27.04.2021 - 17:36 Uhr
FlossenbürgOberpfalz

Mehr als ein Gedenkort: 32-Meter-Skulptur symbolisiert Flossenbürg im Wandel

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Besucher hat die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg zurzeit kaum. Geht nicht anders. Mit einer neuen Ausstellung bringt sich der Ort aber wieder in Erinnerung. Das soll dank einer spektakulären Skulptur auch schon bald kaum zu übersehen sein.

"Die Sichtung" ist eine schlanke Riesin. So sieht die Stahlkonstruktion von außen aus.
von Friedrich Peterhans Kontakt Profil

Bloß nicht das T-Wort verwenden. Darauf legen Hildegard Rasthofer und Christian Neumaier wert. Sie haben eine 32 Meter hohe Skulptur geschaffen, die sie an wechselnden Plätzen installieren und mit der jeweiligen Landschaft in Beziehung setzen. Der Ausdruck "Turm" wird diesem Anliegen nicht gerecht.

Die Stahlkonstruktion namens "Sichtung IV" steht für mehrdimensionales Erleben: Hören, Sehen, Vergleichen, Einordnen. Die Zahl IV dokumentiert den insgesamt vierten Standort, an dem das Ganze demnächst zu sehen ist. "Die Skulptur wandert an Orte, an denen sich eine spannungsreiche Wechselwirkung mit der Umgebung ergibt. Der Genius Loci muss uns überzeugen", sagt Hildegard Rasthofer.

Der Genius Loci, der Geist des Ortes Flossenbürg, hat viel Gemeinsames in den Anschauungen des Künstlerehepaars, des KZ-Gedenkstättenleiters Jörg Skriebeleit, des Bürgermeisters Thomas Meiler und der Gemeinderatsmitglieder zum Vorschein gebracht. "Die Sichtung setzt das in Beziehung, was Flossenbürg ausmacht: Granit, Gedenkstätte, Burgruine. Und sie respektiert, was aktuell geschieht, etwa mit dem Steinbruch," sagt Skriebeleit. Der Steinbruch soll 2024 Teil der Gedenkstätte werden.

Höchstens bis zum Herbst zu sehen

Skriebeleit unterstreicht, dass die stählerne Landmarke keine "Gedenkskulptur" sein soll. Das verhindert schon der Zeitplan. Die "Sichtung" soll ab 17. Mai aufgebaut und ab 21. Mai kostenfrei für die Öffentlichkeit zugängig gemacht werden. Genehmigt ist dies alles zunächst für drei Monate, eventuell gibt es eine Verlängerung. Spätestens im Winter verschwindet die Raum- und Klangvertikale wieder und wird an einem neuen Ort aufgebaut.

Für Rathauschef Thomas Meiler geht dies alles in die richtige Richtung. "Wir müssen wegkommen vom Denken Flossenbürg=KZ. Daher müssen wir neue Verknüpfungen möglich machen." Flossenbürg stehe immer öfter für Veränderung. "Allein wenn ich an meine sechs Jahre Amtszeit zurückdenke", betont Meiler. "Inzwischen sind wir sogar Universitätsstandort."

Durch die schlimme Vergangenheit bleibe Flossenbürg indes ein Ort, der mehr leisten müsse als andere. Umso mehr freut Meiler und Skriebeleit, dass sie zusammen mit dem Gemeinderat in Sachen Sichtung gleich einen Konsens gefunden haben. Alle sehen es so, dass die 32-Meter-Installation für Zukunft und Weiterentwicklung stehe. Als Ausrufezeichen gewissermaßen. Denkt man an die Debatte um das Steinhauerhaus, klingt dies keinesfalls selbstverständlich.

