11.01.2021 - 10:26 Uhr
HirschauOberpfalz

CSU-Ortsverband Hirschau vor 75 Jahren als CSE gegründet

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Bis 1965 war das Kommunbrauhaus an die Rathaus-Westseite angebaut. In dessen Fahnensaal schlug am 7. Januar 1946, also vor 75 Jahren, die Geburtsstunde des CSU-Ortsverbands Hirschau.

Schneidermeister Anselm Freimuth (links) initiierte am 7. Januar 1946 die Gründung der Christlich Sozialen Einheit (CSE) im Fahnensaal des Hirschauer Kommunbrauhauses. Mit auf dem Bild Ehefrau Barbara und Sohn Paul, der 1955 seinem Vater als CSU-Ortsvorsitzender nachfolgte, von 1956 bis 1978 dem Stadtrat angehörte und von 1960 bis 1972 Hirschaus Zweiter Bürgermeister war.
von Werner SchulzProfil

Am 22. April 1945 marschierten die US-Amerikaner nach Hirschau ein. Die Soldaten enthoben den seit 1933 amtierenden Bürgermeister Thoma seines Amtes. Sägewerksbesitzer Mathias Amann, ein Sozialdemokrat, der von 1919 bis 1933 bereits Mitglied des Stadtrats war, wurde zum Bürgermeister ernannt. Landrat Martin Winkler teilte ihm seine Ernennung, die im Einvernehmen mit der Militärregierung getroffen wurde, mit Schreiben vom 19. Juli 1945 mit. Amann meldete am 23. Juli 1945 die Übernahme der Amtsgeschäfte.

Als Stellvertreter wurde mit Schneidermeister Anselm Freimuth ein ehemaliger BVP-Stadtrat eingesetzt. Er war am 28. Juni 1933 wegen abwertender Äußerungen über die NSDAP, besonders über Adolf Hitler, verhaftet und ins Gefängnis in die Frohnfeste nach Amberg verbracht worden. Dort verblieb er bis zum 10. Juli 1933. Nach seiner Entlassung wurde er von den Nazis unter Hausarrest gestellt. Begründet wurde dies mit seinen öffentlichen Hitler-Beschimpfungen.

Nach dem von der NSDAP im Juni 1933 erzwungenen „freiwilligen” Abschied der BVP-Kommunalpolitiker aus dem Stadtrat hatte sich der Ortsverband der Bayerischen Volkspartei aufgelöst. Die Auflagen und das Parteienverbot der US-Militärregierung, die Beschäftigung mit den eigenen existentiellen Nöten und die negative Besetzung des Begriffs „Partei” waren ursächlich, dass sich in Hirschau zunächst niemand an die Wiederbelebung der alten BVP oder die Gründung einer neuen Partei wagte.

Selbstverständlich blieben auch hier die Bestrebungen nicht unbekannt, eine neue Partei, eine christliche Sammlungsbewegung, ins Leben zu rufen. In Kastl war zum Beispiel Ende 1945 ein Ortsverband der CSU gegründet worden. In Kümmersbruck hatte Pfarrer Reitinger im Herbst 1945 eine Gruppe von Männern und Frauen in den Pfarrhof eingeladen, um die Gründung einer christlichen Partei vorzubereiten.

Für Anselm Freimuth war klar, dass die Abkehr von den Grundsätzen des Christentums die Ursache der Barbarei war, die das deutsche Volk und die ganze Welt in entsetzliches Unglück gestürzt hatte. Für ihn war die Rückkehr zu diesen Grundsätzen der einzig taugliche Weg zum Wiederaufblühen Deutschlands. Er war überzeugt, dass man den Wiederaufbau und das Errichten einer staatlichen Ordnung selbst in die Hand nehmen musste, sie nicht ausschließlich den Sozialdemokraten, schon gar nicht den Kommunisten überlassen durfte.

Schließlich war es der von den Amerikanern eingesetzte Landrat Martin Winkler, der Freimuth animierte, für den 7. Januar 1946 eine Versammlung einzuberufen mit dem Ziel, die Partei der Christlich-Sozialen Union zu gründen. Winkler und Freimuth kannten sich seit vielen Jahren durch die Zusammenarbeit im Christlichen Bauernverein.

Auch SPD-Bürgermeister Amann, mit dem Freimuth von Jugend an befreundet war, hielt seinen Stellvertreter an, etwas in Richtung BVP-Wiederbelebung oder Parteineugründung zu unternehmen. Paul Freimuth, Anselm Freimuths Sohn und 1955 sein Nachfolger im CSU-Ortsvorsitz, erinnert sich an Amanns Aufforderung: „Anselm, ihr möißt’s daou a wos tou." Ähnliches berichtete CSU-Gründungsmitglied Wilhelm Schorner, der in Amanns Sägewerk beschäftigt war.

