30.06.2020 - 15:01 Uhr
Haidenaab bei SpeichersdorfOberpfalz

Einem Pfeifenclub auf der Spur

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Wer weiß noch, dass es in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in dem heute 187 Einwohner zählenden Speichersdorfer Ortsteil Haidenaab einen Pfeifenclub gegeben hat? Heimatforscher Werner Veigl hat sich auf Spurensuche gemacht.

Edmund Wegmann (links) hütet die außergewöhnlichen und einzigartigen Pfeifenoriginale wie seinen Augapfel. Mit im Bild Heimatforscher Werner Veigl.
von Autor HAIProfil

Wie kaum in anderen Ortsteilen dieser Größenordnung gibt es heute in Haidenaab und Göppmannsbühl so viele Vereine. Zu den ältesten gehören die Feuerwehr (1893) und die Krieger- und Soldatenkameradschaft (1899), zu den jüngeren der Obst- und Gartenbauverein (1970), der ASV Haidenaab-Göppmannsbühl (1960 Jahre), die Landjugend (1987) sowie der Fanclub des TSV 1860 München (1991). Zudem gab es im vergangenen Jahrhundert auch Vereine, die den Zeitenwandel nicht überlebt haben. So existierten hier ein Burschenverein (1932) und ein Schützenverein St. Hubertus Göppmannsbühl/Haidenaab (1956). Und nicht zuletzt ein Pfeifenclub.

Akten und Archive

Heimatforscher Werner Veigl hat über Jahrzehnte Akten in Archiven und Literatur zur Vereinslandschaft gewälzt. Nur beim Pfeifenclub gestaltete sich die Suche schwierig, da sich hierzu keinerlei Unterlagen fanden. Dass dessen Existenz der Nachwelt überliefert wird, ist den Zeitzeugengesprächen Veigls zu verdanken. Ihnen widmete sich der heute 73-Jährige parallel zum Archiv- und Aktenstudium. Michael Emmerig (1922 bis 1995), Adolf Veigl (1910 bis 1996), Alois Veigl (1913 bis 2007) sowie Adolf Wegmann (1922 bis 2008) waren seine Gewährsmänner. Auch der 1904 geborene Georg Veigl, der bis 2000 in Haidenaab gelebt hat, wusste von der Existenz des Pfeifenclubs.

Einen Pfeifenclub gibt es auch in Brünst bei Georgenberg:

Brünst bei Georgenberg

Was es mit diesem illustren Kreis im Detail auf sich hatte, ist unbekannt. Fest steht jedoch, dass sich die Mitglieder jeden Donnerstag in wechselndem Rhythmus in den Gastwirtschaften Veigl und Scherm trafen. Sicher ist auch, dass die Gründung auf den Lehrer Ignatz Huber, dessen Biographie Veigl akribisch erforscht hat, zurückgeht. Vom 1. Februar 1911 bis zum 1. Januar 1928 unterrichtete der gebürtige Hahnbacher (bei Amberg) als Hauptlehrer 17 Jahre in Haidenaab. Mit großem Engagement setzte er sich für die Belange der Kirche und der politischen Gemeinde ein. Der musikbegeisterte Pädagoge gründete 1911 einen Kirchenchor in Haidenaab. 1912 brachte er es fertig, dass Haidenaab eine Haltestelle der Bahn wurde. Auf seine Initiative hin bekam 1919 die Gemeinde Haidenaab elektrisches Licht, und am 3. April 1920 wurde eine Posthilfsstelle in Göppmannsbühl am Berg 15 eingerichtet. Große Verdienste erwarb sich Huber bei der Wiederbeschaffung der Kirchenglocken 1926. In den ersten Jahren seines Wirkens versah er auch das Amt des Mesners in der St.-Ursula-Kirche. Huber verstarb im November 1929 in Ebnath im Alter von erst 50 Jahren.

Irgendwann zwischen 1911 und 1928 muss sich der passionierte Freund des blauen Dunstes entschlossen haben, einen Pfeifenclub zu gründen. Wie sich der Haidenaaber Wirt Georg Veigl erinnern konnte, zählten Christoph Pöllath, Michael Zaus, Josef Hann, August Wegmann, Wilhelm Spörer (alle Haidenaab) und Christoph Brunner (Göppmannsbühl am Bach) zu den Pfeifenfreunde. Zeugnisse der Existenz des Pfeifenclubs sind die heute im Besitz von Edmund Wegmann befindlichen Pfeifen.

