08.01.2021 - 11:36 Uhr
HirschauOberpfalz

Monate nach Corona: "Ich bin nicht mehr die, die ich vorher war"

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"Ich war eigentlich noch ein leichterer Fall" sagt Birgit Birner. Dann muss sie husten. Das tut sie öfter während des Gesprächs in Hirschau. Sie hat eine Corona-Erkrankung hinter sich.

Die Treppe hinauf zu ihrer Wohnung im ersten Stock war für Birgit Birner noch lange nach der akuten Corona-Infektion eine echte Herausforderung.
von Heike Unger Kontakt Profil

Im Frühjahr, Anfang April, war Birgit Birner an Covid-19 erkrankt. Heute, acht Monate später, sagt sie: "Ich bin nicht mehr die, die ich vorher war." Corona hat die Hirschauerin immer noch im Griff. Ihre Lunge hat Schaden genommen. Auch Monate nach der Erkrankung und einer Reha hat sich daran nichts geändert.

Kommentar: Bei Corona geht es nicht ums "Ich", sondern ums "Wir"

Hirschau

Das ist auch der Grund dafür, dass sich Birgit Birner jetzt beruflich neu orientieren muss – zwar bei ihrem Arbeitgeber, der Sparkasse, aber dort eben in einem ganz anderen Bereich. Sie ist froh darüber, dass dies möglich war, obwohl sie ihre bisherige Aufgabe, die Schulung ihrer Kollegen im Digitalen, sehr gern ausgeübt hat. Weil sie dabei sehr viel und sehr lang sprechen muss, geht das jetzt nicht mehr: Die Kurzatmigkeit, Folge einer Lungenentzündung durch das Coronavirus, ist ihr als Langzeitfolge geblieben.

Die Sache mit der Nudelsauce

Ob dieses Handicap wieder ganz verschwindet, weiß Birgit Birner nicht. Dabei hatte alles ganz harmlos angefangen. Mit einer Bolognese. Birgit Birner hat sie gekocht – und "irgendwie keinen Geschmack hinbekommen". Dabei war die Nudelsauce gut gewürzt. "Da hat mein Mann noch gewitzelt, das müsse wohl Corona sein". Tatsächlich hatten sich beide infiziert. Ihr Mann hatte im Vergleich zu seiner Frau aber eher milde Symptome. Ihr ging es richtig elend, über mehrere Wochen. Immerhin: Sie musste nicht ins Krankenhaus.

Die Regensburger Corona-Selbsthilfegruppe

Regensburg

Langzeitfolgen sind ein wichtiges Stichwort für Birgit Birner. Und für die noch junge Regensburger Selbsthilfegruppe, in der die Hirschauerin Gründungsmitglied ist. Karl Baumann aus Wenzenbach im Landkreis Regensburg hat die Gruppe initiiert. Die beiden kennen sich aus der Reha. Dort hat Birgit Birner viel gelernt über die Pandemie, über die man anfangs nur wenig wusste. Auch die Hirschauerin war zunächst ein bisschen blauäugig, wie sie sagt. "Ich dachte, ich gehe auf Reha und komme nach drei Wochen gesund zurück." Diesen Zahn, ihre Vorstellung, danach sofort wieder Vollzeit arbeiten zu können, habe ihr ihr Arzt schnell gezogen, erzählt sie: "Und ich bin ihm dankbar dafür." Auch dafür, dass sie gelernt habe, sich einzugestehen, dass man als Corona-Patient krank ist und sich Hilfe holen darf.

Fieber, Müdigkeit, Haarausfall

Dabei wusste Birner natürlich schon, dass sie krank ist. "Ich hab mir die Seele aus dem Leib gehustet." Auch sonst hatte sie alle Symptome, die man inzwischen mit Covid-19 in Verbindung bringt, von Fieber über Müdigkeit bis zum Haarausfall. Auch vier Wochen nach der Akutphase ging es ihr nicht gut, obwohl die Hirschauerin da unbedingt wieder arbeiten wollte. Im Homeoffice. Als sie zwischendrin im Garten war, um ein bisschen an die frische Luft zu kommen, war der Weg zurück in die Wohnung im Obergeschoss eine Herausforderung. "Ich bin kaum die Treppe raufgekommen."

Optimal betreut fühlte sich Birner von ihrem Hausarzt. Er besorgte ihr auch kurzfristig einen CT-Termin. Der zeigte den Grund für ihre gravierende Kurzatmigkeit – eine massive Schädigung durch eine Lungenentzündung. Normalerweise zeige sich bei der nach einem halben Jahr eine Besserung, sagt Birgit Birner. Doch bei ihr war das zweite CT unverändert. Immerhin: "Es ist auch nicht schlechter geworden." Birner sieht es positiv, jammern ist nicht ihr Ding. Sie hat sich mit den Folgen der Infektion arrangiert. Würde sie das nicht tun, "wird's ja auch nicht besser".

