18.06.2020 - 19:16 Uhr
IllschwangOberpfalz

Neue Stromtrasse der Bahn: Gemeinden im Landkreis Amberg-Sulzbach wehren sich

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Im Internet sind die Baupläne der Bahn öffentlich einsehbar: Ein 200 Meter breiter Trassierungskorridor für eine Überland-Stromleitung durchschneidet den Landkreis. Die Bürgermeister sind alarmiert. Sie kündigen Widerstand an.

Ausschnitt aus den Planungen zur Elektrifizierung: So soll die Stromleitung im westlichen Landkreis Amberg-Sulzbach verlaufen.
von Tobias Gräf Kontakt Profil

Dieter Dehling hat zur Krisensitzung geladen. Der Illschwanger Bürgermeister empfängt am Donnerstagnachmittag seine Amtskollegen Reiner Pickel (Weigendorf), Lydia Zahner (Zweite Bürgermeisterin Etzelwang), Peter Achatzi (Neukirchen) und Anton Peter (Ammerthal) im Rathaus. Einziges Gesprächsthema: Die geplante Stromtrasse der Deutschen Bahn für den Abschnitt von Ottensoos bei Hersbruck über Sulzbach-Rosenberg und Amberg nach Irrenlohe.

Die im Auftrag des Bundes von der Bahn geplante Leitung mit 110 Kilovolt (kv) soll die Elektrifizierung des Zugverkehrs in Ostbayern ermöglichen. Umweltschädliche Dieselloks könnten dann endlich elektrisch betrieben werden. Den Umstieg auf Elektroantrieb begrüßen zwar auch die Bürgermeister im westlichen Landkreis. Sie wollen sich nicht als grundsätzliche Gegner des Projekts verstanden wissen. Aber: "Wir sind nicht gegen die Elektrifizierung an sich, sondern nur gegen den geplanten Trassenverlauf", sagt Achatzi. Dehling ergänzt: "In der Bevölkerung gibt es deswegen einen Riesenaufruhr. Der geplante Verlauf muss unbedingt verhindert werden."

Bedenken wegen Naturschutz

Umweltschutzbedenken spielen besonders im Bereich der Gemeinde Weigendorf, Etzelwang und Illschwang eine Rolle. "Meine Gemeinde liegt zu 100 Prozent im Landschaftsschutzgebiet", sagt der Weigendorfer Rathauschef Reiner Pickel. "Wenn wir selbst bauen wollen, wird fast jeder Antrag mit Verweis auf den Naturschutz abgelehnt. Doch kommt ein Staatskonzern, geht es plötzlich. Den Bürgern lässt sich das nicht vermitteln."

Ähnlich sei dies im Bereich von Etzelwang, zeigt sich Lydia Zahner besorgt. Auch dort würde die Leitung durch ein Naturschutzgebiet laufen. "Das Lehental ist landschaftlich äußerst reizvoll und wichtig für den Tourismus. Außerdem haben wir dort ein Brutgebiet für den streng geschützten Uhu."

Einbußen bei Tourismus befürchtet

Dieter Dehling sorgt sich ebenfalls um Urlaubsgäste. "Es kann nicht sein, dass unsere schöne Landschaft, die wir für den Tourismus aufwendig bewerben, voll mit Strommasten durchschnitten wird." Das von Neukirchen und Weigendorf bei Haid gemeinsam geplante Gewerbegebiet sei kaum zu realisieren, wenn es "komplett mit einer Stromleitung überspannt wird", fürchtet Achatzi seinerseits.

Es gibt einen Riesenaufruhr in der Bevölkerung. Der geplante Trassenverlauf muss unbedingt verhindert werden.

Dieter Dehling, Bürgermeister von Illschwang

Dieter Dehling, Bürgermeister von Illschwang

Anton Peter ergänzt für Ammerthal: "Wir werden demnächst ein neues Baugebiet bei Fichtenhof eröffnen. Genau da soll die Stromleitung darüber führen. Wenn das passiert, brauche ich das Wohngebiet gar nicht ausweisen, da baut doch keiner hin." Zwar kündigt die Bahn auf ihrer Homepage an, dass die Stromleitung "möglichst geringe Auswirkungen auf Menschen und die Umwelt" haben und "nach Möglichkeit Ortschaften und Schutzgebiete" umgangen werden sollen. Doch im Raum zwischen Weigendorf und Ammerthal scheint dies kaum zu gelten.

Kritik an Online-Info der Bahn

Die Bürgermeister kritisieren nicht nur den geplanten Trassenverlauf, sondern auch die Informationspolitik der Bahn. Das Unternehmen macht Druck und will das Projekt zugig vorantreiben. Bereits am Dienstag, 23. Juni, soll der Bürgerdialog zu dem Vorhaben beginnen und die Öffentlichkeit in einem Infotermin über den Streckenausbau informiert werden. Der Haken: Die Info-Veranstaltung findet wegen der Coronakrise im Internet per Livestream statt. Unter www.bahnausbau-nordostbayern.de können Anwohner und interessierte Bürger aus der Region den Ausführungen der Experten lauschen und über einen Chat Fragen stellen, die dann live beantwortet werden sollen.

Die selbe Stromtrasse führt auch in Amberg zu Aufregung - sie soll durchs Wohngebiet Gailoh führen.

