05.08.2020 - 14:10 Uhr
Guttenberg bei KemnathOberpfalz

Der Glöckner von Guttenberg

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Einmal pro Jahr wird die Glocke der Guttenberger St.-Ulrich-Kapelle von einer Fachfirma gewartet. Alois Schraml, der jahrelang die Kirchenglocke von Hand läutete, erinnert sich daran, wie es früher war.

Einmal pro Jahr wird die Glocke der Guttenberger St.-Ulrich-Kapelle von einer Fachfirma gewartet.
von Christa VoglProfil

Wie in den meisten Dörfern läutet auch in Guttenberg die Glocke der Kapelle drei Mal täglich für einige Minuten. "Angelusläuten" ist dafür die offizielle Bezeichnung, landläufig heißt es einfach: "As Gebetleitn". Bis weit in die 70er Jahre versammelte sich dazu die ganze Familie in der Stube vor dem Kreuz und dem Marienbild, die nebeneinander in einer Ecke an der Wand hingen. Dann wurde gemeinsam der Engel des Herrn gebetet, gefolgt vom Vaterunser "für die armen Seelen im Fegefeuer".

Heute wird in den Familien diese Form des gemeinsamen Gebets kaum noch praktiziert, geblieben ist aber die Glocke, die unermüdlich drei Mal pro Tag ihren Dienst tut: je nach Winter- oder Sommerzeit in der Früh um 6 Uhr, mittags um 12 Uhr und abends um 18 Uhr. Läutet die Glocke außerhalb dieser regelmäßigen Termine - abgesehen vom "Zusammenläuten" bei Maiandacht, Kreuzweg oder Jahresgottesdienst - wissen die Dorfbewohner, dass jemand aus ihrer Mitte gestorben ist. Was man dann hört, ist die Sterbeglocke.

Testlauf

Als an diesem Vormittag gegen 10 Uhr die Kapellenglocke außerplanmäßig läutet, gibt es aber einen anderen Grund: Vor der Kapelle parkt ein blauer Servicebus der Firma Bayreuther Turmuhren. Der dazugehörige Techniker hat gerade mit der Wartung der Glocke begonnen und zu diesem Zweck einen Testlauf der Glocke angestoßen.

Alois Schraml, der frühere Ortssprecher von Guttenberg und allgemein als "da Schraml Alis" bekannt, erinnert sich sehr gut an die Zeit vor der Elektrifizierung in den 80er Jahren, als die Glocke noch mit einem Seil zum Schwingen gebracht wurde. "Das Läuten der Kirchenglocke war schon seit jeher auf unserem Haus", erzählt der 83-Jährige, während er dem Techniker zuschaut, der auf einer Leiter in luftiger Höhe die Glocke inspiziert. "Das haben schon mein Großvater und mein Vater gemacht." Und auch er habe diese Aufgabe dann übernommen, er sei "da einfach reingwachsn".

"Das Läuten der Kirchenglocke war schon seit jeher auf unserem Haus“, erzählt der 83-Jährige, während er dem Techniker zuschaut, der auf einer Leiter in luftiger Höhe die Glocke inspiziert.

Früher war Guttenberg ein Dorf mit vielen bäuerlichen Anwesen. Nahezu jede Familie hatte einen Hof mit Kühen und das Läuten der Kapellenglocke gehörte für Schraml zum festen Bestandteil seines Tages. "Wir hatten auch eine Landwirtschaft und wenn es Mittag wurde und man war draußen auf dem Feld bei der Arbeit, dann musste man halt schnell nach Hause zum Gebetläuten."

Die Waldecker bekamen eine neue Glocke

Und noch etwas erzählt er. Nämlich, dass er bereits als Jugendlicher regelmäßig läuten musste. Doch gerade am Wochenende empfand er das oft als lästig. Weil, wie er sagt: "Af d'Frei haost gäih wülln, owa du haost nirt furt kinnt", eben weil abends noch geläutet werden musste. Das mit der "Frei" hat in seinem Fall trotz dieser Widrigkeit wohl doch noch ganz gut geklappt, immerhin ist der "Schraml Alis" jetzt inzwischen auch schon 57 Jahre verheiratet.

Zweiten Weltkrieg überstanden

Schraml kramt ein bisschen in seinen Kindheitserinnerungen und erzählt, dass während des Zweiten Weltkriegs viele Kirchenglocken aus Bronze vom Turm genommen und zu Kriegszwecken eingeschmolzen wurden. Eine Ausnahme war die Glocke der Kapelle in Guttenberg. Aufgrund ihrer besonderen Legierung war sie nämlich nicht als "Metallspende an das Vaterland" geeignet und durfte hängenbleiben. Und noch ein weiteres Erlebnis ist haften geblieben: Während des Kriegs riss einmal "der Strick", mit dem die Glocke angetrieben wurde. Heute wäre das kein Problem, man geht einfach in den nächsten Baumarkt und kauft ein neues Seil. Damals kam das allerdings einer Katastrophe gleich, denn in den Kriegsjahren war alles sehr knapp. Gelöst wurde das Problem, indem aus selbst angebautem Hanf umgehend ein passender Strick gedreht wurde.

Individuelles Läuten

Dass das Glockenläuten nicht ganz so einfach war, wissen auch die Dorfbewohner. "Mit der Hand läuten" bedeutete nämlich nicht einfach, am Seil zu ziehen, sondern vielmehr einem bestimmten Rhythmus zu folgen. Am Klang, am Schwingen der Glocke und des Klöppels erkannte man sofort, wenn nicht wie üblich der "Schraml Alis" läutete, sondern ersatzweise jemand anderes eingesprungen war, der mit der Glocke nicht so vertraut war.

Das Läuten der Kirchenglocke war schon seit jeher auf unserem Haus.

Alois Schraml

Der Techniker hat zwischenzeitlich die Wartung beendet. Er steigt von der Leiter, säubert die Hände mit einem Lappen und beginnt, seine Sachen zurück in den Kleintransporter zu packen. Zum Abschluss gibt es nochmals einen Testdurchlauf, der zufriedenstellend verläuft: Klingt gut, alles bestens! Und dieses Mal sind die Leute im Dorf auch nicht mehr beunruhigt vom außerplanmäßigen Läuten, denn inzwischen hat sich wohl herumgesprochen, dass heute "nur" wieder einmal der jährliche Kundendienst der Kapellenglocke fällig war.

Hintergrund:

Angelusläuten und Glockenfriedhof

Das Läuten der Kirchenglocken frühmorgens, mittags und abends wird laut der Internetseite des Erzbistums Köln nach katholischer Tradition von einem Gebet begleitet, das "Angelus" genannt wird. Dieses Gebet beginnt mit "Der Engel des Herrn",es hat seinen Namen wegen der lateinischen Anfangsworte (= angelus domini).

Glockenfriedhof ist laut Wikipedia die Bezeichnung eines Platzes für Glocken, auf dem im Ersten und Zweiten Weltkrieg Kirchenglocken, Rathausglocken u. ä. im Zuge von sogenannten "Glockenablieferungen" gesammelt wurden. Glocken waren wegen ihrer Bronze kriegswichtiges Material und wurden während des Ersten und Zweiten Weltkrieges zuerst freiwillig, dann zwangsweise eingezogen, um eingeschmolzen in der Rüstungsindustrie Verwendung zu finden. Von den Sammelplätzen aus gelangten die Glocken zur industriellen Weiterverarbeitung. In Deutschland waren sie Teil der sogenannten Metallspende des deutschen Volkes.

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