30.07.2020 - 17:50 Uhr
GrafenwöhrOberpfalz

Grafenwöhrs Bürgermeister zu Abzug von US-Streitkräften: "Wollen nicht nur Übungsstadt sein"

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Die Stadt Grafenwöhr ist eng mit dem Truppenübungsplatz und den dort stationierten Soldaten, Zivilbeschäftigten und deren Angehörigen verwoben. Welche Auswirkungen hätte der geplante Truppenabzug für die Stadt?

Die Stadt Grafenwöhr und der Truppenübungsplatz mit seinen Soldaten, Zivilbeschäftigten, Angehörigen und Einrichtungen sind eng miteinander verwoben. Ein groß angelegter Abzug von US-Soldaten aus der Stadt hätte schwerwiegende finanzielle und wirtschaftliche Folgen, würde sich aber wohl auch negativ auf das deutsch-amerikanische Verhältnis vor Ort auswirken.
von Sonja Kaute Kontakt Profil

Edgar Knobloch, Erster Bürgermeister von Grafenwöhr, versucht sich einen Tag nach der Verkündung der Pläne für einen Abzug von US-Streitkräften aus Deutschland durch das US-Verteidigungsministerium in Gelassenheit und Optimismus. "Ich habe noch keine konkreten Hinweise, was das für Grafenwöhr bedeutet. Die positive Nachricht lautet: Der Truppenübungsplatz bleibt erhalten. Die rund 3000 deutschen Zivilbeschäftigten bleiben also unangetastet." Die Pläne seien ansonsten "völlig unkonkret. Wir haben sieben Jahre Planungszeit für die Brigade gebraucht. Man kann jetzt nicht ein ganzes Regiment von heute auf morgen abziehen. Es wird sehr viel Zeit vergehen, bis das durch den US-Kongress und den Senat gegangen ist. Wir sind ein bissl entspannt".

"Wäre ein schlimmes Signal"

Wie ernst die Lage werden könnte, sollten die Amerikaner die angekündigten Pläne wahr machen, ist dem Stadtoberhaupt aber bewusst. "Rein hypothetisch: Wenn es so kommen sollte wie angekündigt, wäre das ein schlimmes Signal und ein riesen Einschnitt. Die Brigade hat zwar keine deutschen Angestellten, aber die Amerikaner geben pro Jahr 660 Millionen Euro aus." Geschäftsleuten in Grafenwöhr, die von ihnen abhängig sind, rät Knobloch: "Dranbleiben am Thema und es nicht auf die leichte Schulter nehmen. Aber zuversichtlich bleiben. Schon in meiner Kindheit hat es geheißen, die Amerikaner gehen. Es war schon immer ein Auf und Ab. Wir sind das hier gewohnt. Und ich gehe davon aus, dass es nicht schlimmer wird als früher."

Der Bürgermeister betont aber auch: "Es geht nicht nur ums Geld." Auch sonst stehe viel auf dem Spiel. "Wir wollen nicht nur Übungsstadt sein, wo nur noch geschossen wird. Die wissen das in den USA vielleicht nicht, aber die Akzeptanz der Amerikaner ist hier so groß wie sicher nirgends sonst auf der Welt. Wir hatten 75 Jahre eine gute, freundschaftliche Zusammenarbeit. Das würde alles aufs Spiel gesetzt werden. Wir brauchen Personal, das hier stationiert ist." Andernfalls müsse man mit weniger Akzeptanz für den Übungsplatz und die Amerikaner bei der Grafenwöhrer Bevölkerung, die ja auch einiges in Kauf nehme, rechnen. "Wir werden uns bis zur US-Wahl nun anschauen, was wäre, wenn ... Konferenzen dazu laufen schon jetzt." Man wolle, wenn nötig, rechtzeitig handeln und andere Standbeine finden. "Da kann man kreativ sein. Wir haben Zeit."

Wir brauchen Personal, das hier stationiert ist.

