14.09.2021 - 12:19 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Flutkanal-Prozess: Beide Seiten gehen in Revision

Sowohl die Eltern des ertrunkenen Moritz G. (22) sowie dessen Kumpels, die ihm nicht beigestanden haben, als er in Weiden sturzbetrunken in den Flutkanal gefallen ist, sind mit dem Urteil des Landgerichts Weiden nicht einverstanden.

Über den Flutkanal-Prozess wächst kein Gras. Sowohl die Eltern des Ertrunkenen als auch dessen zu Gefängnisstrafen verurteilte Freunde streben eine Revision des Urteils an.
von Friedrich Peterhans Kontakt Profil

Sie hatten es angekündigt, inzwischen ist es auch bestätigt: Die zu viereinhalb Jahre Haft verurteilte 22-jährige Frau aus Weiden und ein 25-Jähriger aus Sulzbach-Rosenberg, der fünfeinhalb Jahre ins Gefängnis soll, fechten den Urteilsspruch der Großen Strafkammer unter Vorsitz von Richter Gerhard Heindl vom 20. August an. Ihre Verteidiger hatten auf Freispruch plädiert.

Das sehen die Eltern des ums Leben gekommenen Moritz G. aus Sulzbach-Rosenberg ganz anders. In ihrem Namen hatte Rechtsanwalt Rouven Colbatz als Nebenklagevertreter auf Totschlag gegen alle drei Begleiter von Moritz G. plädiert. In diesem Fall sind weitaus höhere Strafen möglich.

Daher ruft die Nebenklage ebenfalls die nächste Instanz an. Zuständig wäre der 6. Senat des Bundesgerichtshof in Leipzig. Das teilte der Weidener Gerichtssprecher Matthias Bauer mit. Ob die Revision zugelassen wird, ist völlig offen. Dazu müssen die Antragsteller der Strafkammer Verfahrensfehler nachweisen.

Das Landgericht Weiden ist derzeit mit der schriftlichen Ausformulierung des Urteils beschäftigt. Voraussichtlich wird es in der zweiten Oktoberhälfte zugestellt. Danach haben die Anwälte vier Wochen Zeit, einen Revisionsantrag schriftlich zu begründen. Dann kann sich auch die Staatsanwaltschaft dazu äußern. Über Karlsruhe wird dies alles dann ans zuständige Gericht in Leipzig weitergeleitet. Bis dort der Bundesgerichtshof entscheidet, dürfte längst das Frühjahr 2022 angebrochen sein.

Neben dem Staatsanwalt ist der einzige Prozessbeteiligte, der das Urteil nicht anficht, ein 24-jähriger Sulzbach-Rosenberger, ebenfalls ein Begleiter von Moritz G. in der Unglücksnacht. Er kommt mit Bewährung davon, da das Gericht in seinem Fall keine Garantenstellung, sprich eine Beschützerpflicht für Moritz im juristischen Sinne, erkannt hat.

Der Sulzbacher Moritz G. war am 11. September 2020 nach einer Zechtour in Weiden ertrunken. Sein ehemals "bester Freund" und die junge Frau aus Weiden haben keine Rettungsversuche unternommen, als er in hilflosem Zustand in den Kanal gefallen war. Stattdessen entstanden kurz zuvor am Ufer Handyvideos, in denen sich die Begleiter über die Notlage des 22-Jährigen lustig machen. Der Dritte im Bunde, der als Fahrer der Gruppe fungierte, stand zu diesem Zeitpunkt weiter abseits und verwies auf eine Schulterverletzung, die ihm beherztes Eingreifen unmöglich gemacht habe.

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Hintergrund:

Revision und Berufung

  • Berufung: Rechtsmittel in erster Linie gegen ein Urteil eines Amtsgerichts. Damit kann das gesamte Verfahren noch einmal neu aufgerollt werden, inklusive Zeugenbefragung und neuen Beweisanträgen. Die nächste Instanz ist das Landgericht.
  • Revision: Rechtsmittel in der Regel nach dem Urteil eines Landgerichts. Es bezieht sich rein auf das Urteil, das dabei auf Verfahrens- oder Rechtsfehler überprüft wird. Das Landgericht prüft, ob die Revision zulässig ist. Wenn Ja gehen die Akten an den Bundesgerichtshof. Der BHG prüft, ob die Revision begründet ist. Im Erfolgsfall wird das Urteil an eine andere Kammer des jeweiligen Landgerichts oder an ein anderes Landgericht zurückverwiesen. Der Fall wird neu verhandelt. (phs)

 

 

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