Ein Video zur Entstehung der Sichtung 2018 in Rasthofen

Die "Sichtung" soll auf staatlichem Grund ihren Platz finden, zwischen dem einstigen Verwaltungsgebäude der SS-Firma Deutsche Erd- und Steinwerke (DESt) und dem Eingang zum Steinbruch. Halb im Wald, ragt sie über die Baumgrenze hinaus und setzt einen Kontrapunkt zur Burgruine gegenüber.

Hoch, schmal und schwer

Die Maße machen die Skulptur filigran und kolossal zugleich. Sie besteht aus 70,4 Tonnen Stahl. Der Grundriss umfasst nur 2,4 mal 2,4 Meter. Darauf werden 13 Kuben à 4,8 Tonnen übereinander gesetzt. Im Innern führt eine Treppe 156 Stufen nach oben. Fenster und Nischen geben Blicke in jede Richtung frei.

"Je nach Wetterlage oder Schuhwerk, das man beim Begehen trägt, erlebt man es jedes Mal anders", sagt Rasthofer über ihr Werk. Der Klang der eigenen Schritte, die unterschiedlichen Perspektiven, das Licht, das vertikale und horizontale Raumempfinden – all dies soll das Objekt zum Ereignis machen.

In Nicht-Corona-Zeiten dürften maximal zwölf Menschen gleichzeitig die "Sichtung" betreten. Unter den gegebenen Umständen wird es immer nur eine Familie sein. Skriebeleit und sein Team arbeiten an einem Registrierungssystem mit buchbaren Besichtigungszeiten.

Der Gedenkstättenleiter wurde 2019 auf die "Sichtung" aufmerksam, als er für die Ausstellung "UN SICHTBAR. Der KZ-Komplex Flossenbürg heute" mit dem Architekturfotografen Rainer Viertelböck und Kuratorin Nicola Borgmann zusammenarbeitete. Sie empfahlen ihm, sich die Skulptur mal anzusehen, die zuletzt in München und Unterammergau für Furore sorgte. Sie hat ihn überzeugt.

Die Pläne zur ersten Ausstellung der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg im früheren DESt-Gebäude

Flossenbürg

Die Entscheidung zur Zukunft des ehemaligen KZ-Steinbruchs in Flossenbürg

Flossenbürg
Die rot-weiße Absperrung im Waldstück am Eingang des ehemaligen KZ-Steinbruchs zeigt die Umrisse einer Aufsehen erregenden Architektur-Installation, die dort ab Ende Mai zu sehen sein wird. Auf das Projekt freuen sich (von links) Gedenkstättenleiter Jörg Skriebeleit, Künstlerin Hildegard Rasthofer und Bürgermeister Thomas Meiler.
Auch das Innenleben der Skulptur ist aufregend. Schwindelfreiheit kann allerdings nicht schaden, wenn man die 156 Treppenstufen auf- und absteigt.
Das Künstlerehepaar Hildegard Rasthofer und Christian Neumaier legt beim Aufbau der "Sichtung" selbst Hand an.
Hintergrund:

Zur Person

  • Hildegard Rasthofer wurde 1967 im oberbayerischen Wartenberg geboren. Sie studierte an der Technischen Universität München Architektur.
  • Zusammen mit ihrem Mann, dem 1965 in Haag in Oberbayern geborenen Metallbildhauer und Kunstschmiedemeister Christian Neumaier, hat sie die modulare Skulptur "Sichtung" entworfen.
  • Premiere hatte die Installation als "Sichtung I" 2018 in Reithofen im Landkreis Erding. Als "Sichtung II" kam sie 2019 ins Kreativquartier in München-Neuhausen. Vorerst letzte Station war Unterammergau.
  • In Unterammergau ist die "Sichtung III" Teil der Dauerausstellung im Außenbereich der mSE-Kunsthalle. Von dort wird sie vorübergehend an andere Orte ausgeliehen. Die Kunsthalle wurde 2019 von dem High-Tech-Unternehmer Christian Zott (mSE Solutions) gebaut. Er sammelt seit vielen Jahren zeitgenössische Kunst und organisiert Ausstellungen.

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