23.03.2020 - 17:49 Uhr
MünchenOberpfalz

Ischgl, das Wuhan der Alpen

Ob "Ibiza der Alpen", wie sich Ischgl selbst nennt, oder "Ballermann der Alpen", wie der Skiort im Paznauntal auch gerne tituliert wird: Sorglose Skitouristen und zögernde Behörden haben den Ort zum "Wuhan der Alpen" gemacht.

Eine Apres-Ski-Barn im Touristenort Ischgl in Österreich. Auch in diesen Bars soll sich Corona verbreitetet haben.
von Alexander Pausch Kontakt Profil

Dem bayerischen Kabinett dient die Entwicklung im österreichischen Skiort Ischgl als abschreckendes Beispiel. Bayern wolle in keiner Kommune eine Ausbreitung des Coronavirus wie etwa im Kreis Heinsberg in Nordrhein-Westfalen oder in Ischgl, sagte Ministerpräsident Markus Söder (CSU) am Donnerstag vor dem Landtag. Damit begründete er unter anderem die Ausgangssperren in Mitterteich (Kreis Tirschenreuth) und im Kreis Wunsiedel.

Im Skiurlaub infiziert

Was war passiert? Mehr als tausend Coronafälle in Deutschland sind von Skiurlaubern mitgebracht worden - aus Südtirol, der Schweiz und Österreich. Hunderte haben sich die Infektion mit Sars-Covid-19 in Ischgl eingefangen. Nach ihrer Rückkehr wurden Skifahrer unter anderem aus Hamburg, aus Baden-Württemberg und auch aus der Oberpfalz, etwa im Kreis Schwandorf, positiv getestet. Als Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) am Dienstag vergangener Woche nach der Sitzung mit dem bayerischen Kabinett warnte, "das Ausbruchsgeschehen, das wir im Moment haben, hat viel zu tun mit den Rückkehrern aus dem Skiurlaub", war es bereits zu spät. Zwar rief er Heimkehrer aus den Skigebieten auf, zwei Wochen zu Hause zu bleiben. Doch letztlich läuft Deutschland, so wie Dänemark, Island und andere Länder, der Entwicklung seitdem hinterher.

Das Ausbruchsgeschehen, das wir im Moment haben, hat viel zu tun mit den Rückkehrern aus dem Skiurlaub.

Jens Spahn (CDU), Bundesgesundheitsminister

Jens Spahn (CDU), Bundesgesundheitsminister

Das gilt auch für den österreichischen Bundeskanzler Sebastian Kurz. Als der 33-Jährige am Freitag, 13. März, schneidig die Quarantäne für das Paznauntal und St. Anton am Arlberg verkündete, war Österreich bereits seit Tagen wegen des Coronaausbruchs in Ischgl gewarnt worden: von Island, von Norwegen und von Dänemark. Diesen Ländern war aufgefallen, dass Skiurlauber aus Ischgl das Virus als gefährliches Tirol-Souvenir mitbrachten.

Nach der Verhängung der Quarantäne brach das Chaos aus, Urlauber reisten überstürzt ab. Viele konnten nicht direkt nach Hause, weil es keine Flüge gab, wie die österreichische Tageszeitung "Der Standard" am Wochenende dargelegt hat. Sie wurden zum Teil mit Hilfe der österreichischen Behörden in anderen Hotels in Tirol einquartiert, etwa in Imst oder Innsbruck, und verteilten so das Virus. Einige Urlauber übernachteten auf dem Weg nach Hause auch in München.

SMS an Barbesitzer

Das österreichische Bundesland Tirol wies die wachsende Kritik am Krisenmanagement zurück. Landeschef Günther Platter betonte, das Land habe "das Menschenmögliche getan, dass es nicht ein komplettes Chaos gegeben hat". Gleichwohl zeigt eine SMS des Hoteliers, Seilbahnlobbyisten und ÖVP-Nationalrats Franz Hörl vom 9. März, dass Politiker frühzeitig wussten, dass in den berühmten Après-Ski-Bars in Ischgl das Virus weitergegeben wurde. Hörl forderte einen Wirt auf, die Bar "Kitzloch" zuzumachen, "bis Gras über die Sache gewachsen" sei, lässt sich bei Blogger Markus Wilhelm aus Tirol, der die Hörl-SMS veröffentlichte, nachlesen.

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