05.12.2021 - 13:43 Uhr
HirschauOberpfalz

Junge Menschen an die Taktstöcke

Mit Blasmusik verbindet man oft alte Männer in bunten Westen. Dass das Bild aber schon lange nicht mehr stimmt, beweist der niedrige Altersschnitt unter den Nachwuchsdirigenten. Derzeit sind fünf Oberpfälzer in Ausbildung - alle unter 30.

Wolfgang Vögele ist ursprünglich Tubist, steht aber schon seit 2017 am Dirigierpult des Musikzuges Hirschau.
von Kira LorenzProfil

Wolfgang Vögele ist 24 und seit vier Jahren musikalischer Leiter des Musikzugs Hirschau. Einem Orchester mit viel Nachwuchs, aber auch erwachsenen, gestandenen Musikern. Er ist Teil der neuen Generation von Dirigenten bei Blasorcherstern, die frischen Wind in die Probenräume bringt.

Unterschiedliche Hintergründe

Mindestvoraussetzung für die Ausbildung beim Nordbayerischen Musikbund ist das goldene Musikerleistungsabzeichen des Musikbundes, auch D3-Abzeichen genannt, oder ein Abschluss einer Musikfachschule beziehungsweise -hochschule. Davon abgesehen gibt es kaum zwei Dirigenten, deren Laufbahnen sich gleichen. Ob sie von einer Berufsfachschule für Musik kommen, schon jahrelang als Musiklehrer arbeiten oder aus einem komplett anderen Beruf zur Berufung Dirigent gekommen sind, eines haben sie gemeinsam: die Leidenschaft für Blasmusik. Damit ist nicht nur Bierzelt-Stimmungs-Lärm gemeint, die Oberpfälzer Blasorchester haben viel mehr zu bieten. In der mehrjährigen Ausbildung liegt der Fokus auf zeitgenössischer symphonischer Blasmusik bis ins höchste Niveau. Musikalische Vorbildung ist hier unbedingt nötig, nicht nur für die Ausbildung. Auch später in der Arbeit mit dem eigenen Orchester ist es äußerst wichtig, eine klare Vorstellung davon zu haben, wie das Stück am Ende klingen soll, und wie das am besten umgesetzt wird.

Staatliche Anerkennung

Die Ausbildung wird vom Nordbayerischen Musikbund, dem Dachverband der Musikvereine in der Oberpfalz und Franken, über die Nordbayerische Bläserakademie angeboten. In vier halbjährlich angebotenen Lehrgangsphasen lernen angehende Dirigenten Musiktheorie, mehrere Instrumente und die effektive Leitung von Orchestern. In der Zwischenzeit ist es üblich, dass mit eigenen Jugendorchestern und Ensembles geübt wird. Beendet wird die Ausbildung mit der staatlichen Anerkennung zum Dirigenten für Laienblasorchester. Obwohl von den Vereinen häufig vielversprechende Nachfolger zur Bläserakademie geschickt werden, wollen sich viele Musiker auch aus eigenem Antrieb weiterbilden. "Ich hatte irgendwann das goldene Abzeichen, wollte aber noch weitermachen", wie ein Teilnehmer erzählt.

Kommunikation und Kompromisse

Neben der musikalischen Zielstrebigkeit ist vor allem eines wichtig: der menschliche Aspekt. "Ein größeres musikalisches Ensemble benötigt jemanden, der das Ganze auf einen Nenner bringt", so Vögele. Oder, wie eine weitere Teilnehmerin der Bläserakademie es ausdrückt: "Man würde sich sonst so streiten." Ein Dirigent vermittelt zwischen den Musikern und gibt die Marschrichtung an, manchmal auch in unbekannte Gebiete. Er kommuniziert auch mit dem Vorstand und findet Kompromisse. Dafür braucht er Feingefühl im Umgang mit Menschen, aber eben auch Durchsetzungsvermögen, "Demokratie in der Musik ist Zeitverschwendung". Auch die repräsentative Funktion des Dirigenten, auf Konzerten wie auch im Bierzelt, ist nicht zu unterschätzen. Ein Orchester aus jungen Menschen mit einem jungen Dirigenten wirkt oft nahbarer und einladender für interessierte Nachwuchsmusiker.

Spitze wird immer jünger

Während der Musikzug Hirschau schon eine Tradition an sehr jungen Dirigenten hat, sieht man es in den letzten Jahren häufiger, dass auch andere Orchester auf immer jüngere Leistungsträger zurückgreifen können. Das liegt an der immer besser werdenden Ausbildung und einer regen Spitzenförderung, sowohl von Seiten der Vereine als auch vom Verband. Ein umfassender Generationenwechsel stehe aber nicht bevor, meint Vögele, die Musikvereinsszene unterliege einem ständigen Wechsel. Ein steter Nachschub an jungen Dirigenten hilft, die Vereine dynamisch zu halten. "Ein neuer Dirigent bringt frischen Wind ins Orchester."

Dass besonders als junger Mensch die Navigation durch feste soziale Strukturen oftmals fremder Gruppierungen nicht einfach ist, ist klar. Das betont auch Manfred Lehner, Dozent für Ensembleleitung an der Berufsfachschule für Musik Sulzbach-Rosenberg. Neben einer umfassenden Grundausbildung hilft, wie in vielen anderen Berufen, nur Erfahrung, um gemeinsam mit den Musikern ordentlich etwas auf die Bühne zu bringen. Etwas leichter haben es Vereinsinterne, die mit den Gewohnheiten und Eigenarten ihrer Mitmusiker bereits vertraut sind. Hier stellen sich aber andere Probleme. Von einem Freund, mit dem man jahrelang während den Proben getuschelt hat, plötzlich gesagt zu bekommen, man solle sich ruhig verhalten, kann vor den Kopf stoßen.

Vögele hat sich 2017 nach seiner Anerkennung dafür entschieden, ein ihm vorher fremdes Orchester zu übernehmen. Und das hat sich gelohnt: "Ich stehe nach wie vor gerne vor einem Orchester und es macht mir eine wahre Freude mit meinen Musikern gemeinsam auch mal neue Gewässer zu befahren."

Musikalischer Problemlöser

Waldsassen
Seit fast zwei Jahren leitet Stephan Sölch die Stiftländer Jugend- und Blaskapelle Waldsassen. Mit Anfang 20 ist er jünger als viele seiner Musiker, trotzdem hat er die Lage im Griff.
Info:

Der Nordbayerische Musikbund

  • 4 Bezirks-, 30 Kreisverbände, über 900 Vereine, mehr als 45.000 Mitglieder in Franken und der Oberpfalz
  • Gründung 1952
  • Teil des Bayerischen Blasmusikverbands und der Bundesvereinigung Deutscher Musikverbände sowie des Deutschen Musikrates
  • Bietet Ausbildung, Fortbildung, Qualifikationen im musikalischen Bereich sowie der Vereinsführung und Jugendarbeit
  • Unterstützt Vereine in der Kommunikation untereinander sowie nach außen und der Vereinsarbeit

 

 

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