04.05.2020 - 09:00 Uhr
FlossenbürgOberpfalz

"Ganz allein in der Hölle" – Shelomo Selinger stellt sich grausamer Vergangenheit im KZ Flossenbürg

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Vor 75 Jahren betrat Shelomo Selinger als Häftling zum ersten Mal das KZ Flossenbürg. Kurz vor der Corona-Krise besuchte der 91-Jährige als weltberühmter Bildhauer die Gedenkstätte – und erinnert sich an seine traumatische Jugend.

Der französische Bildhauer Shelomo Selinger erinnert sich an seine grausame Vergangenheit in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg.
von Mona-Isabelle Aurand Kontakt Profil

Dienstag, 13. Februar 1945. Ein Zug mit offenen Waggons trifft in Flossenbürg ein. Darin: 2000 Häftlinge, abgemagert, frierend, verzweifelt. Sie kommen aus dem Konzentrationslager Groß-Rosen, das kurz zuvor geräumt wurde. Einer von ihnen ist der 16-jährige Shelomo Selinger. Das Konzentrationslager Flossenbürg im Landkreis Neustadt/WN ist für ihn – wie für viele andere – eine Zwischenstation auf seinem langen Leidensweg. Genau 75 Jahre später kehrt der gebürtige Pole zurück an diesen Ort des Schreckens, der ihn so sehr geprägt hat.

Donnerstag, 13. Februar 2020. Auch diesmal ist es kalt. Begleitet von dicken Schneeflocken peitscht der eisige Wind über das Gelände der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg. Die ehemalige Häftlingsküche ist hell erleuchtet. Dort, wo einst die Verpflegung für die Gefangenen zubereitet wurde, sind Skulpturen aus massivem Granit ausgestellt. Die Besucher der Vernissage warten gespannt auf einen Mann: den Künstler – Shelomo Selinger. Ein Holocaust-Überlebender.

Selingers Kunst dreht sich hauptsächlich um die Freude am Leben, seine Familie und das Überlebthaben. Die Erinnerungskunst an die Shoah macht nur einen Bruchteil seines Schaffens aus. Und doch sind es gerade diese Werke, die in der Öffentlichkeit stehen und ihn bekannt machen: das Mémorial national des Déporté de France für die Gedenkstätte des ehemaligen Sammel- und Durchgangslagers in Drancy (Paris) oder das erst 2018 eingeweihte Shoah-Mahnmal „Kaddisch“ – benannt nach einem der wichtigsten jüdischen Gebete – für die Opfer des Holocaust in Luxemburg. Kurz vor der Corona-Krise reiste der Künstler aus seiner Wahlheimat Paris nach Deutschland, um seine Werke in Flossenbürg zu präsentieren.

Shelomo Selinger enthüllt 2016 sein Shoah-Denkmal im ehemaligen Sammel- und Durchgangslager Drancy (Paris).

„Es fällt schwer, wieder hier zu sein“

Mit tosendem Applaus werden der 91-Jährige, seine Frau Ruth und sein Sohn Rami schließlich in der Oberpfalz empfangen. Trotz der grausamen Erlebnisse seiner Vergangenheit sprüht Shelomo Selinger auch heute noch voller Lebensfreude. „Es fällt mir schwer zu begreifen, wieder hier in Flossenbürg zu sein“, gesteht er. Der Gestank des Krematoriums, das Tag und Nacht in Betrieb war, liegt ihm noch immer in der Nase. Das plumpsende Geräusch, wenn jemand aus dem Bett geworfen wurde, weil er keine Wärme mehr ausstrahlte und demnach tot sein musste, klingt ihm noch immer in den Ohren. „Bumm.“

In Kohlezeichnungen hält Shelomo Selinger seine Erlebnisse in Flossenbürg fest - wie den Gefangenentransport von Groß-Rosen nach Flossenbürg.
In Kohlezeichnungen hält Shelomo Selinger seine Erlebnisse im Konzentrationslager Flossenbürg fest - hier den Alltag im Steinbruch.

