06.10.2021 - 18:49 Uhr
GrafenwöhrOberpfalz

Auszeichnung für Vilsecker US-Soldaten: Die Retter der Lipizzaner

Eine Geschichte, die auch nach mehr als 75 Jahren unvergessen bleibt. Soldaten der US-Armee sicherten 1945 mit einer waghalsigen Aktion den Fortbestand der berühmten Lipizzaner Pferde. Nun bedankt sich Österreich bei Vilsecker US-Soldaten.

Der Krieg war offiziell noch nicht beendet als dieses Foto entstand: Dennoch sprechen( rechts) der deutsche Wehrmachtsoffizier Hubert Rudofsky und der US-Oberst Charles Reed die Rettung der Lipizzaner-Pferde ab. Das Foto stammt aus den Stallungen von Hostau (Hostoun).
von Autor MORProfil

Diese Geschichte war gut genug für Hollywood, nun gibt es auch in Österreich eine ganz besondere Auszeichnung für das 2. US-Kavallerieregiment. Ohne die heute in Vilseck stationierte Einheit würde es wohl keine Lipizzaner mehr geben, die berühmten weißen Pferde aus der Wiener Hofreitschule. Gegen Kriegsende waren viele dieser Tiere aus Wien nach Böhmen, aufs Gestüt Hostau, gebracht worden, direkt an der Oberpfälzer Grenze.

Ganz in der Nähe, bei Eslarn, war auch das 2. US-Kavallerieregiment stationiert. Deutschland hatte Ende April 45 den Krieg praktisch verloren, die neuen Grenzen waren nach der Konferenz von Jalta festgeschrieben. Von einem deutschen Geheimdienstoffizier hatte der Befehlshaber der US-Einheit, Oberst Charles Hancock Reed, von den besonderen Tieren erfahren - und auch von der Gefahr in der sie schwebten. "Wir waren uns einig, dass diese schönen Tiere nicht in die Hände der Kommunisten fallen sollten", schreibt Reed in seinen Memoiren. Tatsächlich sollte Böhmen an die UdSSR fallen, die Rote Armee rückte von Osten her immer näher. Die Pferde in den Westen zu holen, missachtete allerdings klar das Abkommen von Jalta. Dennoch stimmte der legendäre General George S. Patton zu: "Get them, Make it fast! Holt sie. Macht schnell!", soll er Reed gesagt haben.

Die folgende "Operation Cowboy" erwies sich wahrlich als filmreif. Das Gestüt befand sich noch in der Hand der Deutschen, in der Nähe hielten sich kampfbereite SS-Einheiten auf, die Rote Armee näherte sich. Doch es gelang, Kontakt zum Hostauer Gestütsleiter, Oberstleutnant Hubert Rudofsky, aufzunehmen. Und der ließ sich überzeugen, dass die Tiere von den hungrigen russischen Soldaten nichts Gutes zu erwarten hätten.

Einmalige Allianz

Eine kleine Task Force unter dem Kommando von Major Robert P. Andrews durchbrach schließlich die Frontlinie. Nach einem Feuergefecht erreichte der Trupp Hostau. Die Bevölkerung, Flüchtlinge aus dem Osten sowie alliierte Kriegsgefangene, Amerikaner, Briten, Franzosen und Polen, säumten die Straßen, schreibt Reed. Detailliert geht er in seinen Aufzeichnungen auf deren spätere Evakuierung ein. Der Pferdebestand setzte sich aus 300 Lipizzanern, der Zuchtherde aus Piber und dem Gestüt Royal Lipizzaner aus Jugoslawien, über "hundert der besten Araber Europas", etwa zweihundert Vollblut- und Trab-Rennpferde und schließlich etwa 600 Kosaken-Zuchtpferde vom Don und dem Ural zusammen, schreibt Reed. Eine seltsame Allianz aus pferdebegeisterten deutschen Soldaten, weißrussischen Kosaken und US-Soldaten bereiteten den Abtransport von rund 370 Tieren vor. Fohlen und trächtige Stuten wurden auf Lkw verladen. Auch auf dem Rückzug gab es Gegenwehr deutscher Truppen, bei Kötzting erreichten die US-Soldaten schließlich wieder gesichertes Gebiet. Zwei US-Soldaten waren laut des Archivs in Vilseck bei der "Operation Cowboy" ums Leben gekommen. "Am 15. Mai 1945 wurden unter dem Schutz der amerikanischen Truppen sämtliche Hauptbeschäler, Mutterstuten und Fohlenjahrgänge über die nahe Landesgrenze nach Bayern gebracht", schreibt Oberstleutnant Rudofsky später über die Rettungsaktion.

Diese blieb innerhalb der US-Armee unvergessen. Vor allem in Vilseck lebt die Erinnerung fort, wo die "Dragoons", die älteste durchgehend aktive Einheit der US-Armee, heute stationiert ist. In den dortigen Rose Baracks gibt es sogar ein "Reed Museum", das nach dem legendären Colonel benannt ist.

Eigenes Reed-Museum

Dort sind heute die Uniform Colonel Reeds, Orden und Ehrenzeichen, sein Feldstecher und einige Erinnerungsstücke zu bestaunen. Museumsleiter James Zadra erzählt, dass der ehemalige "Trophy-Room" der "Dragoons" 1980 zu Ehren des Kommandeurs umbenannt wurde. Ein Teil des Museums ist der "Operation Cowboy" und der Rettung der Lipizzaner gewidmet. In einem Jeep ist der Oberst in Verhandlung mit dem Hostauer Stabsveterinär, Dr. Rudolf Lessing, zu sehen.

Charles Reed starb mit 79. Zuvor hat er seine Erinnerung an die Rettung der Pferde aufgeschrieben, mehrere Autoren griffen die Geschichte auf, auch Hollywood ließ sich den Stoff nicht entgehen: Mit den Schauspielern Robert Taylor, Lilli Palmer und Curd Jürgens entstand der Film "Operation Cowboy".

Dabei war die Geschichte hier noch gar nicht vorbei. Zwischenzeitlich hatte der Leiter der Spanischen Hofreitschule in Wien, Oberst Alois Podhajsky, Verbindung zu General Patton aufgenommen. Die Reitschule hatte vor Kriegsende weitere Lipizzaner nach St. Martin im Innkreis gebracht. Patton war wie Kavallerist Reed pferdebegeistert, 1912 vertrat er die USA bei den Olympischen Spielen im Modernen Fünfkampf, bei dem auch Reiten zu den Disziplinen zählt. In St. Martin ließ er es sich nicht nehmen, den Lipizzaner "Favory Afrika" zu reiten, den Hitler als Geschenk für den japanischen Kaiser Hirohito ausgewählt hatte. Mitte Mai 1945 ließ er Oberst Podhajsky zu den Pferden nach Bayern einfliegen. Zwei Konvois brachten noch im Mai 215 Tiere zurück nach Österreich. Einige Pferde gingen auch in deutsche Zuchtanlagen oder in die USA.

Ehrung in St. Martin

In St. Martin wird am Donnerstag, 7. Oktober, der "Rettung der Weißen Pferde" gedacht. Im Beisein von Soldaten des 2. US-Kavallerieregiments und Vertretern der US-Botschaft wird eine Gedenktafel enthüllt. Initiator der Zeremonie ist Oberst a. D. Elmar Rosenauer. Er ist Obmann der "Kameradschaft Feldmarschall Radetzky" Oberösterreich", einem Traditionsverein. "Mit der Rettung des Weltkulturerbes der Weißen Pferde haben sich die Soldaten verdient gemacht. Was wäre Wien ohne die Hofreitschule."

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