29.09.2020 - 18:38 Uhr
Guttenberg bei KemnathOberpfalz

Maisfelder für Wildschweine ein Delikatessenladen

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Schwarzwild ist in den letzten Jahren immer mehr zum Problem geworden. Die Landwirte erwarten schnelle Hilfe von den Jagdpächtern durch den Abschuss der Wildschweine. Doch das Problem ist vielschichtiger.

Jagdpächter Rainer Bayer (Mitte) mit seinen Kollegen Herbert Tretter (links) und Bruno Ponnath (rechts).
von Christa VoglProfil

Landwirte erwarten schnelle Hilfe von den Jagdpächtern durch den Abschuss der Wildschweine. Doch das ist gar nicht so einfach, wie Jagdpächter Rainer Bayer - zuständig für das Guttenberger Revier - an einem Fall aufzeigt. Ein Landwirt teilt ihm telefonisch mit, dass in seinem Maisfeld "was nicht stimme", dass da "Wildschweine drinnen sein könnten." Noch am selben Abend fährt Bayer zur angegebenen Stelle, einem Maisacker mit Elektrozaun - geht einige Meter hinein und horcht. Grunzen? Schmatzen? "Nein, nein", erklärt der Jäger lachend, wird aber dann schnell wieder ernst. "Weder Grunzen, noch Schmatzen. Stattdessen ein ganz anderes Geräusch, es 'kracht': Man hört, wie die Sauen im Inneren des Felds die verholzten Maishalme umwerfen, um an die Kolben weiter oben zu kommen."

In kurzer Zeit hohe Schäden

Der Schaden, den so eine Rotte innerhalb kurzer Zeit anrichten kann, sei immens, erklärt Bayer. Und natürlich erwarte der Landwirt, dass dagegen schnellstens etwas getan wird. Die Alternativen sind jedoch sehr begrenzt. Möglichkeit eins: Der Strom wird vom Zaun genommen und auf einer Seite des Felds die Umzäunung geöffnet. Allerdings ist nicht sicher, ob die Wildschweine diese Möglichkeit nutzen und den Acker später auch wirklich verlassen. Möglichkeit zwei: Die Durchführung einer Drückjagd. Und zwar so schnell wie möglich.

Natürlich kann Rainer Bayer eine solche Drückjagd nicht alleine leisten. Aber das muss er auch nicht. Denn er erhält tatkräftige Unterstützung von seinen Jagdkollegen aus den angrenzenden Revieren, mit denen er seit Jahren sehr gut zusammenarbeitet: Bruno Ponnath, Pächter des Reviers Kastl 1 und Herbert Tretter, der zusammen mit Holger Lottes für das Revier Atzmannsberg zuständig ist. Außerdem kann jeder der drei auf weitere zuverlässige Jäger zählen, die zusammen mit ihren Hunden bei der geplanten Drückjagd mithelfen. Doch alleine mit erfahrenen Jägern und ihren Hunden, die bereits im sogenannten "Saugatter" den Umgang mit Wildschweinen geübt haben, ist es nicht getan. Eine sehr wichtige Rolle bei der Drückjagd spielen auch die Treiber. Diese Aufgabe übernehmen in der Regel die Jagdgenossen des Reviers oder die jeweiligen Dorfgemeinschaften. Sie sind gut vernetzt und bei Bedarf kurzfristig zur Stelle, erklärt Bayer. Denn die Erfahrung aus den vergangenen Jahren hat eines ganz deutlich gezeigt: "Wenn man weiß, dass Schweine drinnen sind, dann muss zeitnah durchgedrückt werden, sonst steht hinterher nicht mehr viel."

Doch nicht immer ist es ganz einfach auszumachen, ob das Schwarzwild gerade im Maisfeld steckt oder nicht. Der Grund dafür: "Die Rotte macht anfangs keinen Kahlschlag", erklärt Bruno Ponnath, sondern "reißt die Maispflanzen in unregelmäßigen Abständen wahllos um." Zeit ist also ein wichtiger Faktor. Um möglichst früh zu erkennen, ob im stromumzäunten Acker Sauen sind oder nicht, müsse man zusammenhelfen: "Landwirte und Jäger müssen an einen Strang ziehen und die betroffenen Felder regelmäßig kontrollieren, indem sie auch mal durch die Felder gehen." Denn von außen oder von oben - zum Beispiel vom Hochsitz aus - sehe man die Schäden oft nicht, oft falle gar nichts auf. Inzwischen gibt es jedoch noch eine weitere Methode um herauszufinden, ob sich im Feld eine Rotte aufhält oder nicht: Drohnen, wie man sie bei der Suche nach Rehkitzen direkt vor der Mahd einsetzt. Jagdpächter Herbert Tretter besitzt eine solche Drohne und hat damit bereits gute Erfahrungen gemacht.

Doch warum fallen gerade jetzt die Schwarzkittel in die Maisfelder ein? Die Erklärung dafür lautet "Milchreife": Ritzt man nämlich eines der Maiskörner im Kolben an, tritt eine milchartige Flüssigkeit aus. Daran erkennt man, dass der Mais in der Milchreife ist und somit geerntet werden kann. Und genau in diesem Zustand fressen die Wildschweine den Kolben am liebsten. Ein "Maisfeld de luxe" sozusagen, ein Maisfeld voller Delikatessen.

