18.09.2020 - 14:54 Uhr
HirschauOberpfalz

Vor 45 Jahren: Musikzug Hirschau führt Steuben Parade in New York an

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Das Jahr 1975 ist ein außergewöhnliches in den Annalen des Hirschauer Musikzugs: Gründung der Majoretten, Umbenennung des Spielmanns- in Musikzug, erstes Marktplatzfest und als Krönung Teilnahme an der Steuben Parade in New York.

Vor dem New Yorker Rathaus hatte der Musikzug am 19. September 1975 seinen ersten Auftritt in einem anderen Erdteil.
von Werner SchulzProfil
Cheforganisator der US-Reise war 1975 der Gründer und Boss des Musikzugs Sepp Uschold (links). Bürgermeister Willi Bösl (rechts) ließ es sich nicht nehmen, den Musikzug seiner Heimatstadt nach New York zu begleiten.
Der Musikzug hat schon dutzende Auftritte im europäischen Ausland absolviert. Die Teilnahme an der Steuben Parade 1975 ist bis heute der einzige auf einem anderen Kontinent. Links im Bild: Bernhard Gericke.

107 Hirschauer, unter ihnen 65 aktive Spielleute, flogen am 18. September 1975 zu der größten Musikparade der USA über den großen Teich. Sie findet seit 1958 alle Jahre am dritten September-Samstag auf der 5th Avenue in New York zum Gedenken an den deutschen General Freiherr von Steuben statt. Er wurde unter dem Oberbefehl von George Washington zum Helden des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges. Die Parade 1975 war die bis dahin größte, galt sie doch als Auftakt zu den Feiern, die die deutschstämmigen Amerikaner zum 200. Geburtstag der Vereinigten Staaten in die Tat umsetzten. Der Hirschauer Musikzug hatte am 20. September die Ehre, den Paradezug mit über 14 000 Teilnehmern anzuführen.

Mit der Steuben Parade zeigen die deutschstämmigen Amerikaner - alleine in New York City leben etwa 500 000 - mit Festwagen und Gruppen, welche Verdienste sich die deutschen Einwanderer um die Gründung der USA erworben haben. Zugleich soll die gute Verbindung zwischen der neuen und alten Heimat zum Ausdruck kommen.

Bürgermeister Bösl mit dabei

Daher laden die Organisatoren auch Gruppen aus Deutschland ein. Vor 45 Jahren gehörte der Musikzug dazu. Ein Vertreter des Organisationskomitees hatte die Hirschauer bei einem Auftritt gesehen und die Einladung veranlasst. Nach mehrmonatiger Vorbereitung machte sich der Musikzug mit seinem Boss Sepp Uschold und begleitet von Bürgermeister Willi Bösl auf die Überseereise. Damit das Unternehmen für die Teilnehmer finanziell gestemmt werden konnte, hatte man das erste Marktplatzfest aus der Taufe gehoben und bei verschiedenen Stellen mit Erfolg um Finanzspritzen gebeten. So konnte man den Reisepreis von ursprünglich 1025 auf 860 Mark pro Person drücken. Der spätere Musikzug-Vorsitzende Werner Stein erinnert sich: "Sogar der Bayerische Ministerpräsident Alfons Goppel hatte 500 D-Mark locker gemacht."

Für die meisten Teilnehmer, von denen einige noch im Kindesalter waren, war die Reise mit der Boing 707 der erste große Flug. So mancher Mitreisende erinnert sich an die Aufregung, mit der man die Prozeduren auf dem Flugplatz München-Riem und auf dem Kennedy-Airport über sich ergehen ließ. Die Hirschauer wurden genau gefilzt. Besondere Probleme hatten Bürgermeister Bösl und der jüngste Mitreisende Heinz Bergmann. Das Stadtoberhaupt musste wegen seiner Armprothese zweimal durch das Kontrollgerät. Den kleinen Musikus hielt man für einen Ausreißer.

Nach dem elfeinhalb-stündigen Flug erfolgte am Kennedy-Airport die offizielle Begrüßung durch den Vizepräsidenten des German American Comitee of Greater New York, George Pape. Dazu hatte sich auch eine Reihe Ex-Hirschauer eingefunden. Sie hatten ein großes Plakat mitgebracht: "Herzlich willkommen, Spielmannszug Hirschau!"

Mord im Hotel gegenüber

Rasant ging es zum Taft-Hotel an der 7th Avenue, ein Hotel mit 3000 Betten und 2000 Mitarbeitern. An diese erinnert sich Heidi Scharl, damals als Zwölfjährige die jüngste ohne Begleitung Mitreisende, noch recht gut: "Ich war das erste Mal ohne Eltern so weit weg. Meine Freundin Roswitha, sie war 13 Jahre, hatte im achten Stock ein Doppelzimmer. Dann passierte im Hotel Victoria gegenüber auch noch ein Mord und wir hatten Angst, alleine im Zimmer zu schlafen." Einen ersten Eindruck von der Weltmetropole erhielt man tags darauf bei der Stadtrundfahrt. Sie endete am New Yorker Rathaus. Dort wurde die Reisegruppe vom Kulturreferenten der Stadt, Musikdirektor Seuffert, im Namen von Bürgermeister Abraham Beame begrüßt wurden. Der war wegen der Trauerfeier für zwei ermordete Polizisten verhindert.