Kleiner Brötchen backen

Inzwischen, nach einer Wiedereingliederungsphase mit vier Stunden Homeoffice-Arbeit, freut sie sich: "Ich darf ab Donnerstag wieder voll arbeiten." Tatsächlich gehe es ihr inzwischen besser. "Ich hab wieder mehr Luft. Aber abends bin ich immer noch k.o." Der eigenen Gesundheit zuliebe zurückzustecken, ist der Powerfrau nicht leicht gefallen. Auszuloten, "was kannst du noch". Und einzusehen, "ich muss kleinere Brötchen backen". Das tut sie jetzt, hat sich auch in diversen Ehrenämtern und in der Kommunalpolitik zurückgenommen.

Die Kurzatmigkeit bremst sie auch in ihrer Sportbegeisterung immer noch aus. Schwimmen, Radfahren. Auch hier musste sie deutlich zurückschalten. Trotzdem sagt sie: "Mir geht es gut." Auch, weil sie weiß, dass andere aus der Selbsthilfegruppe noch gravierendere Corona-Langzeitfolgen haben. Einige brauchen einen Rollator, sind arbeitsunfähig. Das Interesse an der Selbsthilfe ist so groß, dass es inzwischen schon zwei Untergruppen sind, die sich an unterschiedlichen Tagen einmal im Monat treffen. Neuzugänge sind willkommen, Zusammenkünfte sind derzeit allerdings nur übers Internet möglich. Wer sich dafür interessiert, kann per Mail (gruppe[at]pc-19[dot]de) Kontakt aufnehmen.

Corona gilt als Makel

Birgit Birner ist es wichtig, das Thema Corona-Langzeitfolgen in die Öffentlichkeit zu bringen. Um ihre Erfahrungen an andere weiterzugeben, Tipps zum Umgang mit Covid-19 zu vermitteln, auf hilfreiche Anlaufstellen hinzuweisen. Und darauf aufmerksam zu machen, dass Corona eben nicht "nur eine Grippe" ist. Auch, weil das nicht jeder, der die Krankheit durchgemacht hat, kann. "Viele wollen gar nicht drüber reden, weil das in der Gesellschaft ein Makel ist."

Birgit Birner hat selbst erfahren, was das heißt. Wenn sie jemandem von ihrer Erkrankung erzählt hat, war die Reaktion oft nicht die Frage, "Wie geht's dir?", sondern: "Bist du ansteckend? Dann bleib weg!" Eine schmerzhafte Erfahrung. Birner redet trotzdem offen über das Thema. Und hat festgestellt, dass auch "die Leute anders damit umgehen, wenn sie dazu einen Namen, ein Gesicht haben".

Kein Verständnis für Corona-Leugner

Für Corona-Leugner fehlt ihr jedes Verständnis. Wenn jemand durch die Pandemie-Maßnahmen wie die Masken-Pflicht seine Freiheit eingeschränkt sehe, "dann ist das purer Egoismus: Das ist etwas, was ich absolut nicht verstehe." Sie gibt deshalb Contra, wenn ihr solche Ansichten begegnen. Schließlich weiß sie es besser. "Ich wünsche keinem, das zu erleben", sagt sie.

Ihr Körper hat Antikörper gegen das Virus entwickelt. Doch wie lange die da sein werden, könne ihr niemand sagen. Ein Grund, sich auch nach ihrer Erkrankung nicht sicher zu fühlen. Birner weiß von anderen, die sich schon zum zweiten Mal mit Covid-19 infiziert haben. Also ist sie vorsichtig, hält sich an alle Pandemie-Regeln. Und natürlich trägt sie eine Maske. "Das hat für mich einfach etwas mit Solidarität zu tun. Und mit Respekt anderen gegenüber."

Lockdown ist kein Problem

Auch zur Impfung hat sie eine klare Position. "Ich würde mich sofort impfen lassen. Ich will das kein zweites Mal erleben." Der verschärfte Lockdown ist für Birgit Birner keine große Einschränkung: "Ich kann rausgehen, arbeiten. Und wenn uns das hilft, wenn wir uns jetzt drei, vier Wochen am Riemen reißen – was sind schon drei, vier Wochen?"

Im Blickpunkt:

Corona-Selbsthilfegruppe

  • Die Selbsthilfegruppe für Post-Covid-Erkrankte Ostbayern trifft sich immer am ersten Mittwoch/Donnerstag im Monat (inzwischen gibt es zwei Gruppen) um 19 Uhr online.
  • Eine Anmeldung ist jeweils spätestens zwei Tage vor dem Termin erforderlich und an die Emailadresse gruppe[at]pc-19[dot]de zu richten.
  • Wenn es die Pandemie wieder zulässt, sollen die Treffen persönlich in der Klinik Donaustauf stattfinden.
  • Ziel ist es, Probleme und Sorgen zu besprechen, Erfahrungen und Lösungen von Spätfolgen zu teilen und sich über Therapiemaßnahmen auszutauschen.

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