09.10.2021 - 00:58 Uhr
HirschauOberpfalz

Nach einem in Hirschau kaum Bekannten benannt – die Dr. Flügel-Straße

Bei seiner Sitzung am 4. November 1965 benannte der Stadtrat fünf Straßen nach Personen, die sich um Hirschau besonders verdient gemacht haben. Eine 905 Meter lange Straße im Baugebiet West erhielt die Bezeichnung Dr.-Flügel-Straße.

Ein 905 Meter langer Straßenzug im Baugebiet Hirschau-West (Flurname: Kahlhof) erhielt 1965 die Bezeichnung Dr.-Flügel-Straße. Leicht zu finden sind die dortigen Anwesen nicht, trotz (oder auch wegen) der 1977 vom Stadtrat beschlossenen Beschilderung. Davon konnten sich auch Bürgermeister Hermann Falk (r.) und Stadtheimatpfleger Sepp Strobl (l.) überzeugen.
von Werner SchulzProfil
Das Grab, in dem Dr. Georg Joseph Flügel auf dem Hirschauer Friedhof neben seiner zweiten Frau Kunigunda bestattet ist, steht unter Denkmalschutz. Er ist am 9. September 1879 in Kelheim verstorben. Das Datum seiner Beisetzung ist nicht ermittelbar.

Fragt man deren Anwohner, wer dieser Dr. Flügel war, erntet man nahezu ausnahmslos ein Achselzucken. Generell hält sich bei den Hirschauern das Wissen über ihn mehr als in Grenzen. Selbst Stadtheimatpfleger Sepp Strobl musste feststellen, dass es nicht einfach ist, Dr. Flügels Biographie zu ermitteln. Viele Informationen über seinen Lebenslauf fehlen, selbst prägnante Daten wie seine beiden Hochzeitstermine. Ergiebigste Quelle waren die von Rüdiger Gläsel verfassten biographischen Anmerkungen „Dr. Georg Joseph Flügel – Vom Bader-Lehrling zum Freigeist und Philanthropen“.

Dr. Georg Joseph Flügel wurde am 8. Januar 1816 als Sohn von Joseph und Kunigunda Flügel, geb. Mader, in Hirschau geboren. Nach dem frühen Tod des Vaters, der seine Witwe und seinen Sohn in ärmlichen Verhältnissen hinterließ, zogen diese in ihr Elternhaus zum Bruder Sebastian Mader, der das ererbte Wollwarengeschäft betrieb. Dort war die Mutter bis zu ihrem Tod 1868 tätig. Georg Joseph wuchs in der Familie seines Onkels auf. Nach der Schulzeit kam er zu einem „chirurgischen“ Bader in Gebenbach in die Lehre. Als sich zeigte, dass er ein talentierter, fleißiger und wissbegieriger Junge war, ließ ihn sein Onkel studieren. Mit Beginn des Studiums riss die Verbindung zu Hirschau jedoch ab. In der Schriftenreihe „Frankenwald“ heißt es: „Seit seiner Studienzeit war er nicht mehr daheim, weder beim Tode noch bei der Beerdigung seiner Mutter. Man hat ihm das in der Verwandtschaft und in der Einwohnerschaft sehr übel genommen.“

Studium in Erlangen und München

Von 1840 bis 1846 studierte er Medizin in Erlangen und München, absolvierte anschließend Praktika in München und am Gebärhaus in Bamberg. 1847 promovierte er als Magister der Chirurgie und Geburtshilfe. Von 1847 bis 1851 arbeitete er als Assistenzarzt am Gebärhaus und Krankenhaus in Bamberg. 1851 erhielt er seine Praxislizenz. Die weiteren Stationen: 1851 praktischer Arzt in Kronach, 1862 Bezirksarzt in Kirchenlamitz, 1864 desgl. in Naila, 1866 in Kelheim und 1868 in Teuschnitz. Im Hof- und Staatshandbuch Bayern für das Jahr 1870 wird er als Bezirksarzt für das Landgericht Ludwigsstadt geführt. Überhaupt war er als Gerichtsmediziner gefragt. 1851 verfasste er zum Beispiel den Artikel „Zur Lehre vom Kindermord“. 1856 erschien u.a. der Aufsatz „Mord, dem der Anschein des Selbstmord gegeben wurde“. Das Thema Kindersterblichkeit zog sich wie ein roter Faden durch seine Publikationen. Sein bekanntestes Werk ist die 81-seitige Abhandlung „Volksmedizin und Aberglaube im Frankenwalde“ aus dem Jahr 1861. Im gleichen Jahr erhielt er eine königliche Belobigung für seinen Aufsatz „Kraut füllt die Haut, schwächt die Bein‘ und macht die Backen klein.“ Gesundheitlich angegriffen, trat er 1874 in den Ruhestand. Am 9. September 1879 starb er in Kelheim, beigesetzt wurde er in Hirschau. Dr. Flügel war zweimal verheiratet. Beide Ehen blieben kinderlos. Seine erste Frau liegt in Teuschnitz begraben. Seine zweite Frau Kunigunde zog nach dem Tode ihres Mannes nach München, zunächst in eine Sechszimmer-Frontwohnung in der Sonnenstraße, später ins Marienheim. Dort starb sie am 16. Juni 1909. Sie wurde nach Hirschau überführt und neben ihrem Mann beigesetzt.

Spende für Krankenhaus

Zeitlebens hatte das Thema Armut (und deren Abhilfe) das Wirken von Dr. Flügel bestimmt, der am Ende seines Todes nicht unvermögend war. Ohne eigene Kinder diente sein Vermögen nun dem Allgemeinwohl, wie auch er diesem immer dienlich sein wollte. Er hinterließ seiner Frau ein Geldvermögen in Höhe von 100 000 Mark. Diese vermachte am 12. Dezember 1899 den größten Teil davon, nämlich 80 371,44 Mark dem Spital in Hirschau. In der Stiftungsurkunde heißt es: „Die Dr. Flügel’sche Stiftung ist bestimmt für das Krankenhaus und die Pflegeanstalt für alte Leute, verwahrloste Kinder und Waisenkinder ohne Unterschied der Religion.“ In einem am 7. Oktober 1966 vom städtischen Bediensteten Gerhard Staudigl gefertigten Aktenvermerk über die Straßenbenennung heißt es: „Dr. Flügel-Straße: Dieser Name geht aus der Bezeichnung des hiesigen Krankenhauses hervor. Das Krankenhaus stellt eine alte Stiftung dar mit der amtlichen Bezeichnung „Forster-, Dorfner-, Dr. Flügelsche Spital-, Krankenhaus und Kinderasylstiftung“. Die Dr.-Flügel-Straße beschäftigte den Stadtrat mehrfach im Jahr 1977. Anwohner hatten sich beklagt, dass die Anwesen im westlichen Bereich sehr schwer zu finden sind. Die Verwaltung schlug daher eine Umbenennung der in Nord-Süd-Richtung verlaufenden Straßen im westlichen Teil vor. Der Stadtrat stimmte jedoch dem Vorschlag nicht zu, sondern ordnete die Anbringung von Hinweisschildern an. Ob dies der Weisheit letzter Schluss war?

 

 

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