Geboren und aufgewachsen ist Shelomo Selinger im polnischen Szczakowa-Jaworzno, einem Ort etwa 30 Kilometer von Auschwitz entfernt. Er hat eine glückliche Kindheit. Urlaub in den Bergen, Skifahren in den Ferien, Besuche bei der Großmutter. Dann marschieren die Deutschen in Polen ein und eine Odyssee durch die Hölle beginnt für den damals elfjährigen Juden: das Ghetto in Krenau, die Trennung von Mutter und den beiden Schwestern, der frühe Tod des Vaters, zwei Todesmärsche. Und insgesamt neun Konzentrationslager.

Eine glückliche Kindheit: Shelomo Selinger (links) 1935 mit seiner Mutter Hélena und seinen Schwestern Rujia und Sara.

Nach seinen traumatischen Erlebnissen leidet Selinger sieben Jahre lang an Amnesie, kann sich an nichts mehr erinnern. „Die Natur hat mir das Vergessen ermöglichst, indem sie mein Gedächtnis verschleierte“, sagt Shelomo Selinger heute. Wenn er zurückdenkt, ist ihm selbst nicht ganz klar, wie er sich wieder hat aufrappeln können. Doch etwas scheint ihm Hoffnung gegeben zu haben. Ein Schatz, den er die ganze Zeit über in sich trug. „Das war die Liebe meiner Eltern. Die gab mir diesen Willen, dass ich immer glaubte, ich würde überleben“, sagt er. Seine Eltern lebten zu diesem Zeitpunkt nicht mehr.

„Überleben für einen weiteren Tag“

Drei Monate, nachdem Shelomo und sein Vater Abraham ins Lager Faulbrück in Niederschlesien, ein Außenlager des Konzentrationslagers Groß-Rosen, deportiert worden waren, wurde Abraham Selinger schwächer. Er hatte seinem Sohn immer wieder die größere Portion Brot überlassen. „Wenn ich über Brot spreche, denken die Leute, ich spreche über Brot“, erklärt Selinger. „Es handelt sich aber nicht um Brot. Es handelt sich um das Überleben für einen weiteren Tag.“ Zudem war Abraham Selinger auf der Baustelle, auf der er eingesetzt wurde, Beleidigungen und brutalen Schlägen ausgesetzt. Bis er blutüberströmt war.

Das Portrait von Shelomo Selinger entstand 1942 im Ghetto. Das Foto schickte er an seine Schwester Sara, die bereits deportiert worden war.
Shelomo Selingers Vater Abraham Selinger im Jahr 1938.

„Eines Tages hat man mir gesagt, dass man sich jetzt gut um meinen Vater kümmern würde. Man werde ihn in ein Erholungslager bringen.“ Nach dem Krieg erfuhr Selinger, wie sein Vater in diesem sogenannten Erholungslager auf grausame Art und Weise ermordet wurde. „Man führte ihm einen Schlauch in den Mund und ließ Wasser hineinlaufen, sodass er von innen platzte.“ Bei all der Brutalität, die Selinger in seinen jungen Lebensjahren über sich ergehen lassen musste, bezeichnet er den Moment, als man ihm seinen Vater wegnahm, als den schrecklichsten, „als ich mich ganz allein in der Hölle wiederfand“. Mit 14 Jahren.

Über die Lager Gröditz (Sachsen), Marktstadt und Fünfteichen gelangte er ins KZ Groß-Rosen (jeweils Niederschlesien). Zu diesem Zeitpunkt waren die Lager schon hoffnungslos überfüllt. Die Gefangenen wurden in Höhlen gepfercht, weil in den Baracken kein Platz mehr war. Wer auch hier nicht mehr reinpasste, wurde unter Schlägen hineingepresst, erinnert sich Selinger. Die „Vernichtung durch Arbeit“ ging weiter. Die Häftlinge mussten in Steinbrüchen für die Deutsche Erd- und Steinwerke GmbH hochwertigen Granit abbauen – ebenso wie in Flossenbürg. Der KZ-Häftling Shelomo Selinger kam hier mit dem Werkstoff in Berührung, den der Bildhauer Shelomo Selinger später am liebsten für seine Monumentalwerke nutzt. Diesem magmatischen Tiefengestein.