Start vor dem Rathaus

Vor dem Rathaus hatte der Musikzug seinen ersten Auftritt in einem anderen Erdteil. Bürgermeister und stellvertretender Landrat Willi Bösl dankte für den herzlichen Empfang und überreichte Seuffert ein Präsent der Stadt und des Landkreises. Als Gegengeschenk erhielt er den "Goldenen Schlüssel der Stadt New York" als Anstecknadel. Den freien Nachmittag nutzten die Hirschauer zum Besuch des Empire State Buildings und des UN-Gebäudes oder zu einem Stadtrundflug.

Absoluter Höhepunkt der Reise war die Teilnahme an der Steuben Parade. Der Musikzug hatte die Ehre, den farbenprächtigen Zug mit über 14 000 Teilnehmern anzuführen. Hunderte von Musikkapellen und Spielmannszügen wechselten in bunter Folge mit Festwagen, Volks- und Trachtengruppen.

Viereinhalb Stunden unterwegs

Den Mittelpunkt bildeten historische Darstellungen auf Festwagen und in Gruppen, die vor allem die Pionierzeit der deutschen Einwanderer zeigten. Aus der Bundesrepublik waren rund 30 Folklore-Gruppen, Musikzüge und Kapellen mit von der Partie. Die Hirschauer erlebten einen großen, aber auch anstrengenden Tag, dauerte die Parade doch gute viereinhalb Stunden. Hunderttausende säumten die Straßen. Die Haupttribüne befand sich an der 5th Avenue. Ehrengast war der bayerische Wirtschaftsminister Anton Jaumann. Die Hirschauer ernteten in ihrer schmucken Landsknechttracht auf der ganzen Strecke stürmischen Beifall für ihr flottes Spiel. Heidi Scharl blickt zurück: "Die Avenues waren so breit. Das Marschieren war für mich gar nicht so einfach. Die Abstände zwischen den Musikern waren recht groß. Ich hatte damals noch sehr kurze Beine. Da war es für mich schwierig mitzuhalten. Alles war einfach aufregend!"

Feuerwehr-Chef fordert Zugaben

Anschließend wurden die Hirschauer von der 17. Division der New Yorker Feuerwehr, deren Chef aus Göttingen stammte, eingeladen. Während des feuchtfröhlichen Zusammenseins musste der Musikzug immer wieder aufspielen, da der Feuerwehrchef zu gerne deutsche Marsch- und Heimatlieder hören wollte. Die Feuerwehr erwies sich als guter Gastgeber. Zum Abschied gab es für Bürgermeister Bösl den Feuerwehr-Ehrenhut.

Der Besuch des Musikzuges war zugleich Anlass für ein Heimattreffen in Amerika lebender ehemaliger Hirschauer. Dazu waren auch Karl Meier und Christian Leikermoser mit seiner aus Gebenbach stammenden Frau eigens von Kanada nach New York geflogen. In einem Wienerwald-Restaurant herrschte bald urgemütliche Stimmung, die Robert Hierl und Rolf Mader durch flotte Musik anheizten. Bürgermeister Bösl ließ es sich nicht nehmen, allen Ex-Hirschauern eine Stadtchronik zu überreichen.

Treffen mit Rudi Kugler

Für den Feuerwehr-Chef gab es einen Stadtkrug. Musikzug-Boss Sepp Uschold bedankte sich bei seinem seit Jahren in Amerika lebenden Schulkameraden Rudi Kugler, der den Hirschauern ein ausgezeichneter Reiseführer war, mit einem Ehrenkrug. Der revanchierte sich mit einer Einladung an Uschold und Bürgermeister Bösl zu einem Besuch in seinem amerikanischen Heim. Zum Abschluss des fünftägigen Aufenthalts unternahm die Besuchergruppe eine Bootsfahrt rund um Manhattan. Dann galt es Abschied zu nehmen von New York. Im Flugzeug ging es zurück nach München. Dort wartete eine Überraschung auf den Musikzug.

Auf Vermittlung des Landtagsabgeordneten Hans Wagner, dem späteren Landrat, wurden die Spielleute eingeladen, auf dem Oktoberfest vor dem Zelt der Löwenbrauerei ein Ständchen zu spielen. In Hirschau hießen Zweiter Bürgermeister Hans Dobmeyer und gut 2500 Schaulustige die Heimkehrer abends auf dem Marktplatz mit stürmischem Beifall willkommen. 1997 wurde laut Werner Stein eine zweite Teilnahme an der Steuben Parade in Erwägung gezogen. Der Gedanke wurde aber schnell wieder verworfen.

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