Dem SPD-Mann war daran gelegen, dass sich die christlich-konservative Seite wieder politisch formierte, um am Wiederaufbau der Heimat mitzuarbeiten. Als bekannt wurde, dass am 27. Januar 1946 die ersten Kommunalwahlen nach dem Krieg stattfinden sollten, entschloss sich Freimuth endgültig, zur Gründung einer neuen Partei einzuladen.

Dies geschah in aller Regel durch persönliche Gespräche, zu denen Freimuth ehemalige BVP-Mitglieder und -Anhänger sowie, wie sein Sohn Paul Freimuth es formulierte, andere „ehrenwerte Männer" aus kirchlichen Kreisen aufsuchte. Ein Aufruf über die Presse war nicht möglich, da es zu dieser Zeit keine Zeitungen in Hirschau gab. Die Hirschauer konnten sich nur durch ein Amtsblatt informieren, das in vierwöchigem Turnus erschien.

Bei seinen Unterredungen stieß Freimuth oft auf Skepsis, allerdings auch auf Zustimmung. So wagte er es, die Gründungsversammlung anzusetzen. Sie sollte am 7. Januar 1946, um 19 Uhr im ehemaligen Fahnensaal des Kommunbrauhauses stattfinden, das damals noch an den Westgiebel des Rathauses angebaut war.

Dort erschienen 47 Männer zu der Veranstaltung, die im Protokollbuch ausdrücklich als „keine öffentliche Versammlung” bezeichnet wird. Anselm Freimuth übernahm die Leitung und bestimmte Walter Hufeld zum Protokollführer. Dessen Niederschrift ist zu entnehmen, dass sich die Anwesenden einstimmig für die Gründung einer „Christlich-Sozialen Einheit” aussprachen.

Die Nachforschungen erbrachten keine Aufschlüsse, warum die Partei auf den Wahlscheinen bei den Wahlen am 27. Januar 1946 als „Christlich-Soziale Einigung” aufgeführt wurde. Eine formelle Aufnahme von Mitgliedern in die CSE oder die Wahl eines Vorstands erfolgten nicht. Vielmehr war die Aufstellung der Kandidatenliste für die Stadtratswahlen wichtigster Tagesordnungspunkt.

Der Wahlausschuss hatte unter den Anwesenden zwischen „unbelasteten” und „belasteten” Personen zu unterscheiden. Letztere durften nicht für den Stadtrat kandidieren. Von den 47 Anwesenden nahmen 36 an der Wahl der Kandidaten teil.

Der Hirschauer Stadtrat hatte damals nur elf Sitze, wie das Protokoll der konstituierenden Sitzung vom 7. Februar 1946 belegt. Trotzdem wurde für die „CSE” eine Kandidatenliste mit 16 Personen gewählt: Johann Brumbach und Heinrich Dobmeyer (34 Stimmen), Michael Fleischmann (31), Anselm Freimuth (30), Wilhelm Schorner (29), Johann Leistl (27), Franz Gebhardt (26), Georg Wittmann (24), Hans Gallwitzer und Walter Hufeld (2), Georg Dobmeier (20), Johann Rösch und Johann Götz (19), Josef Mendl (18), Clemens Haas und Andreas Gallwitzer (17).

Die Tatsache, dass es am 7. Januar 1946 zwar zur Parteigründung (CSE) und zur Aufstellung einer Stadtratskandidatenliste gekommen war, aber zu keiner Wahl eines zumindest kommissarischen Vorstand, dürfte eine Hirschauer Besonderheit sein. Diese Formalitäten wurden erst, wie das Protokollbuch belegt, bei einer Zusammenkunft am 4. März 1946 nachgeholt.

Als Gründungsmitglieder werden 14 Männer genannt: Anselm Freimuth (Erster Vorsitzender), Johann Brumbach (Zweiter Vorsitzender), Heinrich Dobmeyer (Schriftführer), Johann Leistl, Michael Fleischmann, Johann Rösch und Hans Gallwitzer (alle Beisitzer) sowie Franz Gebhard, Wilhelm Schorner, Josef Freimuth, Michael Fleischmann (Lagerhaus), Georg Rösch und Johann Wittmann.

Anselm Freimuth legte letztendlich den Grundstein dafür, dass die CSU in Hirschau politische Verantwortung übernahm und seit nunmehr 75 Jahren maßgeblich zur positiven Entwicklung der Stadt beiträgt.

CSU als Hirschaus Gestalter

Wie das Gründungsprotokoll zeigt, folgten 47 Männer am 7. Januar 1946 dem Aufruf von Schneidermeister Anselm Freimuth, in Hirschau eine neue Partei, die CSE, zu gründen. Aus dieser Gruppierung ging der CSU-Ortsverband hervor.
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