Ein Blick von oben auf die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg

Flossenbürg

„Man hat uns aufgetaut“

Anfang 1945 geht die Tortour für Selinger weiter – nach Flossenbürg. Die Passagiere erfrieren teilweise in den offenen Wagons. Hin und wieder bekommen sie etwas zu essen. Sie lutschen den Schnee. Um den Durst zu löschen, trinken sie ihren eigenen Urin. „Ich weiß nicht, wie lange wir unterwegs waren.“ Nach der Ankunft in Flossenbürg wurde den Häftlingen die alte Kleidung abgenommen, sie wurden ins Bad gebracht. „Wir hatten Angst, dass es Gaskammern seien“, erinnert sich Shelomo Selinger. „Aber nein, da war warmes Wasser.“ Ein Wunder. „Man hat uns aufgetaut.“ Dann erhielten die Gefangenen neue Kleidung – und eine neue Häftlingsnummer. 49514 lautete die, unter der Shelomo Selinger registriert wurde. Jahre später erst hat Selinger diese Nummer in den Archiven der Gedenkstätte wiedergefunden. Und mit ihr einen Teil seiner Identität.

Das Lagergelände des KZ Flossenbürg um 1940.

Zwei Wochen war Shelomo Selinger in Quarantäne in einer Baracke neben dem Krematorium untergebracht, das rund um die Uhr in Betrieb war – „weil es so viele Tote gab“. Es gab nur wenig zu essen. „Man verhungerte oder starb durch die Zwangsarbeit.“ Doch das war nicht das Schlimmste für Shelomo Selinger. Noch mehr setzte ihm die Schönheit der Landschaft zu, die ihn in Flossenbürg umgab. Die Idylle der Burgruine und des Oberpfälzer Waldes. Dagegen gehörten die Grausamkeit, die absolute Entmenschlichung für ihn inzwischen zur Normalität: „Der Schmutz, die Folter, das Ungeziefer, das uns auffraß, der Hunger, der uns aushöhlte, das war mein Leben“, beschreibt Selinger seine Jugend. „Aber die Schönheit konnte ich nicht ertragen. Das war eine Beleidigung für mich, dass die Schönheit noch existierte.“ Sein Blick für Ästhetik, der in den 1950er Jahren einen Bildhauer und Zeichner aus ihm machen sollte, zermürbte, traumatisierte ihn. Er begann, die Schönheit zu hassen.

Essensappell im Steinbruch, 1942.
Todestransport aus Leitmeritz, heimliche Aufnahme eines unbekannten tschechischen Fotografen, 29. April 1945.

„Wiedergeboren in der Wüste von Judäa“

Nach seiner Befreiung reist Shelomo Selinger über Umwege in Richtung Palästina. Israel wird für den Juden zu einem weiteren Schicksalsort – diesmal einem positiven. Er findet wieder zurück ins Leben: „Da war eine Frau, die mich zum Leben hinführte und zur Dichtung. Sie brachte mich dazu, die Augen zu heben und die Schönheit der Wüste von Judäa zu erblicken. So wurde ich wiedergeboren in der Wüste von Judäa.“ Hier lernt er auch die Liebe seines Lebens kennen – Ruth Shapirovsky, die er 1954 heiratet und drei Kinder mit ihr bekommt. Sie erkennt den Künstler in ihm. Und mit der Kunst kehren auch die Erinnerungen zurück. Die Albträume, die ihn Nachts plagen, verwandelt er mit der Zeit in Kunstwerke. In Monumente.

In Israel lernt Shelomo Selinger die Liebe seines Lebens, Ruth Shapirovsky, kennen. (1953)
1954 heiraten Ruth und Shelomo Selinger (Mitte).

