05.11.2021 - 14:28 Uhr
HahnbachOberpfalz

Von Brauern, aufmüpfigen Hahnbachern und der Not des Pfarrers

Der Historiker Dr. Josef Weiß-Cemus hat zum Jubiläum "900 Jahre Hahnbach" ein „Quellen- und Geschichtenbuch“ verfasst: Ein Fundus für alle, die selbst auf Spurensuche gehen wollen. In einem Interview gibt der Autor Einblicke.

Dr. Josef Weiß-Cemus blättert in seiner Hahnbach-Chronik.
von Autor MMAProfil

Dr. Josef Weiß-Cemus, Autor der neuen fast 1000seitigen Hahnbacher Chronik

900 Jahre Ersterwähnung des Ortes Hahnbach: Wer möchte da nicht der Geschichte seiner Vorfahren oder dem Schicksal seines Hauses oder Hofes etwas genauer und verbindlicher nachgehen? Diese Frage stellt der Autor Dr. Josef Weiß-Cemus in der Einleitung zur neuen Hahnbacher Chronik. Und liefert viele Antworten.

ONETZ: Die Chronik beginnt im 19. Jahrhundert und führt dann "rückwärts" zur Erstnennung. Das ist doch etwas ungewöhnlich: Warum haben Sie diese Vorgehensweise gewählt?

Dr. Josef Weiß-Cemus: Man könnte ja auch "vorwärts" sagen: Ich wollte den Leser langsam, Schritt für Schritt, sich der Vergangenheit, dem Datum mit der Erstnennung, annähern lassen.

ONETZ: Was ist denn besonders erwähnenswert?

Dr. Josef Weiß-Cemus: Eigentlich alles: Jeder wird etwas finden, was ihn interessiert, nicht nur die Ahnenforscher, sondern jeder, der an der Marktgeschichte interessiert ist. Denn man findet dort viele, bisher gänzlich unbekannte Ereignisse aus der Vergangenheit.

ONETZ: Welches Themenspektrum umfasst das schwere Werk?

Dr. Josef Weiß-Cemus: Die Themen sind unterschiedlichster Art. Es geht um das früher so wichtige Brauwesen im Markt, Streit um die Jagd, Abgaben an die Pfarrkirche St. Jakob und die Wallfahrtskirche auf dem Frohnberg. Auch um Angaben zu jedem einzelnen Haus im Markt mit seinen Bewohnern, die ständige finanzielle Not in der Marktkasse und vieles mehr.

ONETZ: Und die Schicksale im Dreißigjährigen Krieg?

Dr. Josef Weiß-Cemus: Ja selbstverständlich, mit ausführlichen Geschichten wie die der Not des Pfarrers, die Brandschatzung durch Söldner, einen Überfall auf den Bürgermeister, Einquartierungen von Soldaten und manches mehr.

ONETZ: Für welche Leser ist diese Chronik gedacht?

Dr. Josef Weiß-Cemus: Einmal für den „echten“ Einheimischen, also der, der hier geboren wurde und vielleicht über seine Eltern oder Großeltern mit örtlichen Flurnamen vertraut gemacht wurde: Er findet hier viele oftmals überraschende Hinweise. Aber auch für grundsätzlich interessierte Laien und Wissenschaftler ist das Buch ein Fundus, nicht zuletzt wegen der Fußnoten mit allen Belegen für die Fundstellen. Besonders interessant finde ich persönlich die Grenzbeschreibungen mit den vielen Flurnamen und farbigen Karten. Auch die ausführliche Beschreibung aller Häuser im alten Markt dürfte interessieren, was hoffentlich manche auch zum Weiterforschen anregt.

ONETZ: Welches Licht wirft das Buch auf die Hahnbacher?

Dr. Josef Weiß-Cemus: Naja, die Untertanen Hahnbachs konnten durchaus aufmüpfig sein. So war man zwar formal demütig untertänig, konnte aber auch herzhaft und deutlich seine Interessen vertreten. Nicht selten war es aber auch die schiere Not, die zum Protest führte.

ONETZ: Hahnbach war ja mit der Oberpfalz fast 100 Jahre lutherisch-evangelisch. Was weiß man darüber?

Dr. Josef Weiß-Cemus: Das ist ein besonders interessantes Kapitel, denn es sind von vielen Visitationen, was damals obrigkeitliche Kontrolle bedeutet, noch die Protokolle vorhanden. Beim Abfragen, das heißt Verhören, ob jemand dem neuen Glauben schon anhängig war, wurden direkt die Antworten mitgeschrieben und falsche, nicht korrekte Antworten vermerkt. So hat man fast über jeden Einwohner Anmerkungen, so nah kommt man den Menschen dieser Zeit selten. Das gilt auch für die Einwohner der umliegenden Dörfer.

ONETZ: Der Markt Hahnbach steht klar im Mittelpunkt – und die umliegenden Dörfer?

Dr. Josef Weiß-Cemus: Da Hahnbach auch Vogteimittelpunkt war, sind viele Menschen der umliegenden Dörfer in den Berichten, Listen, Streitigkeiten etc. genannt. Das gilt etwa für Süß, Kümmersbuch, Schalkenthan, Luppersricht und Irlbach. Die Namen dieser Menschen sind in der Quellenedition auch mit vermerkt, da es ja keine anderen Quellen über sie gibt.

ONETZ: Muss man die fast 1000 Seiten nacheinander lesen?

Dr. Josef Weiß-Cemus: Oh Gott, nein, wirklich nicht! Man sollte das auswählen, wonach man gerade forscht, was einen interessiert oder wonach man momentan sucht. Dann kann man immer auch die in sich geschlossenen Geschichten und Ereignisse lesen, je nachdem, in welche Zeit man gerade eintauchen will. Man darf das Buch natürlich auch von hinten nach vorne lesen, wenn man gleich mit der Erstnennung von Hahnbach im Jahr 1121 beginnen möchte.

Auf dem Frohnberg wird Geschichte quicklebendig

Hahnbach
Hintergrund:

Die neue Hahnbacher Chronik

  • "Markt Hahnbach: Einwohner und Häuser (19. - 12. Jahrhundert)"
  • Autor: Josef Weiß-Cemus
  • Eine Quellenedition zum 900. Jahrestag der Erstnennung von Hahnbach
  • Cardamina-Verlag Koblenz, 2021
  • Das Buch ist ab 6. November bei der Verwaltungsgemeinde Hahnbach erhältlich
  • Preis: 65 Euro
  • 976 Seiten mit vielen farbigen und Schwarz-Weiß-Fotos und Belegen.

 

 

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