Edgar Knobloch, Erster Bürgermeister von Grafenwöhr

"Hoffen, dass es nicht so kommt"

"Ich bin geschockt", gibt Gerald Morgenstern zu. "Wenn es so kommen würde wie angekündigt, würde sich das in Grafenwöhr auf alles auswirken", sagt der Autor eines Buches über den Truppenübungsplatz und Grafenwöhrer Kommunalpolitiker, der selbst als Soldat auf dem Platz diente. "Wir haben hier ein funktionierendes System, das schwer durcheinander geworfen werden würde. Es hätte Folgen für die Nutzung des Übungsplatzes, für die Zivilbeschäftigten, auf das, was draußen eingekauft wird, auf 30 gastronomische Betriebe, die vor allem die Amerikaner nutzen, auf die Netzaberg-Siedlung mit eigens von der US-Armee angemieteten Häusern plus zivil durch Amerikaner angemietete Häuser, es hätte wirtschaftlichen Impact auf Mieten und Lohnzahlungen", zählt Morgenstern spontan auf. "Es fahren täglich alleine 60 Busse amerikanische Schüler zur Schule und wieder nach Hause. So gibt eins das andere."

"Alles miteinander verknüpft"

Man sei in Grafenwöhr einiges gewohnt, aber in dieser Dimension habe er einen möglichen Umbruch noch nicht erlebt. Selbst, wenn aus Grafenwöhr keine Soldaten abgezogen würden, hätte ein Abzug von Streitkräften aus Vilseck auch hier Folgen. "Da ist eine Verquickung, es ist alles miteinander verknüpft. Vilsecker Soldaten wohnen ja auch am Netzaberg." Der Schock sitzt tief, doch auch bei Morgenstern blitzt Optimismus durch: "Hoffen wir als erstes, dass es nicht so kommt wie angekündigt und sich noch etwas ändert. Zum Beispiel, dass die Mittel für die Umsetzung der Pläne gar nicht zur Verfügung stehen."

Auch der Buchautor spricht von einem "langen Prozess". "Donald Trump braucht zwar einen schnellen Erfolg. Man kann schlecht abschätzen, ob es deshalb vorab zu einem Teilabzug kommt. Aber normalerweise funktioniert das nicht so schnell. Das ist ein Prozess auf Jahre. Das Leben in Grafenwöhr wird wohl so weitergehen wie bisher, mit Angst und Befürchtungen im Hintergrund." Morgenstern lobt wie Knobloch die Zusammenarbeit mit den Amerikanern, befürchtet aber ebenfalls eine sinkende Akzeptanz in der Bevölkerung, sollten die angekündigten Pläne umgesetzt werden.

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Grafenwöhr
Info:

Gut 1000 Soldaten aus Grafenwöhr betroffen

Der Oberbefehlshaber der US-Streitkräfte in Europa, General Tod Wolters, kündigte den Abzug der zwei Fallschirmjägerbataillone der 73. US-Luftlandebrigade aus Grafenwöhr an. Die Brigade hat ihren Hauptsitz im italienischen Vicenza. Dorthin sollen die rund 1000 betroffenen Grafenwöhrer Soldaten versetzt werden.

Der General erwähnte außerdem den Umzug eines in Deutschland stationierten Pionierbataillons nach Belgien. Damit könnte er das 15. Pionierbataillon aus Grafenwöhr mit mehreren Hundert Soldaten gemeint haben. Aus Vilseck sollen zusätzlich rund 4500 Männer und Frauen in die USA zurückkehren.

Grafenwöhrs Bürgermeister Edgar Knobloch erwähnte gegenüber Oberpfalz-Medien eine Zahl von insgesamt rund 1200 Soldaten aus Grafenwöhr, die seiner Information nach abgezogen werden sollen. Eine sichere Zahl kenne er jedoch nicht. Fest steht: Viele dieser Soldaten leben mit Angehörigen in der Stadt und der Region. Sie würden Deutschland ebenfalls verlassen.

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