15.09.2021 - 14:16 Uhr
GrafenwöhrOberpfalz

Der "Batman" der Region: Fledermausexperte Markus Liebl

In einem Brustbeutel verstaut wie ein Känguru-Junges trägt Markus Liebl den Zwerg bei Einbruch der Dämmerung zum Jagdplatz. Von heute an ist der Kleine auf sich gestellt. Liebl hat für ihn getan, was ein Mensch für eine Fledermaus tun kann.

Kurz vor der Auswilderung: Die wenige Monate alte Zwergfledermaus zeigt ihre Zähnchen. Markus Liebl hat die Waise aufgepäppelt und in den Haidenaabauen in die Freiheit entlassen.
von Gabi EichlProfil

Markus Liebl aus Bruckendorfgmünd bei Grafenwöhr ist die entscheidende Instanz, wenn es in den Landkreisen Neustadt/WN, Tirschenreuth und in der Stadt Weiden um Fledermäuse geht. Und dennoch: Was der 61-jährige Fledermaus-Betreuer nicht für die Zwergfledermaus tun konnte, die er aufgepäppelt hat, war, ihr das Jagen beizubringen. Das hätte dem „Zwerg“, wie Liebl ihn nennt, nur die eigene Mutter beibringen können. Jetzt schaut der Jugendliche ohne Jagderfahrung sich entweder von seinen Artgenossen ab, wie man Mücken im Flug fängt - oder er hat keine Überlebenschance.

Oberpfalz-Medien hat Liebl beim Aussetzen seines Schützlings begleitet. Liebl wohnt in Bruckendorfgmünd (Stadt Grafenwöhr) an der Haidenaab. Nur etwa 500 Meter von seinem Wohnhaus entfernt, zwischen einem Waldstreifen und den Auen der Haidenaab, jagen sie jeden Abend in der Dämmerung: die großen Arten wie Mausohren und Abendsegler und die Zwergfledermäuse, die zu den häufigsten in Bayern gehören.

Was wird der Zwerg tun, wenn er aus dem Beutel genommen wird? Hoffentlich fortfliegen und nicht auf der Hand sitzenbleiben. Ein letztes Foto von dem Kleinen auf der Hand, vielleicht sogar beim Abflug, das ist der Plan. Dann nimmt Liebl die Fledermaus aus der Brusttasche, die Kamera ist bereit, aber der kleine Mann zögert keine Sekunde - und ist fort. Damit hatte Liebl nicht gerechnet, aber er ist froh. Das ist ein guter Start für den Zwerg, auch wenn der überstürzte Aufbruch zu schnell für ein Foto war.

Liebl hat einen sogenannten Bat-Detektor dabei. Das ist ein Gerät, etwa so groß wie ein Smartphone, das die hochfrequenten Ultraschall-Rufe der Fledermäuse in für den Menschen hörbare Töne umwandelt. Und der Bat-Detektor identifiziert den Zwerg dann tatsächlich immer wieder über den Köpfen Liebls und der Reporterin. Wie das? Aus einem ganz einfachen Grund: Weil der unerfahrene Zwerg noch nicht so rufen kann, wie es für seine Art üblich ist. Und deshalb fällt er auf dem Bat-Detektor auf. Ob er schnell genug das Jagen lernt, kann allerdings auch kein Bat-Detektor zeigen. Aber die Geschwindigkeit, mit der er die Freiheit gesucht hat, lässt das Beste hoffen.

Liebl ist vor vielen Jahren durch das Höhlengehen zur Fledermaus gekommen, das er eine Weile als Hobby betrieben hat. Der frühere Qualitäts-, Umwelt- und Energiemanager bei der Post ist im engagierten Vorruhestand, was bedeutet, dass man sich in einem Verein - hier der Landesbund für Vogelschutz (LBV) - ehrenamtlich einbringen muss. Da Liebl vorher jahrzehntelang schon als Fledermausschützer aktiv war, bot sich an, das zu verbinden.

Inzwischen ist Liebl ein bayernweit anerkannter Fledermaus-Experte. Zuletzt durfte er auf einer Tagung von Nordbayerns Fledermausschützern vor ausgewiesenen Profis aus ganz Europa sprechen. Als ehrenamtlicher Mitarbeiter des Landesamtes für Umweltschutz hat seine Expertise Gewicht; in Sachen Fledermaus geht ohne ihn nichts in den von ihm betreuten Landkreisen und der Stadt Weiden. Und da Fledermäuse in Deutschland streng geschützt sind, das Töten einer Fledermaus kann in Bayern bis zu 50.000 Euro teuer werden, steht Markus Liebl sozusagen in vorderster Front, wenn es darum geht, diesen Schutz durchzusetzen. Allerdings ist Liebl kein verbissener Dogmatiker, ihm ist wichtig, wie er sagt, Verständnis für die Tiere und deren Bedürfnisse zu wecken. Er will vor allem verhindern, dass Fledermaus-Vorkommen in Privathäusern nicht gemeldet werden aus Angst vor allzu großen Auflagen. Liebl sagt, er habe bisher noch in jedem Fall eine gute Lösung für alle Beteiligten gefunden - Mensch und Fledermaus.

