30.09.2020 - 10:08 Uhr
HirschauOberpfalz

Gesangverein Hirschau wird am 1. Oktober 160 Jahre alt

Der 1. Oktober ist ein für das kulturelle Leben der Stadt Hirschau denkwürdiges Datum. Im Jahr 1860 hat an diesem Tag die Geburtsstunde des Gesangvereins 1860 geschlagen. Er ist damit der älteste Verein der Kaolinstadt.

Die älteste bekannte Aufnahme des Gesangvereins Hirschau stammt aus dem Jahr 1885.
von Werner SchulzProfil

Mit der Vereinsgründung waren die Sangesbrüder zwei Monate früher dran, als die Gründer des Katholischen Gesellenvereins, der heutigen Kolpingfamilie. In den Vereins-Annalen findet sich ein von den Vorsitzenden Andreas Janner, Georg Engelhardt und Ritschl „in schuldigster Ehrfurcht“ unterzeichnetes Schreiben, in dem zu lesen steht: „Einem hochlöblichen Stadt-Magistrate Hirschau wird hiermit ergebens zur Anzeige gebracht, dass sich am 1. Oktober 1860 ein Gesangsverein gebildet hat.“ Verbürgt ist, dass der Gesangverein 1860 Amberg bei der Gründung Pate stand.

Über das Vereinsleben vor 1900 gibt es keine Aufzeichnungen, nur ein Gruppenbild aus dem Jahr 1885 und ein Foto der 1890 geweihten Fahne mit dem Erinnerungsband an das Deutsche Sängerfest 1861 in Nürnberg. Das Protokollbuch beginnt mit dem Jahr 1901. Als eindrucksvollste Feier, die Hirschau vor dem Ersten Weltkrieg erlebte, wird 1911 die dreitägige goldene Jubelfeier zum 50-Jährigen des Vereins beschrieben, bei der die neue Fahne mit der Aufschrift „Treu unser Herz, wahr unser Wort, deutsch unser Lied, Gott unser Hort” geweiht wurde. Bis 1920 war der Gesangverein ein bürgerlicher Verein. Um Mitglied zu werden, musste man unter anderem „Bürger oder Bürgersohn sein, guten Ruf und ein gesittetes Betragen haben", eine Stimmprüfung bestehen und eine Ballotage über sich ergehen lassen, eine geheime Abstimmung mit roten und schwarzen Kugeln. Die Aufnahme erfolgte nur bei Einstimmigkeit.

Um 1920 bildete sich zusätzlich ein Arbeitergesangverein, außerdem ein Doppelquartett von meist norddeutschen Werkmeistern der Keramikfabriken. Dieses erweiterte sich 1924 zum Liederkranz Hirschau. In der Stadt gab es in den 1920er-Jahren drei Gesangvereine mit je 30 bis 40 Sängern. Sie wetteiferten in Liedpflege, Orchesterspielen und Theateraufführungen. 1912 war der Männergesangverein (MGV) dem Fränkischen Sängerbund beigetreten. Man beteiligte sich an Deutschen Sängerfesten etwa 1924 in Nürnberg und 1928 in Wien. Am 25. Juli 1922 fand in Hirschau der Gausängertag statt. Vorsitzender Herrneder berichtete euphorisch: "Zwölf stattliche Triumphbögen verschönerten das Stadtbild, kein Haus, das nicht mit Girlanden, Kränzen und Fahnen geziert war, als sich der von der Reichswehrkapelle angeführte Festzug durch die Stadt bewegte - ein Bild, das Hirschau noch nicht gesehen hatte.“ Zum Abschluss erklang vor dem Rathaus aus 1000 Kehlen Beethovens „Ehre Gottes". 1933 vereinigten sich die drei Gesangvereine. Über die Zeit bis 1945 schreibt der Chronist: „Unser Gesangverein war in den Jahren der Bewegung zur Ruhe gegangen”.

Zählte Hirschau 1940 rund 3500 Einwohner, stieg die Zahl durch die Heimatvertriebenen bis 1950 auf 4500 an. Sie gaben dem Sangesleben neuen Auftrieb. Unter Leitung von Kapellmeister Georg Kunze aus Breslau bildete sich ein Gemischter Chor mit über 40 Damen und Herren. Der probte bis 1951 im Gasthaus Goldener Schwan, dem heutigen Werkmarkt Eisen Schertl. 1955 riefen Gerhard Grobba und Georg Kunze im Gasthof Zum Bären den Männergesangverein mit 14 Aktiven wieder ins Leben. Als 1959 in Hirschau das Kreissängerfest stattfand, zählte der Verein 31 aktive und 20 passive Mitglieder. 1961 feierte der Verein sein 100-Jähriges. Das 1200 Personen fassende Festzelt war überfüllt. Am Festzug beteiligten sich 21 Gesangvereine mit 500 Sängern. 1964 war ein Sängertreffen auf dem Mausberg mit den Vereinen aus Hirschau, Ehenfeld, Gebenbach, Schnaittenbach und Ursulapoppenricht der Auslöser zur Gründung der Sängervereinigung Hirschau und Umgebung. Sie wurde 1974 mangels Probenbereitschaft wieder aufgelöst.1985 feierte der MGV sein 125-Jähriges mit 35 aktiven Sängern. 1990 zeichnete die Stadt den Verein für seine kulturellen Beiträge im weltlichen und kirchlichen Bereich mit dem Kulturpreis aus.

