12.04.2019 - 10:44 Uhr
FalkenbergOberpfalz

Endspurt gegen Polio

Obwohl der Polioerreger in den meisten Ländern besiegt ist, gibt es im Kampf gegen Kinderlähmung noch viel zu tun. Nun informierte Dr. Jan Matussek aus Berlin Engagierte und Interessierte auf Einladung des Rotary-Clubs über das Virus.

Jeff Beer (links), Präsident des Rotary-Clubs Stiftland, gewann den Berliner Arzt Jan Matussek (Mitte) für eine Info-Veranstaltung in der Burg Falkenberg. Foundation-Beauftragter Hubert Rustler (rechts) organisierte den Vortrag.
von Redaktion ONETZProfil

Mit der Initiative "End Polio Now" und dem Programm "Polio Plus" will der Rotary-Club das Poliovirus aus der Welt schaffen. Foundation-Beauftragter Hubert Rustler organisierte dazu eine Veranstaltung in der Burg Falkenberg. Club-Präsident Jeff Beer hatte dafür Dr. Jan Matussek, Chefarzt für Kinderorthopädie und -traumatologie am "Helios Klinikum Emil von Behring" in Berlin, gewonnen. Er sprach über seine Arbeit im Ausland, Erfolge und Herausforderungen.

Bleibende Lähmungen

Als Einstieg erzählte der Experte, dass er selbst zu der Generation gehöre, die noch viele an Polio erkrankte Menschen in Deutschland erlebt hat. Heutzutage gebe es das Virus bei uns zwar nicht mehr, doch in einigen afrikanischen Ländern leiden die Menschen noch immer an den Folgen der Erkrankung. Die Poliomyelitis befällt hauptsächlich Nervenzellen, die für die Steuerung von Muskeln zuständig sind und im Rückenmark sitzen. Das könne zu bleibenden Lähmungen oder sogar zum Tod führen. "Theoretisch überträgt sich Polio wie ein Schnupfen", vereinfachte der Referent seine Erklärung. Bei schlechten Hygiene-Bedingungen breite sich das Virus zum Beispiel durch Tröpfcheninfektion aus. Anders als man vermuten könnte, würden 95 Prozent der Menschen, die mit Polio infiziert sind, allerdings nicht krank. Der Körper von Betroffenen könne das Virus jedoch an andere übertragen und bilde Antikörper. Vier Prozent der Infizierten leiden an einer Art Grippe und bekommen zum Beispiel Fieber, so der Arzt. Nur ein Prozent dieser Menschen trage dagegen eine Lähmung davon. Laut Dr. Matussek trete diese erst nach zwei bis zwölf Tagen nach Befall auf.

Um die Lebenssituation der Leidenden zu verbessern, reiste Dr. Matussek in seiner Freizeit im vergangenen Jahrzehnt jeweils etwa zwei Wochen jährlich mit Operationsteams nach Indien. Dort stoße man Menschen, die an Polio erkrankt sind, von der Gesellschaft aus. "Da sich Betroffene keine Schienen oder Rollstühle leisten können, müssen sie mit gelähmten Beinen auf dem Boden kriechen, um sich fortzubewegen", schilderte der Berliner Arzt seine Eindrücke. Mit orthopädischer Chirurgie half er dort vor allem Kindern. Zwar könne man den gelähmten Menschen das Gehen nicht mehr vollständig ermöglichen, aber nach entsprechenden Eingriffen sei es ihnen beispielsweise möglich, Schienen zu verwenden. Zur Anpassung solcher Hilfsmittel sind oftmals auch Techniker bei den Auslandseinsätzen dabei.

"Wenn man nur einen Menschen ein Stück weit aus der Misere retten kann, dann ist es die Arbeit schon wert", fasste Dr. Matussek seine Motivation zusammen. Neben seinen Erfahrungsberichten, die er mit einer Diashow untermalte, informierte der Referent die Interessierten über die Geschichte von Polio. Das Virus habe es wohl schon bei den alten Ägyptern gegeben. Jedoch habe sich die sogenannte Kinderlähmung erst zu Zeiten der Industrialisierung zu einer Epidemie entwickelt.

Nahe am Ziel

Mittlerweile sei Polio in den meisten Ländern ausgelöscht. "Rotary ist nahe am Ziel", der Kampf gegen die Krankheit geht jedoch weiter. "Ähnlich wie bei einem Marathon sind die letzten Kilometer die schwersten", beschrieb Dr. Matussek den Kampf gegen Polio. Ein weiteres Ziel der Aktionen sei es, ein Stück weit auch die Regierungen betroffener Länder dazu zu bewegen, sich bei der Beseitigung der Krankheit zu engagieren. Oftmals seien auch extreme religiöse Anschauungen oder kulturelle Differenzen Gründe dafür, dass Menschen in Ländern wie Pakistan oder Afghanistan nicht geimpft werden können. Die Rotarier hoffen, bis zum Jahr 2020 die Übertragungskette von Kinderlähmung unterbrochen zu haben. Das könne mit konsequenten Impfungen erreicht werden. Anschließend an den Vortrag gab es die Möglichkeit zur Diskussion.

Der Rotary-Club, der in diesem Jahr sein 25-jähriges Bestehen feiert, trägt nicht nur mit direkten Geldspenden, sondern auch mit verschiedenen Aktionen dazu bei, die Welt von Polio zu befreien. Für die Initiative "End Polio Now" mit dem Programm "Polio Plus" sammeln sie beispielsweise Kunststoffdeckel von Getränkeflaschen, die recycelt werden. Der Erlös daraus deckt die Kosten von Impfdosen. Außerdem verkaufen die Mitglieder Pakete voller Tulpenzwiebeln, von denen pro Paket je fünf Euro dem Programm zufließen. Ein weiteres Projekt, um Geld für die Beseitigung der Krankheit zu sammeln, ist eine Sonderbriefmarke, die "Poliobriefmarke".

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