30.10.2020 - 08:58 Uhr
HahnbachOberpfalz

Herbert Demleitner aus Hahnbach besitzt über 1000 Sterbebilder

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Der 90-jährige Herbert Demleitner hat den Tod in Wort und Bild in seinen Alben. Der Hahnbacher sammelt Sterbebilder und nennt mittlerweile über 1000 Exemplare sein Eigen. Sogar seltene Spitzenbilder sind darunter.

Herbert Demleitner ist ein begeisterter und begeisternder Sammler von Sterbebildern.
von Autor MMAProfil

"Am Anfang war die Pralinenschachtel", erinnert sich der 90-jährige Herbert Demleitner aus dem Schalkenthaner Weg in Hahnbach. Der pensionierte Beamte fand nämlich in dem dekorativen Behältnis seiner Mutter unzählige von ihr gesammelte Sterbebilder. Schon war damit die Leidenschaft geweckt, denn Demleitner ist ein bisschen vorbelastet: Er sammelt bereits Briefmarken, Ansichtskarten und Bierkrüge. Als ihm zudem vor etwa 35 Jahren auf verschiedenen Papiersammelbörsen in Nürnberg, Regensburg und in München auch interessante Sterbebilder angeboten wurden, entstand der Grundstock seiner Sammlung, die mittlerweile auf über 1000 Exemplare angewachsen ist.

Natürlich interessierten ihn zuerst die Raritäten, wie Sterbebilder von bekannten Persönlichkeiten, von Bischöfen, Politikern und Päpsten. Als er dabei aber zufällig das Sterbebild von Josef Beck aus Witzlhof, dem Bruder seiner Großmutter fand, war er schier sprachlos. Beck lebte in Wien und war stellvertretender Jesuitengeneral für Deutschland, Österreich und Ungarn.

Album für Ausstellungszwecke

Demleitner legte sich ein großes Album eigens für Ausstellungszwecke an, fertigte eigene Vorlagen und ordnete alle Bilder alphabetisch. Fein säuberlich geordnet behält er den Überblick über seinen Schatz. Zu Recht ist er dabei stolz auf sein ältestes Original, einen Totenzettel aus dem Jahr 1808. Gar nicht so selten hat der quirlige Senior auch Anfragen zu Sterbebildern und Daten aus nah und fern und hilft natürlich gerne "wo er kann", sagt er im Gespräch mit Oberpfalz-Medien. Wenngleich er das Sammeln nun eingestellt hat.

Für Ausstellungen, sei es beim Marktfest in Hahnbach mit den beiden Sammlerfreunden Ludwig Graf und Peter Walch, oder in Amberg, hat er immer wieder eine repräsentative Auswahl zur Verfügung gestellt und viel Anklang gefunden. "Nicht selten haben sich dabei gute Gespräche mit Besuchern ergeben", erzählt Demleitner. "Dabei habe ich schon oft manch vergessenes Detail bei Nachforschungen von Angehörigen erfahren." Noch sind seine Schätze bei ihm zu Hause gut aufbewahrt. Natürlich möchte er, dass nichts verloren geht und die Früchte seiner "Arbeit mit Herzblut", wie er es nennt, vielleicht einmal in einem Heimatarchiv für spätere Generationen aufbewahrt werden.

Entwicklung der Sterbebilder

Demleitner hat sich, über seine Sammlung hinaus, auch mit der Entstehung und Entwicklung der Sterbebilder befasst und dies dokumentiert. Er weiß zu berichten, dass diese in der Volkskunde zur Kategorie der Andachtsgrafik, zu den sogenannten "kleinen Andachtsbildern" gehören. Ihre Vorläufer waren Todesanzeigen oder Totenzettel, die schon um 1600 in Klöstern für deren Obrigkeiten gedruckt wurden. Im 18. Jahrhundert erweiterte sich dieser Kreis durch adelige Familien, Würdenträger und katholische Priester. Später kamen immer häufiger begüterte Familien dazu, die mit einem einfachen Schriftstück und auch immer öfter mit einem künstlerisch gestalteten Gedenkblatt in unterschiedlichen Formaten die Mitteilung über den Tod eines Angehörigen drucken und verteilen ließen.

Demleitner: "Die Entwicklung begann in Flandern, Belgien und Holland und verbreitete sich dann rasch im 19. Jahrhundert im Rheinland und weiter im katholischen deutschsprachigen Raum. In evangelischen Gebieten dagegen waren häufiger gedruckte Grabreden im Umlauf." Die heute bekannte Form der Sterbebilder gibt es seit etwa 1840, weiß der ehemalige Verwaltungsinspektor. Diese sollten neben dem Zugang zu religiöser Besinnung durch Fürbitten, Gebete und Ablassgebete für das Seelenheil der "armen Seele" im Fegfeuer, auch zur Erinnerung an die Verstorbenen dienen. Persönliche Angaben über Geburts- und Sterbedatum, Alter, Beruf und Wohnort gehörten dazu. Wurden diese Sterbebilder anfangs großenteils kurz nach dem Tod der Betroffenen noch versandt oder verteilt, um Ort und Zeitpunkt der Bestattung mitzuteilen, so erhält man sie heute meist erst beim Requiem.

