1200 Hirschauer Schlachtenbummler reisen vor genau 50 Jahren per Sonderzug mit 19 Waggons oder mit Privat-Autos in die oberbayerische Kurstadt Bad Tölz, darunter auch Landrat Hans Raß, Landtagsabgeordnete Maria Geiß-Wittmann und selbstverständlich Bürgermeister Willi Bösl. Auch der örtliche Spielmannszug ist mit Pauken und Trompeten dabei. Alle wollen ihr Team beim TV-Städteduell „Spiel ohne Grenzen“ gegen die Gastgeber nach Kräften unterstützen. „Hirschau ran, wer kann, der kann“ oder: „Unheimlich dringt’s aus dem Gehölz, heute schlagen wir Bad Tölz“ – so lauten die Schlachtrufe. Auf einem Transparent steht: „Hirschau, größte Kaolinstadt Deutschlands“. Ob im Eisstadion oder im Fernsehsessel – alle sollen unvergessliche 75 Minuten erleben.
Die Vorgeschichte
Dass Hirschau an der in den 1960er- und 1970er-Jahren beliebten TV-Spielshow teilnimmt, ist das Verdienst von Hans Dobmeyer, damals Mitglied des Stadtrats und Vorsitzender des SC Monte Kaolino. Er ist Initiator, Motor und Koordinator des Unterfangens. Es funkt bei ihm, als er 1971 eine Übertragung von „Spiel ohne Grenzen“ ansieht: „Wir haben doch den Monte, ein Freizeitzentrum, das sich sehen lassen kann, und einen mittelalterlichen Marktplatz. Wir könnten doch mitmachen.“ Am 8. Mai 1971 schreibt er an Moderator Camillo Felgen. 16 Tage später kommt der Bescheid, dass sich nur die Stadt bewerben kann. In der Bauausschusssitzung am 22. Juli kommt eine mögliche Bewerbung zur Sprache, Tenor: Man könne weder Bad noch Marktplatz 14 Tage lang sperren. Hans Dobmeyer aber gibt nicht auf. Er schlägt am 28. Juli im Stadtrat vor, das Spiel vor der Saison abzuhalten. Das Gremium sagt Ja zur Bewerbung beim WDR.
Die Fernsehleute schicken Unterlagen und setzen für den 22. September eine Besichtigung fest. Im Vorfeld wird geputzt, aufpoliert und aufgemöbelt. Die Mitglieder des WDR-Teams kommen einen Tag früher, um sich unerkannt alles anzusehen. Sie sind begeistert vom Monte Kaolino, lehnen aber ab: Der Sandberg ist ihnen zu steil, das Gelände zu klein. Zum Trost schlägt „Spielemutter“ Marita Theile die Teilnahme an einem Spiel auf Eis in Oberbayern vor.
Hans Dobmeyer denkt an die Schlittschuhläufer am Moosweiher und stimmt zu. Nun jagen sich Verhandlungen und Unterredungen. Am 13., 14. und 15. Oktober wird der Filmvorspann in Hirschau gedreht, für 1. Dezember eine Besprechung in Bad Tölz angesetzt. Als Trainer werden Hermann Häckl und Werner „Bobby“ Schertl gewonnen. Die 15 Spieler werden ausgewählt: Luzia Dietz, Gerlinde Strobl, Maria Strobl, Alfons Flor, Herbert Fuchs, Richard Gaßner, Hans Graf, Josef Holzer, Waldemar Krölloff, Rainer Linthaler, Richard Niebler, Werner Marschalek, Jürgen Rödig, Helmut Schmidt und Rudolf Wild. Der ERSC Amberg stellt sein Stadion zum Training kostenlos zur Verfügung. Zweifelt jemand am Gelingen, baut ihn Hans Dobmeyer auf: „Das Spiel steht 50 zu 50, wir werden gewinnen.“
Die Vorbereitung
Drei Tage vor dem großen Ereignis heißt es für Hans Dobmeyer, Hermann Häckl, Werner Schertl und das Team: ab nach Bad Tölz. Beim Üben erleben die Hirschauer Pleite um Pleite. Sie verlieren fast jedes Trainingsspiel gegen die vom 101-fachen Eishockey-Nationalspieler Hans Rampf trainieren Gastgeber. Im Team der Tölzer stehen deutsche Meister und Nationalspieler. Werner Schertl: „Wir wurden von den Tölzern als Sportler zweiter Klasse angesehen und unterschätzt. Bei jedem Auftreten wurden wir belächelt oder als Kanonenfutter der Tölzer Stars bezeichnet.“ Die letzte Probe endet 20:2 für Bad Tölz. Die Hirschauer sind am Boden zerstört. Um 14 Uhr sitzen die Spieler im Eisstadion auf ihrer Bank. Hermann Häckl und Bobby Schertl muntern sie auf, Hans Dobmeyer versucht noch ein Späßchen. 15 Uhr – das Spiel beginnt.