Eine Menge Zubehör

Sein Großvater August Wegmann (siehe Infobox unten), der aus einer Gastwirts- und Landwirtschaftsfamilie in Rodenzenreuth bei Waldershof stammte, dürfte zu den passioniertesten Pfeifenrauchern gezählt haben. Fünf Pfeifen, drei Mundstücke und eine Pfeifen-Verlängerung fanden sich in dessen Nachlass. Die Prachtstücke sind von hohem ideelen Wert und werden von Wegmann seither gehütet wie seinen Augapfel. Als persönliche Erinnerungsstücke waren diese in seinem Elternhaus über alle die Jahrzehnte in einem Schrank weggesperrt. Allesamt feinste Handarbeit. Teils sind die dazugehörigen Etuis, die Wappen und das Signum "Garantiert echt Meerschaum" tragen, erhalten.

Herausragendstes Schmuckstück ist die mit einem Verlängerungsstück versehene und damit 1,20 Meter lange Pfeife aus Haselnussholz. Die Tabaktöpfe sind aus feinstem Porzellan und könnten im Rosenthal-Werk in Waldershof gefertigt worden sein, mutmaßt Wegmann. Ein Tabaktopf trägt in leuchtenden Pastellfarben das Motiv eines Weidmanns, der seine Anvertraute auf Händen trägt. Ein weiterer fröhliche Bauern, die das Erntefest feiern.

Zwei Hauptziele

Der Club hatte zwei Hauptziele: das gemeinsame Genießen des Pfeifenrauchens und die Förderung des geselligen Zusammenseins. "Man saß des Abends am Stammtisch zusammen, frönte dem Kartenspiel und ließ sich dabei die Pfeife schmecken. Das Rauchen in den Tonpfeifen wurde intensiv gepflegt", zitiert Werner Veigl den Haidenaaber Wirt Georg Veigl. Zur weiteren Förderung der Geselligkeit hielt der Pfeifenclub in der Faschingszeit sogar Tanzveranstaltungen in dem bis Mitte der 1960er Jahre existierenden Tanzsaal ab.

Hauptlehrer Ignatz Huber war der Gründer des Pfeifenclubs. Er verstarb im November 1929 in Ebnath im Alter von erst 50 Jahren. Er wurde geboren in Hahnbach bei Amberg. Seine letzte Ruhestätte fand er ebenfalls in Ebnath.
August Wegmann.
Zwei Prachtexemplare.
Information:

Zur Person

August Wegmann, geboren am 18. Juli 1884 in Rodenzenreuth, war Kriegsteilnehmer im Ersten Weltkrieg und hat die Schlacht von Verdun überlebt. Wie Heimatforscher Werner Veigl in seiner Chronik der Soldatenkameradschaft recherchiert hat, wurde der 19-Jährige am 6. August 1914, sechs Tage nach der Generalmobilmachung und der Kriegserklärung Deutschlands an Russland am 1. August, in das Bayerische Infanterie-Leibregiment eingezogen und musste mit der neunten Kompanie am 20. August 1914 ausrücken. 1915 wechselte er in die neunte und erste Kompanie. Am 1. Januar 1916 wurde er zum Unteroffizier und am 21. Juni 1916 wegen Tapferkeit zum Sergeant befördert. Am 21. Februar 1916 wurde er mit dem Bayerischen Militärverdienstkreuz 3. Klasse mit Krone und Schwertern und am 22. März 1916 mit dem Eisernen Kreuz 2. Klasse ausgezeichnet. Wegmann nahm an Gefechten in Lothringen, an der Schlacht vor Nancy-Epinal und an der Schlacht an der Somme teil. Es folgten Stellungskämpfe westlich von St. Quentin, wieder an der Somme, die Herbstschlacht bei La Bassee und Arras, Stellungskämpfe im Artois und Gefechte bei Neuville-St. Vaast.

Wegmann überlebte schließlich schwer verwundet die Schlacht vor Verdun. In der Feldstellung vor Verdun durch ein Artilleriegeschoss verwundet und verschüttet erlitt er einen Nervenschock. Die Entlassung erfolgte im November 1918 vom 24. Bayerischen Infanterie-Regiment, 1. Kompanie in Schweinfurt. 1919 heiratete August Wegmann in das Landwirtschaftsanwesen Kopp in Haidenaab 2 ein. Am 23. Januar 1933 übernahm er bis zu seinem Tod den Vorsitz der Krieger- und Soldatenkameradschaft. Er starb am 7. August 1938 mit 54 Jahren an einem Magendurchbruch im Krankenhaus Marktredwitz.

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