1991 endete nach zwölf Jahren die Ära Anton Luber. Er wurde zum Ehrenvorsitzenden ernannt, Günter Übelacker zu seinem Nachfolger gewählt. Dieser sollte 22 Jahre lang an der Spitze der Vereins stehen und maßgeblich an der Eingliederung des Gemischten Chores mitwirken. Für den MGV erwies es sich als Glücksfall, dass die kirchliche Schola 1998 eine Chorleitung suchte, die der MGV-Dirigent Michael Kallert übernahm. In Folge wurde der Vereinsname in Gesangverein 1860 Hirschau geändert. Im gleichen Jahr feierte man das 140-Jährige mit einem großen Festabend im Josefshaus.

Der Männerchor entwickelte sich mehr und mehr zum Sorgenkind. Die Zahl der Sänger ging zurück. Man konnte nur mehr dreistimmiges Liedgut singen. Um den verbliebenen 13 Sängern das Weitersingen zu ermöglichen, wurde beim Männerchor Ehenfeld 2008 um eine Chorbeteiligung angefragt, 2008 fand die erste gemeinsame Probe statt. Dafür trat der Gemischte Chor immer mehr ins Rampenlicht. 2005 übernahm Jana Müller dessen musikalische Leitung. Seit 2006 lädt der Chor jedes Jahr auf die Festspielbühne im Schlosshof zur Sommerserenade ein.

Zwischenzeitlich wieder aufgelöst hat sich der 2005 gebildete Monte-Chor mit Sängern aus Hirschau, Ehenfeld, Schnaittenbach und Freudenberg. 2010 wirkte der Chor noch mit beim Festkonzert zum 150-Jährigen des Gesangvereins. Der Gemischte Chor feierte sein 20-jähriges Bestehen 2018 mit einem Festkonzert. Zu diesem Zeitpunkt war der Gesangverein, einst eine reine Männerdomäne, längst von Frauen übernommen worden. Mit Renée Ehringer-Hoffmann wurde 2013 erstmals eine Frau Vorsitzende des Traditionsvereins, nachdem Günter Übelacker den Vorsitz nach 22 Jahren abgegeben hatte.

Der Rückblick wäre unvollständig, würde man nicht die Bemühungen von Renée Ehringer-Hoffmann um die musikalische Früherziehung der Kindergartenkinder erwähnen. Auf ihre Initiative hin wurde der St.-Wolfgang-Kindergarten mehrfach mit dem „Felix“ ausgezeichnet. Aktuell zählt der Verein unter seinen 90 Mitgliedern 30 aktive Sänger, die zum Teil im Ehenfelder Männerchor mitsingen. Die Corona-Pandemie verhindert heuer die geplante Feier des 160-jährigen Bestehens. Ob und wie das Fest nächstes Jahr nachgeholt werden kann, ist noch offen.

Dem Gesangverein sterben die Sänger weg

Am 8./9. Juli 1960 wurde das 100-Jährige zwei Tage lang gefeiert. Dem Jubelchor gehörte fast das vollständige Lehrerkollegium der Knabenschule an. Vordere Reihe: ab 4.v.l. Lehrer Ernst Krempke, Rektor Xaver Leistl, Oberlehrer Josef Lindner, 2. Reihe 4.v.r. Jakob Linhart, hintere Reihe 2.v.l. Lehrer Wolfgang Leitermann, r. Lehrer Wenzel Mrasek (später Rektor).
Am 23./24. Oktober 2010 feierte der Gesangverein sein 150-Jähriges. Vordere Reihe 7.v.l. der Vorsitzende (heute Ehrenvorsitzend) Günter Übelacker, links von ihm Dirigentin Jana Müller, rechts von ihm die aktuelle Vorsitzende Renée Ehringer Hoffmann.
Glanzstück des Gesangvereins 1860 ist seit geraumer Zeit der von Jana Müller dirigierte Gemischte Chor. Ein Highlight im Hirschauer Kulturleben ist alljährlich die Sommerserenade auf der Festspielbühne im Schlosshof, hier 2019. Hunderte von Zuschauern genießen die Darbietungen des Chores und anderer Musikgruppen.
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