Amberg

Das geht manchem Gemeindechef zu schnell. "Am 15. Juni haben wir eine E-Mail von der Bahn bekommen, dass der Bürgerdialog am 23. Juni beginnen soll. Da bleibt kaum Zeit, sich vorher zu koordinieren", kritisiert Achatzi. Befürchtet wird auch, dass die Bahn die Coronakrise und das Verbot von großen Versammlungen ausnutzen will. "Manche Bürger glauben, die Bahn nutzt Corona, um das Projekt durchzupeitschen", sagt Dehling. Ein Online-Infotermin sei problematisch, weil gerade ältere Menschen Schwierigkeiten im Umgang mit der Technik hätten. "Nicht jeder hat schnelles Internet, und viele Ältere kennen sich mit einem Videochat doch gar nicht aus. Da leidet die Öffentlichkeitsbeteiligung", zeigt sich der Illschwanger Bürgermeister besorgt.

Bürger haben viele Fragen

Für ein Problem halten es die Bürgermeister auch, dass sie selbst keine Details kennen, sich aber dennoch mit Fragen verunsicherter Anwohner konfrontiert sehen: "Ich habe schon etliche Anrufe von Bürgern bekommen, die wissen wollen, was passiert. Aber ich kann keine Antwort geben, weil ich selbst nicht mehr weiß", berichtet Dehling. Achatzi ergänzt: "Uns stört, dass wir von der Bahn kaum Infos bekommen haben. Den genauen Streckenverlauf haben wir uns selbst im Internet heraussuchen müssen.

Die Bürgermeister Dieter Dehling (Illschwang), Anton Peter (Ammerthal), Lydia Zahner (Etzelwang, Zweite Bürgermeisterin), Peter Achatzi (Neukirchen bei Sulzbach-Rosenberg) und Reiner Pickel (Weigendorf) wehren sich gegen die Pläne der Bahn: Das Unternehmen will eine Überland-Stromleitung mitten durch den westlichen Landkreis Amberg-Sulzbach bauen - auch durch Landschaftschutz- und Wohngebiete.

Bei ihrem Treffen im Illschwanger Rathaus betonten die Bürgermeister aber auch, dass sie die Bahn "nicht vergraulen" wollten. "Wir brauchen den Zugverkehr, er ist für uns existenziell", sagt Lydia Zahner. Der Bahnhof in Etzelwang sei ein "enormer Standortvorteil", in rund 20 Minuten könne man über die Zugstrecke Nürnberg erreichen. Man wolle die Elektrifizierung deshalb nicht komplett ablehnen, aber die Suche nach Alternativen sei geboten, so der Konsens in der Runde.

Erdverkabelung als Alternative

In Etzelwang hat laut Zahner ein Experte im Rathaus bereits Vorschläge ausgearbeitet. Dazu zählt, die Trasse unter die Erde zu verlegen. Eine Erdstromleitung würde demnach keine Landschaft "verschandeln". Zudem solle sich die Bahn ein Vorbild an den Bayernwerken nehmen. Der Stromversorger würde seit Jahren Teile seines Netzes freiwillig unter die Erde verlegen. Achatzi ergänzt: "Es widerspricht sich völlig, dass das Bayernwerk seit Langem erdverkabelt und die Bahn will eiserne Masten neu aus dem Boden stampfen. Uns erschließt sich die Notwendigkeit nicht, ein eigenes Stromnetz aufzubauen. Warum nicht einfach die bestehenden Leitungen nutzen?"

Uns erschließt sich die Notwendigkeit nicht, ein eigenes Stromnetz aufzubauen. Warum nicht die bestehenden Leitungen nutzen?

Peter Achatzi, Bürgermeister von Neukirchen bei Sulzbach-Rosenberg

Peter Achatzi, Bürgermeister von Neukirchen bei Sulzbach-Rosenberg

Zudem könnten die von der Bahn für die Stromleitung geplanten Einspeisepunkte, sogenannte Unterwerke, doch aus dem öffentlichen Netz versorgt werden - anstatt neue Leitungen zu bauen. Auch die geplante Höchstspannungsleitung Süd-Ost-Link, die entlang der A 6 bei Irrenlohe verlaufen soll, könnte angezapft werden, um die Oberleitungen der Gleise mit Strom zu versorgen. "Der Bau einer Konverter-Station bei Irrenlohe, um den Starkstrom umzuwandeln in für die Bahn geeignete, niedrigere Stärken, müsste doch auch finanziell günstiger kommen als knapp 100 Kilometer neue Strommasten aufzustellen", bemerkt Dehling.

Bürgerinitiativen gründen sich

Ob die Bahn gesprächsbereit ist, wird sich zeigen. Klar ist laut Dehling, dass sich Bürgerinitiativen bilden werden, um gegen den Leitungsbau zu protestieren. Zwar soll zunächst der Online-Infoabend mit den Bahnexperten abgewartet werden, doch man bereite sich vor.

Die eigenen Abgeordneten im Bundestag und im Landtag seien informiert und hätten bereits Unterstützung zugesagt. Und für kommende Woche ist ein Treffen im Landratsamt in Amberg anberaumt. Dann beraten sich die Bürgermeister mit den Experten der Fachstellen aus der Kreisbehörde: "Wir wollen fundierte Stellungnahmen gegen die Trasse vorbereiten", kündigt Dehling an.

Weitere Infos zum Trassenverlauf und dem Informationsabend im Livestream gibt es im Internet unter: www.bahnausbau-nordostbayern.de

Landrat und Oberbürgermeister wehren sich vehement gegen die Stromtrassen-Pläne der Bahn.

Amberg

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