Rotte macht keinen Kahlschlag

Die Gründe für die Zunahme der Wildschweine sind zahlreich: Der Fall der Mauer, das Ende des Kalten Krieges und damit die erhöhte Durchlässigkeit von Landesgrenzen, nicht nur für Menschen, sondern auch für Wildtiere. Der Klimawandel, der mit milden Wintern die Überlebenschance der Frischlinge stark erhöht. Der Freizeitdruck in den Wäldern mit Mountainbikern, Joggern und Motocrossfahrern, die das Wild nicht zur Ruhe kommen lassen. Der Maisanbau, der seit dem EEG-Gesetz vor rund 20 Jahren und dem Bau von Biogasanlagen um ca. 500 000 ha zugenommen hat. Die Pflanzung von Buchen und Eichen in den 70er Jahren im Rahmen des Waldumbaus und die damit einhergehenden hohen Mengen an Eicheln und Bucheckern. Ponnath sagt: "Eine 50 Jahre alte Eiche liefert bis zu einer Tonne Eicheln. Davon werden viele Säue satt."

Doch warum versuchen die Wildschweine dann trotzdem ins Maisfeld zu kommen? "Mais ist für sie eben eine Delikatesse, pures Eiweiß. Und Tretter fügt hinzu: "Der Maiskolben ist leicht zu haben und die Wildschweine müssen ja jetzt ordentlich "Feist" aufbauen, also Winterspeck ansetzen." Und dafür sei Mais halt optimal.

Gründe für die Zunahme

Insgesamt dauert die "heiße Phase" der Milchreife vier bis sechs Wochen, danach ernten die Landwirte den Mais und das Problem hat sich erledigt. Zumindest für diese Saison. Und was raten die drei Jagdpächter, um dem Problem Herr zu werden? "Wir Reviernachbarn müssen zusammenhalten und zusammenarbeiten, gegenseitiges Vertrauen ist das A und O", sagt Herbert Tretter. "Wichtig ist, dass die Rotten dezimiert werden. Dazu muss es auch mal möglich sein, eine Sau an der Reviergrenze zu schießen." Ponnath nickt und fügt hinzu: "Wir können nur gemeinsam was erreichen. In unseren Revieren ist es so, dass die Landwirte bereits im Frühjahr auf uns zukommen und sagen, wo sie Mais, wo sie Hafer und Weizen anbauen. Das hilft uns Jägern weiter." Auch Bayer bestätigt, dass die Kommunikation mit den Jagdgenossen vorbildlich funktioniere. Gleichzeitig betonen Bayer, Ponnath und Tretter, dass dieses Miteinander und der reibungslose Ablauf jedoch nur möglich sei, wenn die einzelnen Reviere an Jäger verpachtet werden, die in der Region verwurzelt sind und ihren Wohnort in der Nähe haben. Sie sind überzeugt: "Mit Jägern, die irgendwo aus einem Ballungsgebiet in Bayern kommen und einmal pro Monat in 'ihrem' Revier 'vorbeischauen', lassen sich Probleme nur schwer lösen."

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Tirschenreuth

In wenigen Tagen beginnt die Maisernte. Erfahrungsgemäß bleiben die Wildschweine aber auch nach dem Abernten der Felder eine Herausforderung für die Jagdpächter. Denn mit dem Verschwinden der Maisfelder werden für die Schwarzkittel plötzlich wieder andere Nahrungsquellen interessant. Das Ergebnis sind durchpflügte Kartoffeläcker und aufgewühlte Wiesenstreifen an Waldrändern. Dazu kommt, dass in wenigen Wochen die Rauschzeit, die Paarungszeit der Wildschweine, beginnt. Was bedeutet, dass im Frühling jede Bache bis zu acht Frischlinge wirft. Und eines ist ganz sicher: spätestens zur Milchreife nächstes Jahr im Herbst werden auch sie die Maisfelder als Delikatessenladen entdecken.

Vier bis sechs Wochen Milchreife

"Wildschweine sind sehr schlau und äußerst lernfähig. Die Redensart von der 'dummen Sau' ist falsch. Eine dumme Sau gibt es schlichtweg nicht", sagt Jagdpächter Rainer Bayer. Das Bild von der Rotte hat eine Wildkamera in seinem Revier geschossen.
Info:

Ablauf einer Drückjagd

Eine Maisjagd läuft immer nach dem gleichen Schema ab: Der Elektrozaun - falls ein solcher vorhanden ist - wird entfernt und die Schützen stellen sich rund um das Feld auf, in einem Abstand von ungefähr 50 m, das Gewehr im Anschlag - Schussrichtung immer weg vom Feld. Dann beginnen die Treiber zusammen mit den Hunden das Maisfeld zu durchkämmen, es gilt: Je mehr Treiber, desto besser. Die Hunde, die sich üblicherweise untereinander kennen, sprengen dabei die Rotte und die Wildschweine werden aus dem Acker herausgetrieben. Drückjagden sind nicht ungefährlich, da die betroffenen Felder nicht isoliert im Gelände liegen, sondern meistens in eine kleinteilige Landschaft eingebettet sind: hügeliges Gelände, vorbeiführende Straßen, Bachläufe, Wäldchen, die ersten Häuser der nächsten Ortschaft. Daher haben entsprechende Sicherheitsmaßnahmen oberste Priorität.

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