12.07.2019 - 09:51 Uhr
FlossenbürgOberpfalz

Gratwanderung für Künstler

Wie sehr beeinflusst ein Stempel die Wahrnehmung? Die Ausstellung "Gratwanderung" in der KZ-Gedenkstätte zeigt Bilder und Texte, die entstanden sind in seelischen Krisen. Was, wenn sie gezeigt würden unter dem Etikett Hochbegabung?

Ausstellungseröffnung im Beisein von zwei der Künstler: Thomas Plecher (Dritter von rechts) und Simone Raß (rechts); mit im Bild Elke Steinberger von der Katholischen Jugendfürsorge, Gedenkstättenleiter Jörg Skriebeleit, Bezirkstagsvizepräsident Lothar Höher, Ursula Wohlfeld und Klaus Nuißl (von links).
von Gabi EichlProfil

Die Wanderausstellung, ein Projekt der Katholischen Jugendfürsorge, des Bezirks Oberpfalz und des Vereins "Irren ist menschlich", ist bis zum 3. September in der ehemaligen Häftlingsküche zu sehen. Sie ist Ergebnis eines Wettbewerbs für Künstler mit der Erfahrung einer seelischen Krise. Die überwiegende Zahl der Bilder ist bereits verkauft, denn die Ausstellung reist schon gut eineinhalb Jahre durch die Oberpfalz.

Die Krisenerfahrung hinter den Bildern und Texten soll jedoch bewusst nicht verschleiert werden, denn es geht den Machern des Projektes auch darum, den Blick auf Menschen mit psychischen Erkrankungen zu lenken, wie Bezirkstagsvizepräsident Lothar Höher bei der Ausstellungseröffnung sagt. Und es geht darum, zu zeigen, dass die vermeintlich "Anderen" Teil einer Gesellschaft seien, in der immerhin jeder Dritte in seinem Leben einmal psychisch erkranke.

Dieses Thema an die Öffentlichkeit zu tragen, wie es der Verein "Irren ist menschlich" mit diesem Projekt getan habe, sei "längst überfällig" gewesen. Denn psychisch Erkrankte seien von der Barrierefreiheit "noch weit entfernt". Höher sagt wörtlich: "So bietet dieses Projekt die Chance, Strukturen aufzubrechen, Veränderungen zu wagen und Neues anzugehen."

Ein und dieselbe Quelle

Das Projekt und den inzwischen über 20 Jahre alten Verein dahinter stellt das Vorstandsmitglied Klaus Nuißl vor, der bekennt, selbst Psychiatrieerfahrung zu haben, was er sehr lange versteckt gehalten habe. Nuißl erzählt von der inzwischen 102-jährigen sehr erfolgreichen Bildhauerin Dorothea Buck, die nach fürchterlichen Psychiatrieerfahrungen ihr langes Leben lang für eine menschenwürdige Psychiatrie kämpft und die eigenen Worten zufolge aus derselben Quelle ihre Kunst nährt, aus der auch ihre Psychose entstieg.

Das Projekt "Gratwanderung" sei angelegt als ein Beitrag zur Entstigmatisierung, wohlwissend, dass der Stempel, den die Bilder tragen, deren Wahrnehmung durchaus beeinflussen könne.

Das Projekt wolle gleichzeitig einen Beitrag leisten, ins Gespräch zu kommen. Nuißl sagt: "Springen wir über unseren Schatten, auch anstrengenden Menschen gegenüber. (…) Das ist die beste Vorsorge vor dunklen Zeiten, in denen sich die Menschen gegenseitig umbringen." Von dem Wunsch, die Energie dieser Bilder möge heilend sein an einem traumatisierten Ort wie der KZ-Gedenkstätte, spricht Ursula Wohlfeld vom Referat Heimatpflege, Kultur und Bildung des Bezirks, bei der im Vorfeld des Projektes die Fäden zusammengelaufen sind. Monika Schüßler, die Preisträgerin in der Sparte Literatur, liest ihr preisgekröntes Gedicht "Zerreißprobe" (siehe Kasten); auch sie kennt Krisen seit ihrer Kindheit.

Info:

Zerreißprobe

Als es mir einmal sehr schlecht ging und mein Leben dann an jenem seid´nen Faden hing, den ich der Spinne gleich im freien Fall mir hat gesponnen, da hört´ ich Worte, freundlich, wohl gesonnen: Laß dich nicht hängen, reiß dich zusammen!

Ich soll mich zusammen reißen? Sag´, wie kann diesen Widerspruch ich je erfüllen? Fürcht´ ich doch, der Faden reißt, halt´ ich fest an der Verrücktheit dieser Welt. Monika Schüßler

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