1955 zieht Shelomo Selinger mit seiner Frau nach Paris, um an der Ècole des Beaux Arts bei Marcel Gimond Kunst zu studieren. Inzwischen ist er einer der weltweit bekanntesten französischen Bildhauer. Selbst mit 91 Jahren ist er täglich in seinem Atelier beschäftigt. Seine Skulpturen bestehen hauptsächlich aus Holz, Bronze – oder Granit. Er hat sich bewusst für diesen extrem harten, widerstandsfähigen Werkstoff entschieden. Dessen Zweideutigkeit hat es ihm angetan. Auf der einen Seite verbindet er mit dem Granit – aufgrund der Steinbrüche in Groß-Rosen und Flossenbürg – die Zwangsarbeit und das unmenschliche Vernichtungsprogramm der Nationalsozialisten. Auf der anderen Seite sagt er: „Die Härte des Materials widerspricht der Zerbrechlichkeit des Menschen. Granit ist für mich ein Werkstoff der Liebe. Gegen Hass.“

Bis heute arbeitet Shelomo Selinger täglich in seinem Atelier in Paris (1970).
Shelomo Selinger im Februar 2020.
Dem Tod zweimal entkommen:

„Ich wusste, ich sterbe“

Shelomo Selinger erinnert sich inzwischen – nach langjähriger Amnesie, verursacht durch die Schrecken des Dritten Reiches – an Szenen seiner KZ-Zeit. Unter anderem an regelrechte Zeremonien, in denen Gefangene, die bestraft werden sollten, reihenweise erhängt wurden. Schreckliche Aktionen, die im KZ Groß-Rosen in Niederschlesien zum Alltag gehörten. Der Vorgang sei immer der Gleiche gewesen, erzählt Selinger. Erst musste für jeden Strick ein Häftling gefunden werden – teilweise auch wahllos. Dann begann das Töten.

Schon früh hatte Selinger den ersten Kontakt mit dem Tod. Kurz nach der Invasion der Deutschen in Polen musste der Zwölfjährige mit ansehen, wie sein ehemaliger Lehrer Aharon Diamant gehängt wurde. Noch am Galgen hörte Selinger den Mann ein Gebet auf Hebräisch aufsagen. „Und dann wurde der Stuhl weggenommen.“

Die Angst, dass das Leben im nächsten Augenblick zu Ende sein könnte, musste auch der junge Shelomo Selinger am eigenen Leib in Groß-Rosen erfahren. Eines Tages packte ein Kapo, ein Funktionshäftling, Selinger, fesselte ihm die Hände auf dem Rücken und brachte ihn zum Schafott. „Diese Angst ist keine normale Angst. Die dreht einem alle Gedärme um. Ich wusste, ich sterbe, es ist vorbei.“ Nur ein Gedanke strömt durch seinen Kopf: „Ich kenne die Gebete von Aharon Diamant nicht.“ Ohne ein Gebet und vollkommen verdreckt vom Durchfall sollte Selinger sterben. „Aber als ich vor dem Schafott ankam, sagte der SS-Mann: ,Ah, wir haben schon genug.‘ Und anstelle eines Akteurs war ich Zuschauer.“

Noch ein weiteres Mal entkam Shelomo Selinger dem Tod nur knapp. Nach seinem kurzen Aufenthalt in Flossenbürg durchlebte der junge Mann die Außenlager Dresden und Leitmeritz. Von dort führte ihn sein zweiter Todesmarsch nach Theresienstadt. Vollkommen entkräftet kommt er mehr tot als lebendig an. „Sie haben mich zu den Toten gelegt“, erzählt er. Die Rote Armee war bereits eingetroffen. Ein Militärarzt stellte fest, dass Selinger noch minimal atmete – und brachte ihn ins Lazarett. „Ich bin davon überzeugt, dass er nicht das Recht dazu hatte. Denn rechts und links von mir lagen Kriegsverwundete.“ Mithilfe der Krankenschwestern und des Krankenhausdirektors kam er allmählich wieder zu Kräften. Den Namen seines Retters kennt er bis heute nicht.

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