Die Zwergfledermaus, die Liebl an diesem Abend ausgewildert hat, stammt von einem erkrankten Kollegen aus dem Raum Amberg. Liebl nimmt üblicherweise keine Pfleglinge bei sich auf, versucht statt dessen, Findlinge wieder ihren Müttern zuzuführen. Denn nur mit diesen hätten sie eine Chance zu lernen, was für eine Fledermaus überlebenswichtig ist. Denn die Mütter seien in aller Regel ohnehin in der Nähe und mit Hilfe eines „Kuschelturms“ bringe man die Jungen und die Mütter meist schnell wieder zusammen. Kuschelturm? Ein umgedrehtes Weißbierglas mit einer Socke darüber in einer Salatschüssel; das Junge klettert an dem Turm herum, kann aber nicht aus der glattwandigen Salatschüssel. Dieser Turm wird erhöht aufgestellt und in 50 Prozent aller Fälle holen die Mütter die Kleinen von dort ab. Die Technik mit dem Turm probiert Liebl drei Nächte lang, wird das Junge nicht abgeholt, überlebt es nicht.

Die kleine Waise, die jemand aufgesammelt und dem Amberger Kollegen gebracht hat, hat Liebl in den vergangenen Wochen auf ein Erwachsenengewicht von fünf Gramm aufgepäppelt. Der Zwerg hat dabei gelernt, Mehlwürmer aus der Hand und später wie ein Hund aus einem Schälchen zu fressen. Eine Fledermaus kann theoretisch 30 bis 40 Jahre alt werden, aber etwa die Hälfte der Jungen lernt das Überlebensnotwendige nicht rasch genug und stirbt im ersten Lebensjahr. Der Zwerg aus Liebls Obhut hat sich in der Freiheit an der Heidenaab nun entweder abgeschaut, wie eine Fledermaus selbst jagt, wo sie sich an heißen oder kalten Tagen versteckt - oder er lebt nicht mehr. „Das ist in dem Fall Glückssache“, sagt Liebl. Er muss wohl viel Glück haben, der Zwerg, aber wer weiß.

Über den Weidener Flutkanalprozess wächst kein Gras

Weiden in der Oberpfalz
Markus Liebl vor seinem Haus in Bruckendorfgmünd bei Grafenwöhr; der 61-Jährige ist die entscheidende Instanz, wenn es in den Landkreisen Neustadt/WN, Tirschenreuth und in der Stadt Weiden um Fledermäuse geht.
Fransenfledermäuse sind die zweithäufigste Fledermausart im Wald, nehmen aber auch gerne Kirchenasyl in Anspruch, wie hier im Mühlbergkircherl.
Eine Bechsteinfledermaus, benannt nach Johann Matthäus Bechstein, der sich im frühen 19. Jahrhundert schon für den Schutz von Fledermäusen eingesetzt hat. Wie unschwer zu erkennen, gehört die Art zur Gattung der Mausohren.
Hintergrund:

Die Fledermaus in Deutschland und in der Oberpfalz

  • 25 Fledermausarten gibt es deutschlandweit, in Bayern und in der Oberpfalz häufig sind große Arten wie das Große Mausohr, das etwa im Störnsteiner Kirchturm lebt, der Große Abendsegler und die Breitflügelfledermaus. Groß heißt in diesem Fall etwa Hamstergröße mit der doch beachtlichen Flügelspannweite von etwa 40 Zentimetern
  • Keine einzige in Deutschland vorkommende Art ernährt sich von Blut, Fledermäuse fressen ausschließlich Insekten
  • Durch das massive Insektensterben fehlt den Tieren vielfach die Nahrungsgrundlage.
  • Dazu kommt eine Wohnungsnot: Durch die Sanierung alter Gebäude und das Abholzen von alten Bäumen finden Fledermäuse immer weniger Unterschlupf
  • Von den 25 heimischen Fledermausarten sind vier akut vom Aussterben bedroht; drei gelten als stark gefährdet, fünf sind als gefährdet eingestuft. (Quelle: Naturschutzbund Deutschland/NABU)
  • Fledermäuse stehen in Deutschland unter Schutz; das Fangen oder Töten einer Fledermaus kann in Bayern mit bis zu 50.000 Euro bestraft werden

 

 

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