinblick auf die Lithium-Ionen-Akkus in E-Fahrzeugen.

Rudolf Angerer, Vorstandsvorsitzender der Innung des Kfz-Gewerbes in der Oberpfalz und im Kreis Kelheim, hält von der Diskussion um SUVs wenig. Auch er sagt: "Ein VW-Bus beispielsweise, ein Lieferwagen oder ein größeres E-Auto sind bei einem Unfall nicht weniger gefährlich. Die müssten wir dann genauso verbieten." Der Akku eines E-Mobils könne bis zu 900 Kilogramm und das Fahrzeug damit gut zweieinhalb Tonnen wiegen, und wenn der Akku erst einmal brenne, sei er fast gar nicht zu löschen. Grundsätzlich sei jedes Fahrzeug heute "in sich sehr sicher", sagt der Innungspräsident. "Aber natürlich hat bei einem Unfall der Kleinere die schlechteren Karten."

Verbraucher gefragt

Angerer sieht die Verantwortung beim Verbraucher: "Die Menschen heutzutage wollen größere, breitere Autos. Würde die keiner mehr kaufen, würde morgen schon die Produktion eingestellt. Die Nachfrage entscheidet." Die SUV-Käufer kämen aus allen Altersgruppen und Schichten, "das reicht von der jungen Familie, die mehr Platz im Auto haben will, bis zum Rentner, der höher sitzen möchte". Das Kraftfahrzeuggewerbe sei grundsätzlich für alles offen, betont Angerer. "Wenn es um die Umwelt geht, müssten wir aber alle umdenken, auch die Bevölkerung." Er sieht die Zukunft in einem "Mix": "Sharing-Modelle, in den Städten E-Mobilität, auf Langstrecken macht der Diesel Sinn. Aber gerade im ländlichen Raum sind wir davon noch weit entfernt, da wird das alles noch lange anders sein."

Definition:

Was ist ein SUV?

Genau zu definieren, was ein SUV eigentlich ist, fällt schwer. So teilen die Kfz-Zulassungsstellen in den Städten Amberg und Weiden auf Anfrage mit, sie könnten auf die Schnelle keine zuverlässigen Daten über Zulassungszahlen liefern, da die unterschiedlichen Hersteller ihre Modelle nach unterschiedlichen Systemen klassifizieren. Tatsächlich kann ein Pkw, der als SUV beworben und verkauft wird, in Wirklichkeit per Definition der Straßenverkehrszulassungsordnung eigentlich ein Geländewagen sein.

Neben der Antriebsart - Allrad oder nicht -, dem Vorhandensein von Differentialsperren sowie der Bodenfreiheit an Vorder- und Hinterachse spielen auch der vordere und hintere Überhangswinkel der Karosserie sowie der Rampenwinkel des Fahrzeugs eine Rolle für die Einordnung.

"SUV ist nach der Straßenverkehrszulassungsordnung keine Definition", sagt auch TÜV-Experte Johannes Werner. "Darunter fällt landläufig einfach alles, was so ähnlich wie ein Jeep aussieht." Das Kraftfahrtbundesamt in Flensburg verwendet für seine Zulassungsstatistiken die Einteilung in Segmente. Die Eingruppierung der Modelle erfolgt dabei anhand optischer, technischer und marktorientierter Merkmale, die so jedoch nicht in den Zulassungsdokumenten enthalten sind.

Zu den Geländewagen zählen laut Kraftfahrt-Bundesamt in Deutschland alle Pkw-Modelle mit einer "Typgenehmigung als M1G-Fahrzeug gemäß Richtlinie 2007/46/EG". Ohne diese Typgenehmigung werden Pkw-Modelle mit Offroad-Charakter im Segment "SUVs" ausgewiesen. Die von den Zulassungsbehörden mitgeteilte und im Zentralen Fahrzeugregister eingetragene Fahrzeugklasse und Aufbauart ist hingegen nicht maßgebend. (m)

Info:

Unfallforschung

Mit dem Ziel, durch wissenschaftliche Erkenntnisse eine Steigerung der allgemeinen Verkehrssicherheit zu erreichen, hat das Universitätsklinikum Regensburg mit der Unterstützung der Audi AG und des Bayerischen Staatsministeriums des Inneren die "AARU Verkehrsunfallforschung" ins Leben gerufen. Bezüglich einer speziellen Gefährdung durch die Bauweise von SUVs teilt ein Sprecher von Audi in Ingolstadt mit:

"Die Ursachen für Verkehrsunfälle sowie deren Verläufe sind ebenso vielfältig und vielschichtig wie die Gründe für resultierende Unfallfolgen. Aus dem vorgenannten Sachverhalt und auf der Basis unserer Marktbeobachtungen (zum Beispiel Audi Unfallforschung) sehen wir keine signifikante Erhöhung von Unfallfolgen für die Insassen bei Unfällen von SUV zu Kleinwagen im Vergleich zu anderen Unfällen unterschiedlicher Unfallgegner (Oberklasselimousine und Kleinwagen oder LKW und Kleinwagen), die sich allein auf die Eigenschaft der Fahrzeughöhe beziehen lässt." (m)

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