Das Spiel
Die Hirschauer erwischen einen schlechten Start, liegen nach drei Spielen mit 0:6 zurück. Eine Katastrophe scheint sich anzubahnen. Man zieht beim Vogel-Strauß-Spiel den Kürzeren, unterliegt beim Ballspiel und verliert überraschend das Eisstockschießen. Beim Skispiel holt das Hirschauer Quintett den ersten Sieg und verkürzt auf 2 zu 6. Die Freude währt nur kurz. Beim fünften Spiel „Die Ringe“ setzen die Tölzer ihren Joker. Luzia Dietz und die Strobl-Schwestern haben keine Chance. Spielstand 2:10. Dann ein Hoffnungsschimmer: Hermann Häckl gewinnt das Trainerspiel. Nach dem Knoten-Knüpfspiel steht es 4:10. Es folgt der nächste Dämpfer. Beim Schneemänner-Spiel verliert Rudi Wild die Balance, Hirschau die Punkte– 4 zu 12. Kommentar der Abendzeitung am 9. April: „Als Tölz mit 12 zu 4 führt, fällt bei den Hirschauern das Wort Stalingrad!“
Beim Spiel Schlittenfahrt setzen die Hirschauer ihren Joker. Rainer Linthaler, Waldemar Krölloff und Alfons Flor rechtfertigen das Vertrauen. Beim Stand von 8 zu 12 treten Richard Gaßner und Herbert Fuchs zum Esel-Spiel an. Fuchs kann durch einen winzigen Schlitz sehen, Gaßner läuft blind. Als der Tölzer Esel ein Tore umwirft, ist das Spiel für Hirschau gewonnen: 10 zu 12. Als Superlativ erweist sich das Clown-Spiel. Werner Marschalek muss Messer, Gabel, Bierkrug (möglichst ohne Wasser zu verschütten), die Würste- und Knödelplatte sowie als Gast Hans Graf zum gedeckten Tisch bringen. Das Publikum rast. Graf sitzt triumphierend als erster am Tisch. Vor dem letzten Spiel steht es 12 zu 12. Die Hirschauer sind nun euphorisch. Beim Schnee-Spiel schieben Luzia Dietz, Gerlinde und Maria Strobl die Flocken zur Ziellinie. Richard Niebler und Jürgen Rödig schaufeln den Schnee in einen Behälter. Hirschau gewinnt mit vier Kilo Vorsprung. Endstand: 14 zu 12. Die Spieler bewerfen sich mit und plumpsen in den Schnee, Hans Dobmeyer taucht glückselig in den weißen Flocken unter. Die Zuschauer jubeln: "So ein Tag, so wunderschön wie heute ...“
Während die Schlachtenbummler in den Gasthäusern und ab 19 Uhr im Sonderzug den Sieg genießen, finden sich die Mannschaften und weitere geladene Gäste im Kurhaus ein. Nach dem Austausch von Geschenken und dem Genuss eines bayerischen kalten Buffets legt man bis in die Morgenstunden manch kesse Sohle auf das Parkett.
Der Empfang daheim
Tags darauf bereitet die Hirschauer Bevölkerung ihrer Siegermannschaft einen triumphalen Empfang. Gut 2000 Männer, Frauen und Kinder haben sich auf dem Marktplatz versammelt. Bürgermeister Willi Bösl spricht dem jubelnden Publikum aus dem Herzen: „Ganz Hirschau ist stolz auf euch.“ Trainer Häckl bedankt sich bei dem „phantastischen Publikum, dem besten der Welt“. Landrat Hans Raß zollt dem Team ein paar Tage danach in seinem Amtszimmer höchste Anerkennung für seine Leistungen.
Die nächste Runde
Die Mannschaft kann sich aber nicht auf ihren Lorbeeren ausruhen. Der Sieg bedeutet die Qualifikation für „Spiel ohne Grenzen“ auf internationaler Ebene am 23. Mai im belgischen Spa. Neben den Gastgebern und Hirschau sind Teams aus La Chaux-de-Fonds (Schweiz), Anglet (Frankreich), Salisbury (Großbritannien), Ostuni (Italien) und Franeker (Niederlande) qualifiziert.
Fernsehsendung "Spiel ohne Grenzen"
- TV-Unterhaltungssendung: Eine in den 1960er- und 1970er-Jahren beliebte Spielshow, die in Deutschland vom Westdeutschen Rundfunk live ausgestrahlt wird.
- Spielprinzip: In der national ausgetragenen Stufe kämpfen pro Jahr acht nationale Städtemannschaften (jeweils 25 Teilnehmer und drei Reservespieler) in vier jeweils am Samstagnachmittag ausgestrahlten Wettbewerben gegeneinander, um sich international zu qualifizieren.
- Spiele: Mischung aus sportlicher und geschicklicher Herausforderung. So müssen die Teilnehmer zum Beispiel Gegenstände – häufig Behälter, in denen Wasser transportiert wird – über (durch Schmierseife) rutschige, sich bisweilen auch bewegende Flächen zu einem Zielpunkt bringen, wobei meistens Mitglieder der gegnerischen Mannschaft versuchten, sie daran zu hindern. Pro gewonnenem Spiel gibt es Punkte.

















An genau dieses 'Spiel ohne Grenzen' kann ich mich nicht mehr erinnern, aber an die Sendung im allgemeinen schon. Da saß immer die ganze Familie vor dem TV und fieberte mit; genau wie bei der Sendung 'Rätselflug', die war auch immer sehr spannend. Schöne Erinnerungen. :-D
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