Wandel der Motive

Demleitner verweist auch auf den Wandel der Motive auf den Sterbebildern. Zunächst diente die Rückseite einfacher Heiligenbilder für den Text, später verwendete man dafür eigens gestaltete Bilder mit christlichen Trauersymbolen oder Bildern aus der Lebens- und Leidensgeschichte Jesu. Schließlich versah man sie noch mit schwarzen Umrandungen. Heute sind stimmungsvolle Herbst- oder Abendlandschaften die Hauptmotive.

Vor allem im Ersten Weltkrieg kam ein kleines Foto des Gefallenen hinzu, das oft sogar per Hand aufgeklebt wurde. Mit der Fortentwicklung der Drucktechniken entstanden dann Farblithographien, also Steindrucke, und schon bald die mehrfach farbigen Bilder, die wir heute kennen.

Doch der ehemalige Aufsichtsbeamte für Standesamtswesen beim Landratsamt Amberg hat noch Weiteres vorzuzeigen, etwa seine Ansichtskartensammlung. Mit einer unglaublichen Energie holt er flugs auch eines dieser Alben, die er nach Gemeinden aufgeteilt hat. Er weiß über deren Beginn um 1870 als "Correspondentenkarte", als Glückwunsch, Weihnachts-, Künstler, Jux- oder Feldpostkarten zu berichten. 1895 entstanden dann topographische Darstellungen, Ortsansichten, die bei Sammlern weltweit bis heute großes Interesse finden, da sie oft alte, vergessene Ortsansichten zeigen.

1897 war dazu ein eigener Wirtschaftszweig entstanden. 60 Fabriken stellten Sammleralben her und 33 000 meist Arbeiterinnen waren in den Druckereien beschäftigt, in denen in den Spitzenjahren 1903 und 1904 rund 1,16 Milliarden Ansichtskarten produziert wurden. Täglich wurden damals etwa eineinhalb Millionen Ansichtskarten versendet. Betrug das Porto zu Beginn fünf Pfennige, so kostete es am Ende der Inflation, im Dezember 1923, satte 30 Millionen Mark.

Doch nicht genug: Der wegen seines Bekanntheitsgrades von den Hahnbachern gern als "Landrat" betitelte Demleitner greift, die Dramaturgie steigernd, zu seinen Spitzenbildern, die ihren Namen in jeder Hinsicht verdienen. Ihre Entstehung ist ins 13. und 14. Jahrhundert zurückzuführen. Damals dienten diese Bilder der oft analphabetischen Bevölkerung zur Anschauung dienten. Es sind Darstellungen von Heiligen oder biblischen Szenen, die zu Beginn in feinster Klosterarbeit mit filigranen Spitzen umgeben wurden. In der Demleitnerschen Sammlung befinden sich darunter ein Gebetszettel aus dem Jahr 1690 und auch ein Bild der Maria Theresia Gerhardinger, der Gründerin der Armen Schulschwestern, sogar mit ihrer Unterschrift auf der Rückseite, einem winzigen Reliquiar und mit der Gebetsbitte um eine gute Sterbestunde.

Seltene Spitzenbilder aus Paris

Herstellungsort jener Spitzenbilder war meist Paris, aber auch aus Einsiedeln und Prag kamen diese mit Wasserfarben handkolorierten Kupferstiche oft.

Sie wurden anfangs mit Eiweiß und später mit Lack zur besseren Haltbarkeit überzogen. Bei großen Wallfahrten wurden die Andachtsbildchen verteilt und sie galten dann - zurück in der Heimat - als Beweis dafür, dass man teilgenommen hatte.

In Altötting wurde dabei auf jede Darstellung des Gnadenbilds sogar ein kleines Stück des Schleiers geklebt, mit dem das Gnadenbild während der Karwoche verhüllt war. Kurios sind die "Hauchbildchen", die ursprünglich mit tierischen Sulzen und Gelatine, später dann mit Zellophanfolie überzogen wurden und sich beim Anhauchen krümmten. Im Album finden sich auch "Fleißbildchen", welche Schüler für besondere Leistungen, nicht selten nach dem Sammeln von "Gut-Zettelchen" bekommen haben.

Selbst der Keller der Demleitners birgt Raritäten: über 60 Kevelaer, also steinerne Mass- und Seidelkrüge sind dort aufgereiht. Ob daraus einmal ein eigenes Heimatmuseum werden wird? Die halbe Ausstattung dazu könnte man ja schon bei Demleitners finden.

Als in Eschenfelden der Gasspeichner brannte

Eschenfelden bei Hirschbach
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