03.03.2020 - 17:27 Uhr
Oberpfalz

Jüdisches Leben in der Oberpfalz

Trotz Vertreibung Mitte des 15. Jahrhunderts leben vereinzelt Juden in Bayern - unter vielen Einschränkungen. Eine Ausnahme bilden die sogenannten "Hofjuden". Sie sorgen für die Finanzierung des Lebens in den fürstlichen Häusern und sind auch Heereslieferanten.

Die nach orthodoxem Ritus erbaute Synagoge in Schnaittach (Landkreis Nürnberger Land) ist heute eine Museumssynagoge. Rechts sind die Mauerdurchbrüche zur Frauenschule zu erkennen.

Unter der Herrschaft von Pfalzgraf Rupprecht II. wurden 1391 die Juden aus der Pfalz am Rhein und der Pfalz heroben in Bayern vertrieben. Nie mehr sollten Juden auf pfälzischem Boden siedeln. Mitte des 15. Jahrhunderts folgte die Vertreibung der Juden aus Ober- und Niederbayern. Trotz pfälzischem Dekret lassen sich in den folgenden Jahrhunderten vereinzelt Juden in der Oberpfalz nachweisen. So zum Beispiel anlässlich einer erneuten Vertreibung 1555 aus Neumarkt oder im 15. Jahrhundert aus Weiden und Cham.

Trotz Verboten

Ohne Berücksichtigung der freien Reichsstadt Regensburg, die in der Judenpolitik eines Sonderstellung einnahm, lebten bei Schaffung des modernen Bayerns zu Beginn des 19. Jahrhunderts etwa 1200 Juden in Altbayern. Es waren Juden, welche der Kurfürst erkauft, ererbt oder sich trotz Verbotes in München in doppelter Moral "unter der Decke" gehalten hat.

Bleiben wir in München. Beginnend Ende des 18. Jahrhunderts holten sich die Kurfürsten sogenannte "Hofjuden" nach München. Für sie galten die Aufenthalts- und Handelsverbote nicht. Sie hatten für die Finanzierung der Schlösser, der Kriege und der fürstlichen Hochzeiten zu sorgen. Mit den Familienangehörigen waren es etwa 100 Juden, deren Aufenthalt stark restriktiv gehandhabt wurde. Einerseits waren sie von Sonderabgaben befreit, durften sogar Waffen tragen, andererseits waren Rabbiner und Gemeindegründung nicht geduldet. Schwangere Frauen mussten in das schwäbische Kriegshaber zur Entbindung, ebenso ein Leichnam zur Bestattung.

Doch man brauchte die Juden. Zwei Beispiele: 1688 hatte der Kurfürst den Fürstenhof zu Amberg (heute JVA/Siemens) mit 116 Tagwerk Wiese, Ackerland, Waldnutzungsrechten, Mühle usw. an den Freiherrn von Lichtenau verkauft. Nach zweimaligem Besitzwechsel und ertragreicher Bewirtschaftung besann sich der Landesherr wieder auf den Fürstenhof und entzog 1762 dem Käufer das Gut gegen Rückzahlung des Kaufpreises. Dies ließ er dann "zertrümmern" (parzellieren) und Grundstücke mit 96 1⁄2 Tagwerk ohne Baulichkeiten durch den Schnaittacher Juden Amschel Levi Schütz an Meistbietende verkaufen.

Pferde für das Heer

Im Spanischen und Österreichischen Erbfolgekrieg waren Hofjuden Heereslieferanten. Ihnen war es möglich Kredite einzuräumen, sie hatten europaweite Kontakte und konnten sich mit Hebräisch über den ganzen Kontinent verständigen. Beauftragte Christen versagten oft kläglich, so dass man ihnen die Aufträge entziehen musste. Einer der Gründe für Neid und Judenfeindschaft. So lieferte allein der Hofjude Abraham Mendle 1706 fast 8000 Pferde an das bayerische Heer.

Doch schon früher gab es Juden in der Oberpfalz, die seit 1628 zu Bayern gehörte. So fiel im Dreißigjährigen Krieg die Herrschaft Rothenberg mit den Orten Schnaittach, Ottensoos, Hüttenbach und Forth mit etwa 300 Juden an Bayern. Diese Judengemeinden gingen auf die Vertreibung der Juden Ende des 15. Jahrhunderts in Nürnberg zurück. Sie wurden von 44 Ganerben - einer Gemeinschaft fränkischer Ritter, die ihr Land gemeinsam unterhielten, bewirtschafteten und verteidigten - aufgenommen. Der bayerische Kurfürst kaufte 1698 die Herrschaft und damit - widerwillig - auch die dortigen Juden. Die Ganerben hatten weiterhin ein Mitspracherecht. Diesem Umstand war es vermutlich zuzuschreiben, dass die Vertreibung der Juden ausblieb.

Steuer auf Mitgift

Diese Juden hatten freies Handelsrecht und Bewegungsfreiheit in der ganzen damaligen Oberpfalz, sie galten demnach als Inländer. Dieses Privileg erstreckte sich nicht auf das übrige Bayern. Die Gerichtsbarkeit bei Zivilstreitigkeiten "Jud gegen Jud" lag beim Rabbiner. Restriktiv ist die Bestimmung, dass nur auswärtige Mädchen geheiratet werden durften, einheimische ausschließlich nach besonderer Erlaubnis. Damit sollte möglichst viel Mitgift in das Land kommen. Wollte ein einheimisches Mädchen nach auswärts heiraten (was blieb ihr anderes übrig?), musste sie für mitgenommene Mitgift eine Steuer entrichten. Der Schutzbrief wurde vom Kanzler und vom Bürgermeister Müller in Amberg ausgearbeitet.

Vor allem die im Schutzbrief festgeschriebene Sicherheit auf 15 Jahre - auch in den Verlängerungen - galt als riesiger Fortschritt, wurden doch bis dahin die Schutzbriefe alle drei Jahre erneuert. Doch auch die Übertragung der Gerichtsbarkeit und die Erlaubnis der Heirat der Männer ohne behördliche Genehmigung wurde mit Freuden aufgenommen. Leibzoll und Verbot inländischer Heirat waren natürlich negative Begleiterscheinungen.

Die Juden hatten es nicht leicht. Man beschuldigte sie, ungeklärte Straftaten begangen zu haben, man fasste jüdische Hochzeiten zu christlicher Fastenzeit als Provokation auf, so dass sich unerwartet sogar die Amberger Regierung auf die Seite der Juden stellte: "Ist es nicht schlimmer, wenn ein Christ am Freitag öffentlich Fleisch metzgert und isst, als wenn ein Jude an dem Tage, wo es ihm religiös nicht verboten ist, tanzt?"

Verworrene Verhältnisse

Der verworrenen politischen Verhältnisse wegen war im 18. Jahrhundert das Leben für Juden und Christen in der Herrschaft nicht leicht. 1806, im Zuge der Neuordnung Bayerns, kam die Herrschaft zu Franken. Wer mehr zur Herrschaft Rothenberg wissen möchte: auf http://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/freimann/content/titleinfo/611135 ist auf 180 Seiten die Geschichte der Herrschaft, geschrieben von einem der bekanntesten bayerischen Rabbiner, Dr. Magnus Weinberg, wiedergegeben. (ddö)

Grabsteine auf dem ältesten der drei Schnaittacher Judenfriedhöfe.

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