10.04.2019 - 18:01 Uhr
FlossenbürgOberpfalz

Von Warschau nach Flossenbürg

Lange Jahre war vergessen, dass auch im Oberpfälzer Flossenbürg die SS-Mordmaschine lief. Seit einigen Jahren wird die Arbeit der KZ-Gedenkstätte international beachtet. Doch das Erinnern verändert sich.

Bild: Hartl KZ-Gedenkstätte Flossenbürg
von Alexander Pausch Kontakt Profil

Bei den Feierlichkeiten zum Gedenken an den 74. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Flossenbürg (Kreis Neustadt/WN) steht dieses Jahr Polen im Mittelpunkt - eine Verbindung, die sich nicht unmittelbar erschließt. 2019 jährt sich der deutsche Überfall auf das Nachbarland zum 80. Mal, vor 75 Jahren scheiterte der Warschauer Aufstand. Daher spricht beim Gedenkakt an diesem Sonntag um 14 Uhr der ehemalige Flossenbürger Häftling Leszek Zukowski. Er hat damals aktiv im Warschauer Ghetto gegen die Nazis gekämpft.

Die Gedenkstätte erwartet in diesem Jahr zehn ehemalige Häftlinge aus sieben Ländern und rund 250 Angehörige. Die Zahl der Zeitzeugen wird geringer, was nicht nur der Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, Josef Schuster, der auch am Sonntag in Flossenbürg sprechen wird, bedauert: "Der authentische Bericht der Zeitzeugen ist durch nichts zu ersetzen", sagte er unserer Redaktion auf Anfrage. Daher wachse nach seiner Meinung die Bedeutung der Gedenkstätten.

"An den Orten der Verbrechen wird für heutige Generationen fassbar, was damals geschehen ist", sagte Schuster. So würden Besucher etwa in der Dauerausstellung der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg auch mit einzelnen Häftlingsschicksalen konfrontiert. "Besucher verlassen eine KZ-Gedenkstätte nicht so, wie sie sie betreten haben." Schuster setzt darauf, dass diese dort das entwickeln, was dringend benötigt werde, "nämlich Empathie mit den Opfern". Schuster betont, um dies zu erreichen müssten die Gedenkstätten allerdings eine gute pädagogische Arbeit leisten. "Sie brauchen dafür mehr Personal und damit auch mehr finanzielle Unterstützung als früher."

Jörg Skriebeleit, Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, verweist darauf, dass, obwohl die Gedenkstätte in den vergangenen Jahrzehnten intensiv mit Zeitzeugen gearbeitet habe, es nur einem Bruchteil der Gruppen und Klassen möglich gewesen sei, an einem solchen Gespräch teilzunehmen. "Die allermeisten Besucher der Gedenkstätte konnten nie einem ehemaligen Häftling begegnen." Die Gedenkstätte bemüht sich, mit Video-Interviews, Audio-Features, Online-Formaten und individuellen biographischen Zugängen die Zeitzeugen-Berichte nachvollziehbar zu machen. Derzeit würde zusammen "mit einem der innovativsten Jüdischen Museen Europas, dem Jüdischen Museum in Hohenems/Vorarlberg, eine gemeinsame Wanderausstellung mit dem Titel ,Das Ende der Zeitzeugenschaft?!' entwickelt, um genau diese Potenziale auszuloten", sagte Skriebeleit.

Für Schuster spielen die Gedenkstätten "beim Kampf gegen Antisemitismus eine ganz wichtige Rolle". Allerdings warnt er davor, diese "nicht alleine mit dieser Aufgabe zu überfrachten". Wenn im Geschichtsunterricht Wissen über die Schoah gut vermittelt worden sei, könne der "Besuch einer Gedenkstätte der entscheidende Schritt sein, damit die jungen Leute ihr Wissen vertiefen und auch einen emotionalen Zugang bekommen". Schuster macht dabei keinen Unterschied zwischen Jugendlichen deutscher Herkunft oder mit Migrationshintergrund. "Wer begriffen hat, wohin der Judenhass der Nazis geführt hat, wird sich heute stärker für den Schutz von Minderheiten und für Toleranz, ja letztlich für den Schutz der Menschenwürde einsetzen."

"In ehemaligen Konzentrationslagern manifestiert sich die Form extremster Menschenverachtung sehr konkret. Daher haben KZ-Gedenkstätten eine sehr wesentliche gegenwärtige Aufgabe", sagte Skriebeleit. Zugleich warnt er vor Vorstellungen, der Besuch einer KZ-Gedenkstätte könne unmittelbar immunisierend wirken. Diese setzten auf differenzierte Bildungsprogramme, bei denen es immer um Fragen der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Grundlagen von Ausgrenzung, Stereotypisierungen und Hass gehe.

Zudem wird die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg als dritte Einrichtung in Deutschland als "Kulturerbe der Vereinigten Staaten von Amerika" anerkannt - neben den beiden Denkmälern "Buchenwald Little Camp Memorial" und "Mittelbau-Dora Holocaust Memorial". In Flossenbürg enthüllt der US-Botschafter in Berlin, Richard Grenell, mit dem Vorsitzenden der US-Kommission für die Bewahrung amerikanischen Erbes, Paul Packer, eine Gedenktafel für die 30 000 Ermordeten des Konzentrationslagers. Die Tafel soll auch an den evangelischen Theologen und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer erinnern, der am 9. April 1945 in Flossenbürg ermordet worden war. Zum Gedenken an ihn entsteht auch eine von der US-Kommission unterstützte Website. Die inhaltliche Gestaltung, unter anderem mit Biografie, Zitaten und Verweisen, übernimmt die evangelische Gedenkstättenarbeit im Dekanat Weiden.

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